Schmerzhafte Familienkonstellation

Main title: (The story of Olfa's Daughters)   Photo's title: (Olfa and her two Daughters in the premiere of the Tunisian movie Olfa's Daughters at the cinema of the Kulturbrauerei-Cinestar, Berlin Hall) Place & Date: (Berlin –18th Jan 2024) - Copyright / Photographer: Copyright for Qantara, Mohammed Magdy
Olfa Hamrouni und ihre beiden jüngsten Töchter Aya und Tayseer Sheikhawi bei der Vorführung des Dokumentarfilms in Berlin (Foto: Mohammed Magdy)

Zwei von vier Töchtern der alleinerziehenden Tunesierin Olfa Hamrouni schlossen sich in Libyen dem IS an. Seit mehr als neun Jahren kämpft Hamrouni darum, ihre Töchter wiederzusehen. Die tunesische Filmemacherin Kaouther Ben Hania machte aus ihrer Geschichte einen berührenden Dokumentarfilm.

Von Mohammed Magdy

Die Schwestern Rahma und Ghufran waren 2014 von zu Hause abgehauen, als ihre Mutter als Hausangestellte in Libyen arbeitete, und hatten sich dem IS angeschlossen. Später stellte sich heraus, dass Rahma den Anführer des IS-Ablegers in der libyschen Küstenstadt Sabrata, Noureddine Ben Tahir Shoushan, geheiratet hatte. Dann begann der Kampf der Mutter um ihre beiden Töchter. 

Zwei Jahre später, auf dem Höhepunkt der Kämpfe der von den USA unterstützten libyschen Milizen gegen den IS, wurde das IS-Hauptquartier in Sabrata Ziel eines Luftangriffs, bei dem 41 Menschen getötet wurden, die meisten von ihnen Tunesier. 

Rahma und Ghufran überlebten den Angriff, eine der beiden hatte zu diesem Zeitpunkt eine fünf Monate alte Tochter. Sie wurden jedoch verhaftet und befinden sich nach Angaben der Mutter seitdem in einem libyschen Gefängnis. 

Main title: (The story of Olfa's Daughters)   Photo's title: (Olfa and her two Daughters in the premiere of the Tunisian movie Olfa's Daughters at the cinema of the Kulturbrauerei-Cinestar, Berlin Hall) Place & Date: (Berlin –18th Jan 2024) - Copyright / Photographer: Copyright for Qantara, Mohammed Magdy
Der Film "Olfas Töchter" erzählt die Geschichte der alleinerziehenden Mutter Olfa Hamrouni, die nach der Scheidung von ihrem Mann an Armut und Überforderung, aber auch an ihren konservativen Vorstellungen über die Erziehung ihrer Mädchen gescheitert ist. (Foto: Twenty Twenty Vision)

Der Film mit der bekannten tunesischen Schauspielerin Hend Sabri in der Hauptrolle gewann bei den Filmfestspielen von Cannes mehrere Preise, darunter den Golden Eye Award für Dokumentarfilme, den Positive Cinema Award und bekam eine besondere Erwähnung der Jury des François-Chalais-Preises, der während der Filmfestspiele von Cannes durch die François-Chalais-Gesellschaft verliehen wird. 

Qantara.de sprach am Rande der Filmvorführung in Berlin mit Olfa Hamrouni und ihren beiden Töchtern Aya und Tayseer Sheikhawi.  

Wer trägt die Verantwortung?

Frau Hamrouni, Sie sind zum zweiten Mal in Deutschland, um den Film vorzustellen. Was ist diesmal anders? 

Hamrouni: Das erster Mal besuchts in Deutschland beim Filmfestival in Köln, als der Film dort gezeigt wurde. Jetzt hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, einen tunesischen Beamten persönlich zu treffen, und zwar den Botschafter Tunesiens in Berlin, Wassef Cheha, und so die Verantwortung zu teilen, die ich seit 10 Jahren allein trage, als Mutter, die einen Fehler in der Erziehung ihrer beiden Töchter gemacht hat und hart zu ihnen war und die ihre Töchter zurückholen will.  

Ich habe schon oft über das Schicksal der beiden gesprochen, ohne dass Verantwortliche dabei waren und ich leugne nicht, dass ich Fehler in der Erziehung gemacht habe. Aber der Staat trägt auch eine Verantwortung für ihren Schutz. Nach der Vorführung konnte ich mit Botschafter Wassef Cheha sprechen. Er drückte mir sein Mitgefühl aus und versprach, mein Anliegen auf höchster Ebene vorzubringen. 

Aber wie haben Sie es geschafft, dass aus Ihren Appellen an die Behörden ein ganzer Film geworden ist? 

