Iranisches Kino

Filmen gegen alle Widerstände

Das iranische Kino hat eine lange Tradition. Trotz Zensur kommen gesellschaftskritische Filme aus dem Land. Die Regisseure nehmen große Risiken auf sich. Das zeigt sich in diesen Tagen erneut beim Filmfest Hamburg. Von Jochen Kürten

Eigentlich hatte man den iranischen Regisseur Mohammad Rasoulof in Hamburg und Nürnberg erwartet. In der Hansestadt stand die Deutschlandpremiere seines neuen Films "Manuscripts don't burn" auf dem Programm. Ein paar Tage später sollte Rasoulof dann nach Nürnberg reisen, wo er die Schirmherrschaft des Filmfestivals der Menschenrechte übernommen hatte. Doch Mohammad Rasoulof kann sein Heimatland derzeit nicht verlassen.

Keine Haft, aber auch keinen Pass

Rasoulof, der mit seiner Familie inzwischen in Hamburg einen zweiten Wohnsitz hat, war vor einigen Tagen in die Hauptstadt des Iran gereist. Zur Premiere seines neuen Werks im Rahmen des Hamburger Filmfestes (26.09. bis 05.10.2013) hatte man ihn zurückerwartet. Nach seiner Ankunft in Teheran nahmen ihm die Behörden allerdings seinen Pass ab. "Wir stehen in ständigem Kontakt zu Rasoulof, über seine Frau und Freunde", sagt Kathrin Kohlstedde vom Hamburger Filmefest. Der Regisseur dürfe sich frei bewegen, er sei nicht inhaftiert. Aber ohne Pass könne er nicht zurück nach Deutschland.

Regisseur Mohammad Rasoulof; Foto: Sandra Hoever
Regisseur Mohammad Rasoulof: "Meine Vernunft sagt: 'Du bringst Dein Leben in Gefahr. Fürchte Dich'. Mein Gefühl sagt: 'Egal'."

Das bestätigt auch Matthias Rüd vom Menschenrechtsfilmfestival Nürnberg: "Rasoulof wartet auf Informationen der Behörden, bis er etwas hört, muss er bleiben, wo er ist." Es scheint, als ob die Behörden in Teheran auf Rasoulofs jüngste Arbeiten und sein Auftreten im Ausland reagiert hätten.

Drehen trotz Berufsverbot

Denn eigentlich darf Rasoulof offiziell nicht als Regisseur arbeiten. Gemeinsam mit Jafar Panahi war Rasoulof im März 2010 verhaftet und mit einer drakonischen Strafe belegt worden: Sechs Jahre Haft und 20 Jahre Berufsverbot lautete das Urteil wegen "Propaganda gegen das System". Auch wenn Rasoulof dann doch auf Bewährung freikam und Panahis Haft in Hausarrest umgewandelt wurde - die Berufsverbote blieben bestehen. Die Regisseure widersetzen sich jedoch der Auflage.

Panahi drehte den Film "Pardé" ("Geschlossene Vorhänge"), der bei der Berlinale im Februar einen Silbernen Bären gewann. Rasoloufs Film "Dastneveshtehaa Nemisoozand" ("Manuscripts don't burn") feierte seine Weltpremiere im Mai in Cannes.

Arbeiten trotz Berufsverbot

Wie ist das zu erklären? "Die Situation im Iran ist sehr kompliziert und unübersichtlich", sagt der iranische Filmjournalist Ali Amini. "Die Filmemacher werden im Iran schikaniert. Es gibt Hunderte von Methoden, sie an ihrer Arbeit zu hindern." Man dürfe drei "rote Linien" nicht überschreiten, die das Regime in Teheran gezogen hat. Als Filmemacher sollte man nicht stur an seinen Projekten festhalten, man müsse flexibel und im Gespräch mit den Behörden bleiben. Dann könne man arbeiten, sagt Amini.

