"Wir wollen nur unser eigenes Geld zurück"

Jahr für Jahr überweisen afrikanische Gastarbeiter Milliarden Dollar zurück an ihre Familien. Doch bis zu 20 Prozent kommen dort nie an – sie gehen als Gebühren an Money-Transfer-Unternehmen. Monika Hoegen berichtet.

Geldwechsel in Afrika, Foto: ap
Bis zu 20 Prozent der Rücküberweisungen nach Afrika gehen aufgrund von Gebühren verloren

​​In ihrer Bedeutung sind sie kaum zu unterschätzen: die Geldtransfers, die tagtäglich von Migranten in den Industriestaaten an ihre Familien daheim überwiesen werden. Rund 200 Millionen Menschen arbeiten inzwischen als so genannte Gastarbeiter in der Fremde.

Im vergangenen Jahr überwiesen sie nach Angaben der Weltbank 232 Milliarden US-Dollar in ihre Heimatländer. Aber nur Rund 70 Prozent der Gelder, 167 Milliarden US-Dollar, flossen dabei zurück in die Entwicklungsländer.

Die Überweisungen liegen damit höher als die gesamte Entwicklungshilfe und sind für viele Länder die wichtigste Devisenquelle. In einzelnen Familien machen sie oft mehr als 50 Prozent des Haushaltseinkommens aus.

Geldtransfer ohne Bank

Allerdings: Viele Daheimgebliebene verfügen über kein Konto - Geldanweisungen aus Übersee per regulärer Bank sind damit nicht möglich. Deshalb greifen viele Migranten auf spezielle Geldtransfer-Dienstleister zurück, wie etwa den Marktführer Western Union.

Das Unternehmen hat 270.000 Verkaufsstellen in 200 Ländern, 5100 Standorte allein in Deutschland. Innerhalb weniger Minuten kann dort Geld angewiesen und ebenso schnell vom Empfänger abgeholt werden. Einzige Voraussetzung: Ein Personalausweis und eine Identifikationsnummer, die der Überweiser dem Begünstigten direkt nach der Transaktion mitteilen muss.

Nachteil des schnellen, weltweit funktionierenden Verfahrens: Die Gebühren sind enorm und können auch schon mal zweistellige Höhen erreichen. Das kritisiert auch Emmanuel Argo, Präsident der Global African Diaspora Coalition, einem Zusammenschluss im Ausland lebender Afrikaner, darunter viele Geschäftsleute.

Er bezeichnet die 20-Prozent-Gebühr, die von den Geldtransfer-Instituten oft erhoben wird, als skandalös und fordert die Unternehmen auf, etwas von ihren Gebühren zurückzugeben.

Deshalb verlangen Emmanuel Argo und seine Mitstreiter die Einrichtung eines "Global African Diaspora Economic and Development Fund". Ein Teil der Gebühren sollte darin einfließen und dem Aufbau kleiner und mittelständischer Unternehmen in Afrika zugute kommen, so die Idee.

Breite Unterstützerfront

"Wir sagen, von den zwanzig Prozent, die genommen werden muss, etwas wieder zurückgegeben werden. Die Unternehmen müssen etwas von ihrem übertriebenen Prozentsatz an diesen Fond, den wir gründen wollen, zurückzahlen," meint Agro.

Um für mehr Transparenz zu sorgen und seinen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen, hat sich Agro mit mehreren internationalen Organisationen, wie der Afrikanischen Entwicklungsbank oder der Weltbank, zusammengeschlossen. Das, so sagt er, sei schon die halbe Garantie.

Auch die G-8-Staaten, so Argo, sollten sich mit dem Thema beschäftigen und politischen Druck auf die Geldtransfer-Institute ausüben. Schließlich verlange man keine Hilfe, auch keinen neuen Schuldenerlass, sondern lediglich die Rückgabe eines Teils der Gelder, die von Afrikanern selbst erwirtschaftet wurden.

Ihren Vorstoß zur Umwidmung der Transfer-Gebühren versteht die Global African Diaspora Coalition auch als Akt der Solidarität mit ihren Brüdern und Schwestern auf dem afrikanischen Kontinent.

Vorschlag aus der Diaspora

Unterstützt wird die Initiative zum Beispiel von Henry Malumbo aus Sambia. Er ist Aktivist des Global Call of Action against Poverty, in Deutschland als Kampagne "Deine Stimme gegen Armut" bekannt.

Die Initiative entstand 2005 beim Weltsozialforum in Porto Alegre und will Druck auf die Politiker ausüben, ihre Entwicklungsversprechen, wie zum Beispiel in den Millenniumszielen formuliert, auch einzulösen. Henry Malumbo begrüßt dazu den Schulterschluss mit den Diaspora-Afrikanern und erklärt:

"Natürlich betrachten wir die Dinge etwas unterschiedlich. Aber wenn es um Afrikas Entwicklung geht, möchte ich unterstreichen, dass wir Afrikaner immer mehr zusammenrücken, wir gehen mit vereinter Stimme voran. Und wir schätzen auch die Stimme aus der Diaspora und von unseren Leuten zuhause. Gemeinsam können wir vereint für die Region sprechen."

Und was der Mann aus Sambia von dem Vorschlag aus der Diaspora zur Gründung eines Fonds für klein- und mittelständische Unternehmen hält? Da äußert sich Henry Malumbo zwar diplomatisch, aber doch noch verhalten skeptisch.

Er findet die Initiative an sich zwar gut, fordert aber auch noch mehr Gespräche zwischen den Afrikanern in der Region, denen in der Diaspora und den beteiligten Interessengruppen, wie etwa den Firmen, die das Geld nach Afrika schicken.

"Wir hoffen auch", so erklärt er, "dass Initiativen wie die mit den Rücküberweisungen eines Tages helfen können, einen Durchbruch bei der Armutsbekämpfung zu erzielen. Und jeder Versuch, der in diese Richtung geht, wird anerkannt. Ein Versuch, der aber nicht die Anstrengungen der Afrikaner an der Basis selbst unterstützt, ist in der Regel nicht willkommen."

Monika Hoegen

© Deutsche Welle 2006

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