Hamrouni: Alles begann mit einem Fehler des tunesischen Innenministeriums, das mich mit der Suche nach meiner Tochter Ghufran allein ließ. Während ich in Libyen arbeitete, ist Ghufran abgehauen. Sie war von der Terrororganisation IS angelockt worden. Ich habe dann um Hilfe gebeten, um meine Tochter Rahma vor dem gleichen Schicksal zu bewahren und habe die Behörden mit allen Informationen versorgt, bevor auch sie nach Libyen ging, um sich dem IS anzuschließen.  

Doch ich wurde ignoriert und allein gelassen. Dann traf ich einen Journalisten, der über meine Geschichte berichtete. Seitdem wende ich mich an die Medien, um meine Töchter zurückzubekommen. 

Main title: (The story of Olfa's Daughters)   Photo's title: (Olfa and her two Daughters in the premiere of the Tunisian movie Olfa's Daughters „four daughters“ at the cinema of the Kulturbrauerei-Cinestar, Berlin Hall) Place & Date: (Berlin –18th Jan 2024) - Copyright / Photographer: Copyright for Qantara, Mohammed Magdy
"Man kann also sagen, dass die beiden Mädchen vor einem zerstörten familiären Umfeld geflohen sind, vor Unterdrückung und Armut, vor der Grausamkeit einer Mutter – denn ich will mich hier nicht selbst von Schuld freisprechen - und der Vernachlässigung durch den Vater", sagt Olfa Hamrouni im Interview mit Mohammed Magdy. (Quelle: Tunisian movie Olfa's Daughters - four daughters)

Der Film wurde zwischen 2016 und 2021 gedreht, es hat also Jahre gedauert, bis er fertig war. Warum haben Sie der Idee für den Film zugestimmt und warum hat es so lange gedauert, bis er fertig war? 

Hamrouni: Ich habe zugestimmt, weil ich mir von dem Film Hilfe erhoffte, um meine Töchter zurückzubekommen. Als die Regisseurin Kaouther Ben Hania zu uns kam, waren wir nicht auf das vorbereitet, was auf uns zukam. Aber dann kam sie regelmäßig und erlebte die Schwierigkeiten unserer Familie, als wäre sie ein Teil von ihr. Meine Töchter Aya und Tayseer und ich lebten in Monastir (Tunesien) wie Ausgestoßene, ohne Kontakt zur Außenwelt. Sie bekam alles mit, auch unsere Streitereien, die sie manchmal schlichten musste. 2021 kam sie zu uns, um den Film zu drehen. 

Kaouther Ben Hania sagte in einem Interview, Sie hätten sie überlistet, damit Sie ihre Geschichte erzählen konnten. Wie kam es dazu? 

Hamrouni: Eigentlich wollte die Regisseurin unsere Vergangenheit gar nicht thematisieren oder dramaturgisch verarbeiten. Sie dachte an einen kurzen Dokumentarfilm über Rahma und Ghufran. Dann habe ich sie gefragt: "Werden die Leute unsere Geschichte glauben? Ihre Antwort: "Vielleicht, sie könnten es glauben". Dann sagte ich: "Nein, weil wir ganz normale Menschen sind, wird man uns nicht glauben. Aber wenn es echte Schauspieler wären, würden die Leute die Geschichte glauben". So kam sie auf die Idee, professionelle Schauspieler für den Film zu engagieren. "Bist du einverstanden?", fragte sie mich. Und ich sagte ja. 

Zuerst dachte ich nicht, dass ich in dem Film mitspielen würde. Ich dachte, ich würde die Geschichte erzählen und Hend Sabri würde sie spielen. Aber dann haben wir es zusammen gemacht. 

Olfa and two of her daughters with Wacef Chiha, the Tunisian ambassdor in Berlin during the premiere of the movie Olfa's Daughters - Copyright Qantara -Mohammed Magdy
Olfa Hamrouni mit ihren beiden jüngsten Töchtern und dem tunesischen Botschafter in Berlin, Wassef Cheha, bei der Filmpremiere. "Meine Töchter waren damals auch Opfer eines Staates, der ihnen den Weg zu diesem Gedankengut ebnete und erleichterte", sagt sie. (Foto: Mohammed Magdy)

Flucht vor einer tragischen Realität

Wie haben die Menschen auf Ihre Geschichte vor und nach dem Film reagiert? 

