Opfer von Krieg und Klima

Für das Ausmaß der Flutkatastrophe in Libyen sind nicht nur der Klimawandel, sondern offenbar auch der langjährige Bürgerkrieg verantwortlich. Politisches Chaos und Gewalt behinderten einen effektiven Hochwasserschutz. Von Kersten Knipp

Von Kersten Knipp

Nach den verheerenden Überschwemmungen im Nordosten Libyens offenbart sich immer mehr das gesamte Ausmaß der Katastrophe. So zitierten lokale Medien einen Sprecher des Innenministeriums der Regierung im Osten des Landes mit der Aussage, in Darna seien mehr als 5200 Menschen ums Leben gekommen.

Rund 10.000 Menschen gälten als vermisst, erklärte der Leiter der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Libyen, Tamer Ramadan. "Die Zahl der Todesopfer ist enorm und könnte in die Tausende gehen", so Ramadan.

Zugleich teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit, allein in Darna seien 30.000 Menschen durch die Überflutungen obdachlos geworden.

 

IOM Libya reports at least 30,000 individuals displaced in Derna due to #Storm Daniel, with 3,000 in Albayda, 1,000 in Almkheley, and 2,085 individuals still displaced in Benghazi. Number of deaths is currently unverified. Read the latest DTM Flash Update: https://t.co/js4Ra3RRmJ pic.twitter.com/ePK0kOw7NE

— IOM Libya (@IOM_Libya) September 13, 2023

 

Die 300 Kilometer östlich von Bengasi gelegene Küstenstadt Darna wird von einem Flussbett durchzogen, das im Sommer in der Regel kein Wasser führt. Aufgrund der starken Regenfälle verwandelte es sich aber in einen reißenden Strom, der auch mehrere Brücken wegspülte.

Viele der mehrstöckigen Gebäude am Ufer des Flussbettes stürzten ein. Menschen, ihre Häuser und Autos verschwanden in den reißenden Fluten. "Die Lage ist katastrophal. Überall liegen Leichen - im Meer, in den Tälern, unter den Gebäuden", sagte der Luftfahrtminister der im Osten herrschenden Regierung, Hichem Chkiuat, der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch er rechne damit, dass die endgültige Zahl der Opfer "sehr, sehr hoch" sein werde. "Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass 25 Prozent der Stadt verschwunden sind." 

 Flutkatastrophe in Libyen: Helfer des Libyschen Roten Halbmonds in Darna. (Foto: AA/ picture alliance)
Flutkatastrophe in Libyen: Helfer des Libyschen Roten Halbmonds in Darna.

Verzweifelte Suche nach Angehörigen

Viele Menschen wissen derzeit nicht, ob ihre Angehörigen und Freunde noch am Leben sind. Diese Ungewissheit sei quälend, sagt Thomas Claes, Leiter des Regionalbüros Libyen der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Sitz in Tunesien.

"Ich höre hier von einer ganzen Reihe von Personen, die seit zwei, drei Tagen keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen und Freunden haben. Das liegt auch daran, dass das Telefonnetz zusammengebrochen ist. So wissen sie nicht, wie es ihnen geht oder ob sie überhaupt noch leben."

"Ich ertrage es nicht mehr, die Bilder und Namen all der Toten vorbeiziehen zu sehen", sagt ein Mann aus Darna im Gespräch mit der französischen Zeitung 'Le Figaro'. Er wisse von einem ehemaligen Lehrer, einem Freund aus Kindertagen, eine befreundete Familie und Nachbarn: "Alle sind tot!" Seit Montag, sagt der Mann, habe er nicht mehr geschlafen.

Thousands in Tripoli performed the absentee funeral prayer for the victims of floods in east #Libya pic.twitter.com/lmzUMN7Z2A

— The Libya Observer (@Lyobserver) September 12, 2023

 

Strände verschwinden

Die jüngsten Überschwemmungen seien sehr wahrscheinlich eine Folge des Klimawandels, sagte der Kieler Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif am Mittwoch (13.9.2023) gegenüber dem Bayerischen Rundfunk.

Im Fall von Libyen gingen sie auf "sehr, sehr aufgeheizte" Temperaturen des Mittelmeers zurück, auf die dann kalte Luft aus dem Norden treffe. Die mutmaßlichen Folgen des Klimawandels machen sich in weiten Teilen Nordafrikas seit Längerem bemerkbar, so etwa im Verschwinden der Strände.

Allerdings seien die Schäden in Darna auch deshalb so verheerend, weil die Stadt von den Auswirkungen des Bürgerkrieges besonders hart betroffen war, sagt Asma Khalifa, Libyen-Expertin beim German Institute for Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg.

So lieferten sich nach dem Tod des damaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi 2011 rivalisierende Milizengruppen erbitterte Kämpfe um die Macht. Diese weiteten sich in den folgenden Jahren zu einem Krieg aus, in den zunehmend auch internationale Akteure verstrickt waren.

