Der schwierige Weg zum Frieden

Kriegsbilder aus Afghanistan – für viele sind sie alltäglich geworden. Ein Theater in Potsdam hat sich des Themas angenommen und schafft, was den Medien kaum mehr gelingt: den Gewöhnungseffekt zu durchbrechen. Von Silke Bartlick

Szene aus dem Theaterstück Potsdam - Kundus; Foto: HL Böhme/DW
Überzeugt mit Momenten beklemmender Eindringlichkeit: "Potsdam - Kundus. Der schwierige Weg zum Frieden in Afghanistan - ein dokumentarischer Theaterabend"

​​ Die Bühne ist umrahmt von Pinnwänden, die mit Unmengen von Papieren bedeckt sind. In hohen Regalen türmen sich Aktenordner, an denen sich ein paar Männer und Frauen entlanglesen, mal hier innehalten, mal dort blättern, verharren, sich von Texten gefangen nehmen lassen.

Sie sind auf der Suche – nach Antworten auf ganz grundlegende Fragen. Fragen, die da lauten: Kann man Frieden stiften in Afghanistan? Kann eine internationale Gemeinschaft Frieden stiften? Und wenn ja: Wie kann sie das tun? Welche Versuche wurden gemacht? Und wie erleben Menschen, die in diesem Umfeld arbeiten, die Strategien, die eingesetzt werden, um Frieden zu stiften oder zu sichern?

Mit Informationen zu Afghanistan, sagt der Regisseur Clemens Bechtel, werde man geradezu überversorgt. Aber dennoch bleibe das Gefühl, nicht genau zu wissen, worum es dort eigentlich gehe.

Deshalb hat er angefangen zu recherchieren - im Internet und in den Medien, in Studien und Veröffentlichungen von Hilfsorganisationen, in Dokumenten des Deutschen Bundestags, in Tagebüchern, Blogs und vor allem im Gespräch mit unterschiedlichen Menschen, die mit dem deutschen Afghanistaneinsatz in Berührung gekommen sind.

Eindringliche Momentaufnahmen

Theatrale Spurensuche zwischen Potsdam und Kundus: Auf der Grundlage von Recherchen und Gesprächen mit Partnern aus verschiedenen Feldern der deutschen Gesellschaft werden die Facetten des deutschen Afghanistan-Einsatzes von der Petersberger Konferenz 2001 bis heute aus vielen politischen Perspektiven beleuchtet.

​​ Aus diesem Material ist schließlich ein Theatertext entstanden, der die Ereignisse der letzten 10 Jahre wie im Zeitraffer verdichtet, der referiert, erzählt, collagiert. Und der immer wieder in kleine Spielszenen mündet, in denen die Schauspieler in die Rollen der Politiker, Entwicklungshelfer, Soldaten und Taliban schlüpfen. Clemens Bechtel bezeichnet das als "theatrale Spurensuche".

Und diese theatrale Spurensuche, die nun im Hans Otto Theater Potsdam unter dem Titel "Potsdam - Kundus" zur Uraufführung kam, überzeugt mit Momenten beklemmender Eindringlichkeit: Wenn die junge Friedensaktivistin aufschreit, weil in einer der ersten Ratsversammlungen ehemalige afghanische Kriegsherren in leitende Positionen zurückversetzt werden, obwohl sie kurz zuvor Tausende von Zivilisten hatten ermorden lassen.

Wenn bei den Holländern Särge ausgeliehen werden müssen, weil die im Lager vorhandenen deutschen Restbestände für die großgewachsenen toten Soldaten zu kurz sind. Oder wenn eine lange Minute verstreicht, ohne dass irgendetwas geschieht, ohne dass irgendjemand spricht, bis der Befehl zur Bombardierung zweier von Taliban entführter Tanklaster ausgeführt ist.

Die Verantwortung bleibt

Clemens Bechtel; Foto: &copy Hans Otto Theater Berlin
Mit Informationen zu Afghanistan, sagt Regisseur Clemens Bechtel, werde man geradezu überversorgt. Aber dennoch bleibe das Gefühl, nicht genau zu wissen, worum es dort eigentlich gehe.

​​ Für viele Afghanen seien die Bundeswehrsoldaten Besatzer, sagt Terishkova Obaid, eine Afghanin, die seit 1987 in Berlin lebt und mit den Schauspielern auf der Bühne steht, wo sie aus ihrer ganz persönlichen Warte die Geschichte einer Desillusionierung erzählt.

In Afghanistan sei alles völlig gegen die Wand gelaufen, konstatiert der frühere UN-Berater und Afghanistan-Experte Thomas Ruttig im Video-Interview. "Was ist nach Afghanistan? Und: Wann ist nach Afghanistan?" fragt Oberstleutnant Jörg Langer, Sprecher des Einsatzführungskommandos für die Bundeswehr in Afghanistan.

Dass Dinge sich anders entwickelt haben, als man es sich erhofft hatte - davon berichtet dieser Abend. Er erzählt von politischen Fehlern und von zu vielen, die sich eingemischt haben – von Entwicklungshilfe, die in die falschen Hände gelangte und von Entwicklungshelfern und Ärzten, die zu Schießbudenfiguren wurden, von der Langeweile in den Lagern der Soldaten, von unerlaubten Lieben, von Traumata, Attentaten und von einem jungen Deutschen, der zum Taliban wurde und seine Autobiographie kurz vor seinem Tod im Internet veröffentlichte.

Es ist ein Abend, der daran erinnert, dass die internationale Gemeinschaft – und mit ihr Deutschland – in Afghanistan eine große Verantwortung übernommen hat. Und dass man dieser Verantwortung gerecht werden muss.

Silke Bartlick

© Deutsche Welle 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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