Hamrouni: Bevor der Film gezeigt wurde, wurde ich in Tunesien als Kriminelle und Schuldige betrachtet. Aber dann hat der Film meine ganze Geschichte gezeigt, von Anfang bis Ende. Er beleuchtet die ganze Wahrheit. Wie wir Fünf gelitten haben, die Hintergründe der Radikalisierung meiner Töchter, die weniger mit echter Religiosität oder Extremismus zu tun hatte, als mit einer Flucht vor einer tragischen Realität und der Armut, in der wir lebten und in der ihnen alles verwehrt war. Damit änderte sich auch unser Bild in der tunesischen Öffentlichkeit. Wir haben viel Sympathie erfahren, und bei jeder Vorführung erlebe ich ein Publikum, das mich unterstützt. Die Zuschauer kommen zu mir und sagen: Wir glauben dir. 

Wie war es, den Film zu drehen? Sie und Ihre Töchter haben bei Film mitgemacht, oder? 

Hamrouni: Es war sehr stressig. Auch während der Dreharbeiten gab es Streit und Probleme zwischen meinen Töchtern und mir. Manchmal sind mir die Nerven durchgegangen. In einer Szene mit Nour Al-Qamri, die meine Tochter Rahma spielt, musste ich sie so hart schlagen, dass sie wirklich verletzt war. 

Sie werden im Film von der bekannten tunesischen Schauspielerin Hend Sabri gespielt. Konnte sie ihre Gefühle gut darstellen? 

Hamrouni: Sie hat meine Gefühle genau richtig dargestellt. Ich konnte mich selbst sehen, ich sah die Fehler in meiner Persönlichkeit. Es war, als würde sie mir einen Spiegel vorhalten. Als ich meine Tochter schlagen wollte, schien sie mir zu sagen: "Hör auf damit, das ist eine Schande“. 

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"Ich will mich selbst nicht freisprechen"

Hatten Sie das Gefühl, Sie hätten verhindern können, was mit Ihren Töchtern geschehen ist? 

Hamrouni: Glauben Sie, dass ich die dunkle Seite meiner Persönlichkeit erst erkannt habe, nachdem ich den Film gesehen habe? Meine harte Haltung gegenüber meinen Töchtern ist das Ergebnis meiner traditionellen Erziehung als konservativer arabischer Frau (zum Beispiel habe geglaubt, dass der Körper der Mädchen nur dem zukünftigen Ehemann gehört). Als Kinder waren meine Schwester und ich den Schikanen meines Vaters ausgeliefert. Hinzu kamen später die Misshandlungen durch meinen Mann und dann durch meinen Stiefvater. 

Man kann also sagen, dass die beiden Mädchen vor einem schwierigen familiären Umfeld geflohen sind, vor Unterdrückung und Armut, vor der Grausamkeit einer Mutter – denn ich will mich hier nicht selbst von Schuld freisprechen - und der Vernachlässigung durch den Vater. 

Aber meine Töchter waren damals auch Opfer eines Staates, der ihnen den Weg zu diesem Gedankengut ebnete und erleichterte. Die Islamisten haben es nach dem Wahlsieg der den Muslimbrüdern nahestehenden Ennahda-Bewegung den islamischen Gruppierungen ermöglicht, Gesellschaft und Ministerien zu durchsetzen, zum Beispiel das Innenministerium, das Ministerpräsidialamt und das Ministerium für religiöse Angelegenheiten, das für den Imam in der Moschee in unserem Ort verantwortlich war. Die Mädchen begannen dann den Niqab zu tragen. Hinzu kam die Präsenz der islamischen Da’wa-Bewegung auf der Straße, geschützt von der Polizei. 

Haben Rahma und Ghufran nach ihrer Flucht je wieder Kontakt zu Ihnen aufgenommen und wie geht es Ihnen jetzt? 

Hamrouni: Sie haben mit mir über SMS und WhatsApp kommuniziert, seit sie beim IS in Sabrata waren. Ich habe immer noch Kontakt zu ihnen, obwohl sie in Libyen in Gefangenschaft sind. Als wir mit den Dreharbeiten begannen, verhandelte die Regisseurin mit den libyschen Behörden, um sie in den Film einzubeziehen. Nach anfänglicher Zustimmung wollten sie später nicht mehr mitmachen. 

Natürlich empfinde ich heute großes Bedauern, aber sie wollten sich gegen ihr damaliges Leben auflehnen und träumten von einem besseren Leben in Würde, wie es ihnen von den Anführern der Extremistengruppe eingeredet wurde. Als sie in Libyen beim IS ankamen, fanden sie sich in der Gewalt der Anführer der Organisation wieder, die sie für ihre Zwecke instrumentalisiert haben. 