Thematisch seien zwei Themenkomplexe tabu. Die religiösen Führer, sowohl der 1989 verstorbene Ajatollah Khomeini als auch Ajatollah Khamenei, dürften nicht kritisiert werden. Auch könne man sich keine Kritik am Ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak (1980-1988) erlauben. Alles andere sei durchaus unter bestimmten Voraussetzungen möglich: "Mutige Regisseure können so auch Sozialkritik üben, sich mit der Verschleierung von Frauen und sogar sexueller Thematik beschäftigen."

Filmszene aus Manuscripts don't burn von Mohammed Rasoulof; Quelle: Elle Driver
Schonungslos direkt: Rasoulofs Film "Manuscripts don't burn" zeigt die Unerbittlichkeit und die Perfidie des Geheimdienstes der Islamischen Republik.

Rasoulofs Film "Manuscripts don't burn" wurde am Dienstag (01.10.2013) auf dem Filmfest im Hamburg gezeigt. Er ist eine scharfe Anklage gegen die Arbeit des iranischen Geheimdienstes und dreht sich um eine Mordserie an Intellektuellen im Iran der 1990er Jahre. Dieser Film ist das aktuellste Beispiel für die Produktivität der iranischen Filmemacher unter schwierigen Bedingungen. "Iran Deluxe" heißt die von Jafar Panahi kuratierte Filmreihe zum iranischen Kino, die in diesen Tagen in Hamburg gezeigt wird. "Wir wollten Panahi die Gelegenheit geben, wenn er schon keine Filme drehen kann, sein filmisches Wissen weiterzugeben", sagt Kathrin Kohlstedde.

Preise auf allen großen Festivals

Seit gut zwei Jahrzehnten räumen Filme aus dem Iran regelmäßig Preise bei den großen Festivals der Welt ab: Abbas Kiarostami, der dem iranischen Kino neue Wege wies, aber auch Mohsen Makhmalbaf, Asghar Farhadi, und eben Panahi und Rasoulof sind inzwischen bekannte Namen im internationalen Kino. Mit ihren oft langen und ruhigen Einstellungen erzählen sie in ihren Filmen Geschichten von einfachen Menschen und ihren Nöten. Dabei müssen sie auf direkte Attacken gegen das Regime in Teheran verzichten. Die iranischen Regisseure haben auch deshalb zu einer ganz eigenen Formensprache gefunden. Sie erzählen ihre Geschichten oft indirekt und mit Metaphern und Symbolen.

Doch es gibt auch noch andere Gründe für die spezifische Ästhetik des iranischen Kinos: "Es liegt an unserer Poesie. Die persische Sprache ist eine bildhafte Sprache, sie verfügt über eine reiche Tradition", sagt Ali Amini. "Man erzählt seine Themen in Bildern, eben weil die persische Sprache so bildreich ist."

Hoffen auf liberalen Wandel

Es bleibt abzuwarten, ob sich die Situation für Künstler, Intellektuelle und Filmemacher nach der Wahl von Hassan Rohani zum neuen Präsidenten verändert. Erste Reden und Gesprächsangebote lassen das vermuten. Die drakonischen Strafen wurden in der Ära seines Vorgängers Mahmud Ahmadinedschad verhängt. Dass Rasoulof nun in Teheran nicht direkt verhaftet wurde, man ihm lediglich den Pass entzog, obwohl er gegen das Berufsverbot verstoßen hat, werten manche politische Beobachter als gutes Zeichen. "Doch es ist noch viel zu früh das zu beurteilen, das Ganze könnte auch noch nach hinten losgehen", meint Katrin Kohlstedde, die in den vergangenen Jahren regelmäßig das Filmfestival in Teheran besucht hat und über viele Kontakte verfügt.

Mohammed Rasoulof gibt trotz der Repressalien nicht auf. Kurz vor seiner jetzigen Abreise nach Teheran hatte er dem deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" noch ein Interview gegeben. Auf die Frage, ob er denn keine Angst habe vor Reaktionen der iranischen Behörden, hatte Rasoulof geantwortet: "Meine Vernunft sagt: 'Du bringst Dein Leben in Gefahr. Fürchte Dich'. Mein Gefühl sagt: 'Egal'."

Jochen Kürten

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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