Das hatte auch Folgen für Darna. Khalifa verweist auf die Jahre 2013 und 2014, als die Stadt unter der Herrschaft der Terror-Miliz "Islamischer Staat" (IS) stand. "Als libysch-arabische Streitkräfte die Stadt dann zu befreien versuchten, stand sie dadurch zwei Jahre lang unter einer Blockade. Daher ist die Infrastruktur dort noch fragiler als in vielen anderen Städten des Landes", so Khalifa im DW-Gespräch.

Erbitterte Machtkämpfe

Infolge des Krieges ist das Land zudem zwischen zwei rivalisierenden Regierungen aufgeteilt. Die eine, international anerkannte Regierung hat ihren Sitz in Tripolis. Die zweite, rivalisierende Regierung residiert im Osten des Landes, wo es nun zu den verheerenden Überflutungen gekommen ist.

Diese Spaltung sei ein enormes strukturelles Problem, so Khalifa. "Der Krieg hat die Institutionen beider Seiten geschwächt und massive Korruption sowie den Missbrauch öffentlicher Gelder begünstigt."

Dies habe massiv zur Zerstörung der Infrastruktur beigetragen, zuletzt im Fall der nun zerstörten oder beschädigten Dämme und Straßen, meint Expertin Khalifa. "Der Krieg ist auch der wesentliche Grund für die chaotische Reaktion auf die Krise."

 

Aerial view of devastation caused by Storm Daniel in #Derna. #Libya #ليبيا pic.twitter.com/hjrSONCR6P

— Alwasat Libya (@alwasatengnews) September 12, 2023

 

Unsichere Staudämme

Es gebe glaubwürdige Berichte, dass die nun zerstörten Dämme in und um Darna nicht regelmäßig kontrolliert und gewartet worden seien, sagt Thomas Claes von der Ebert-Stiftung.

"Wir wissen es noch nicht genau, aber offenbar waren sie in schlechtem Zustand. Das hängt natürlich damit zusammen, dass die staatlichen Strukturen in ganz Libyen, insbesondere aber im Osten, generell sehr schwach sind."

Ähnliches berichtet auch die panarabische, in London erscheinende Zeitung 'Al Quds Al-Araby'. Der Einsturz der beiden Staudämme und die Überschwemmungen gingen nicht allein auf natürliche Faktoren zurück, schreibt die Zeitung. Sie gründeten auch auf baulichen Mängeln und vernachlässigten Wartungsarbeiten.

Doch die Auswirkungen des Krieges sind möglicherweise nicht das einzige, das zur Wucht der Katastrophe beigetragen hat. Es gab offenbar in den ersten Stunden der Katastrophe auch Fehlentscheidungen.

"Es gibt Berichte, denen zufolge die Streitkräfte beim Ausbruch des Unwetters zunächst Ausgangssperren verhängt und Bürger aufgefordert hätten, zu Hause zu bleiben", sagt Khalifa. Zweifelsfrei bestätigen lassen sich solche Berichte in einem instabilen, politisch fragmentierten Land ohne transparente Regierungshandeln freilich kaum.

Not erfordert Kooperation politischer Rivalen

Beide Regierungen hätten sich zunächst eher passiv verhalten, sagt auch Libyen-Experte Thomas Claes - auch die international anerkannte Regierung, die in Darna faktisch keine Kontrolle ausübt.

"Die Regierung in Tripoli versuchte eher, die Bevölkerung zu beruhigen. Sie sandte zunächst die Botschaft aus, es sei alles nicht so schlimm, und nun müsse man zusammenzuhalten."

#StormDaniel has claimed thousands of lives, causing widespread damage and wiping out livelihoods in eastern #Libya.



I am allocating $10 million from @UNCERF to swiftly support people affected by the floods.



We stand with the people of Libya at this difficult time.

— Martin Griffiths (@UNReliefChief) September 13, 2023

Inzwischen haben beide rivalisierende Regierungen reagiert und betreiben aktive Nothilfe. So hat die im Westen gelegene, international anerkannte Regierung Hilfskonvois in die Region gestartet  Auch Rettungsdienste sowie Techniker zur Reparatur des Stromnetzes sollen auf den Weg gebracht werden.

Zahlreiche Staaten haben inzwischen Hilfe angeboten. Die Vereinten Nationen haben 10 Millionen US-Dollar für die Katastrophenhilfe bereitgestellt, schrieb Martin Griffiths, Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator, auf dem Kurznachrichtendienst X.

Diese Hilfe sei dringend nötig, sagt Asma Khalifa. "Libyen selbst verfügt nicht über die erforderlichen Evakuierungs- und Versorgungskapazitäten. Darum braucht es die Unterstützung sämtlicher benachbarter Länder, auch der europäischen. Auf sie kommt es jetzt dringend an."

Kersten Knipp

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