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"Der Film wird die Wirklichkeit verändern"

Im Januar 2022 wurden die beiden Mädchen zu 16 Jahren Haft verurteilt und aus Libyen ausgewiesen. Aber die tunesische Regierung weigert sich, sie nach Tunesien zurückzunehmen. Deshalb fordere ich vor allem die Herausgabe von Fatima, der Tochter von Ghufran, die seit ihrem fünften Lebensmonat zusammen mit ihrer Mutter inhaftiert ist.

Ghufran und Rahma müssen in ihr Heimatland gebracht werden. Dort gibt es eine Justiz, die die Mädchen vor Gericht stellen könnte, und dort können sie bestraft werden, wenn sie schuldig gesprochen werden. So wie der Staat ihre Ausreise erleichtert hat, muss er auch ihre Rückkehr ermöglichen. 

Wie haben Sie die Teilnahme des Films an den Filmfestivals und die gewonnenen Preise empfunden? Bringt der Film die vergessenen Geschichten und Leiden der Opfer extremistischer Organisationen zurück? 

Hamrouni: Natürlich denke ich, dass der Film viele Gruppen berührt, da viele Probleme und Themen angesprochen werden. Ganz sicher wird er die Wirklichkeit verändern. 

Qantara.de sprach auch mit Tochter Aya über ihre Teilnahme am Film und ihre Beziehung zu Mutter und Schwester: 

Der Film zeigt eine Mutter-Tochter-Beziehung voller Widersprüche zwischen Verspieltheit und Gewalt. Welche Beziehung hatte Olfa zu ihren vier Töchtern? 

Tochter Aya: Olfa kämpft bis heute für die Rückkehr meiner beiden Schwestern. Das ist der beste Beweis dafür, dass sie keine schlechte oder grausame Mutter ist. Egal, wie grausam die Leute sind, egal, wie viel sie reden, Olfa kämpft weiter und sagt: "Ich habe Schuld auf mich geladen, aber ich will es wieder gut machen und meine Töchter zurückholen". 

Sie war nicht wie der Vater, der sich scheiden ließ und sie mittellos und mit der Verantwortung für vier Mädchen zurückließ. Sie war Vater und Mutter in einer Person und übernahm die Verantwortung für uns. Sie ging zweimal am Tag arbeiten, um für uns zu sorgen. Sie mag mit ihren Erziehungsmethoden falsch gelegen haben. Aber das geschah aus Sorge, dass wir Fehler machen könnten. Letztendlich hat diese harte Erziehung auch meinen Charakter gestärkt. 

Deshalb sagt Olfa im Film auch: "Ich habe ihnen Kraft eingepflanzt, und sie haben sie gegen mich gewendet": Wie kam es, dass sich Ihre Schwestern gegen die Mutter aufgelehnt haben und nach Libyen abgehauen sind? 

Aya: Meine Mutter ging nach Libyen, um als Hausangestellte zu arbeiten. Damals waren Rahma und Ghufran Teenager, Taysir und ich sind die beiden Jüngsten. Meine großen Schwestern fingen an, gegen das Leben zu rebellieren und auszugehen. Olfa beschloss, uns mitzunehmen, weil sie Angst hatte, dass wir allein zu Hause zurückbleiben würden. 

Nachdem wir drei Monaten in Libyen waren, ist Ghufran weggelaufen. Meine Mutter kehrte mit uns nach Tunesien zurück und ging mehrmals zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Ihre Bitten an die Regierung, ihr zu helfen, Ghufran zurückzuholen, wurden nicht gehört. Kurz haute auch Rahma ab und schloss sich Ghufran an. Junge Männer und Frauen des IS hatten sie angelockt. 

Es gibt eine Szene im Film, in der Rahma dich und deine jüngere Schwester zu Hause auspeitscht, weil ihr zu spät das Gebet verrichtet, und es gibt auch eine Szene über den Tod und die Bestrafung im Grab... Warum sind diese Szenen im Film? 

Aya: Wenn Sie diese Szene sehen, schockiert Sie das vielleicht. Aber für uns war das Spaß oder es diente der Selbsterziehung, um uns zum Fasten oder Beten zu motivieren. Wir waren jung und es war fast wie in einem Videospiel. 

Wollen Sie nach Ihrem Auftritt im Film Schauspielerin werden? 

Aya: Eigentlich mag ich die Schauspielerei nicht. Ich wollte einfach meine Stimme erheben, um meinen Schwestern und all den Menschen, deren Kinder ebenfalls zu den vergessenen Opfern des IS gehören, Gehör zu verschaffen, damit sie zu ihren Familien und in ihr Land zurückkehren können. 

Das Interview führte Mohammed Magdy.

© Qantara.de 2024 

Aus dem Arabischen übersetzt von Daniel Falk