Kritik und Kommerz 

Auf der Buchmesse in Abu Dhabi werden die Probleme des arabischen Buchmarkts und der arabischen Literatur inzwischen erstaunlich offenherzig diskutiert. Sie ist auch zu einem internationalen Treffpunkt geworden, wie es ihn seit den arabischen Revolutionen nicht gab.
Auf der Buchmesse in Abu Dhabi werden die Probleme des arabischen Buchmarkts und der arabischen Literatur inzwischen erstaunlich offenherzig diskutiert. Sie ist auch zu einem internationalen Treffpunkt geworden, wie es ihn seit den arabischen Revolutionen nicht gab.

Auf der Buchmesse in Abu Dhabi werden die Probleme des arabischen Buchmarkts und der arabischen Literatur inzwischen erstaunlich offenherzig diskutiert. Sie ist auch zu einem internationalen Treffpunkt geworden, wie es ihn seit den arabischen Revolutionen nicht gab. Aus Abu Dhabi informiert Stefan Weidner.

Von Stefan Weidner

Und jährlich grüßt der Gastlandauftritt: Zum dritten Mal direkt hintereinander ist Deutschland in diesem Jahr das offizielle Gastland der Buchmesse in Abu Dhabi. Corona hat den deutschen Auftritt in die Wiederholungsschleife geschickt: 2020 fiel der Event pandemiebedingt aus, 2021 gab es nur eine Miniversion, bei der die meisten Veranstaltungen online stattfanden.  

Umso prächtiger ging es dieses Jahr zu. Eine Glitzerbühne war aufgebaut, und unter dem Titel German Stories konnte man sich vor Veranstaltungen kaum retten. Fast alle, die in der deutsch-arabischen Literatur- und Übersetzerszene etwas zu sagen haben, waren eingeladen, und die langjährige Kooperation der Frankfurter Buchmesse mit der in Abu Dhabi zahlte sich endlich aus.

Das liegt auch daran, dass die vom "Zentrum für arabische Sprache“ ausgerichtete Messe in Abu Dhabi inzwischen mehr als alle anderen arabischen Buchmessen (es gibt in fast allen arabischen Ländern mindestens eine) nicht nur ein innerarabischer, sondern ein internationaler Treffpunkt geworden ist. Hier und nirgendwo anders begegnet man den Autorinnen und Autoren, Freunden und Kolleginnen, die sonst in Kanada, Russland, Großbritannien, in Beirut oder in Oberägypten, in Kuwait, Irak oder Marokko zuhause sind.  

Ist Literatur Teil der Kreativindustrie? 

Auch auf anderen Feldern bemüht sich Abu Dhabi, den arabischen Literaturbetrieb in einen gut integrierten Bestandteil der globalisierten Kreativindustrie zu verwandeln. Der Wille ist da, aber die Herausforderungen sind gigantisch. Die Frage freilich, wie sinnvoll es ist, in Sachen Kultur und Literatur ausschließlich auf Kommerz zu setzen, bleibt außen vor. Auf dem vor der Messe stattfindenden "International Congress of Arabic Publishing and Creative Industries“ war diese Frage der sprichwörtliche Elefant, über den niemand reden wollte, obwohl er doch unübersehbar die ganze Zeit mitten auf der Bühne stand.

Eine Schulklasse auf der Buchmesse in Abu Dhabi 2022; Foto: Stefan Weidner
Die Leser von morgen: Eine Schulklasse auf der Buchmesse in Abu Dhabi. Überall in den arabischen Ländern würden neue, kleine Buchhandlungen und innovative Verlage aus dem Boden schießen, schreibt Stefan Weidner. "Dabei entstehe freilich fast der Eindruck, es gebe inzwischen mehr Leute, die im Literaturbetrieb arbeiteten als Leserinnen und Leser. Zumal diese besonders auf Titel anspringen, die oberflächliche Unterhaltung oder Lebenshilfe und 'Self-Improvement' versprechen — wie in einem neoliberal gedachten Buchmarkt nicht anders zu erwarten. Auch das Hörbuch hat in der arabischen Welt neuerdings einen Platz: Beim Kochen und beim Autofahren hören die Menschen am liebsten. Aber auch hier hat die gute Literatur, ganz wie in unseren Breiten, eher das Nachsehen.“



Ist nicht gerade die Nicht-Kommerzialisierbarkeit der arabischen Literatur eine Art Schutzraum gegen das Mainstreaming nach europäisch-amerikanischem Geschmack, das mit der Globalisierung unweigerlich einhergeht? Ist die kommerzielle Integration als "Kreativindustrie“ nicht eine (post)koloniale Vereinnahmung durch die Hintertür? Freilich, auch Autoren und Verleger wünschen sich leichtere Vertriebswege, bessere Einnahmen, weniger Zollhürden und Bürokratie. Aber gerade hier, wo es auf die Regelungen und Zollgesetze der einzelnen arabischen Länder ankommt, sind selbst einem einflussreichen Staat wie den Vereinigten Arabischen Emiraten die Hände gebunden.  

Liegt die Zukunft im e-Book? 

Kein Wunder daher, dass der Schwerpunkt des Kongresses bei dieser Buchmesse ausgerechnet auf den elektronischen Medien lag: Sie nehmen auf Staatsgrenzen bekanntlich keine Rücksicht. Liegt die Zukunft des arabischen Buchs also im e-Book? Wenn es nach Michael Tamblyn geht, dem CEO der e-Book Plattformen Kobo und Tolino auf jeden Fall. Er kündigte an, dass seine Firma als erster e-Book-Konzern nun endlich auch auf dem arabischen Markt aktiv wird. Hoffen wir, dass sich die Araber die dazugehörigen e-Reader leisten können und dass auch gute Literatur auf dieser Plattform ihren Platz finden wird (bisher findet man sie auf Arabisch eher auf der jordanischen Plattform Abjjad, die hiermit empfohlen sei). 

Während das arabische e-Book-Business noch in den Kinderschuhen steckt, heizt Amazon, neuerdings auch in Ägypten vertreten, den ägyptischen Buchhändlern  ein, berichtet Sherif Bakr vom dortigen Supreme Council of Culture. Auf einmal fällt auf, dass die Buchhändler keine brauchbaren Listen lieferbarer Bücher und keine einheitlichen Standards haben, um effektiv und rasch Titel nachbestellen zu können.  

Trotzdem würden überall neue, kleine Buchhandlungen und innovative Verlage aus dem Boden schießen; dabei entstehe freilich fast der Eindruck, es gebe inzwischen mehr Leute, die im Literaturbetrieb arbeiteten als Leserinnen und Leser. Zumal diese besonders auf Titel anspringen, die oberflächliche Unterhaltung oder Lebenshilfe und "Self-Improvement“ versprechen — wie in einem neoliberal gedachten Buchmarkt nicht anders zu erwarten. Auch das Hörbuch hat in der arabischen Welt neuerdings einen Platz: Beim Kochen und beim Autofahren hören die Menschen am liebsten. Aber auch hier hat die gute Literatur, ganz wie in unseren Breiten, eher das Nachsehen.

Buchmesse in Abu Dhabi 2022; Foto: Stefan Weidner
Der arabische Literaturbetrieb als Teil einer globalisierten Kreativindustrie: Die Frage, wie sinnvoll es ist, in Sachen Kultur und Literatur ausschließlich auf Kommerz zu setzen, bleibt außen vor. Ist nicht gerade die Nicht-Kommerzialisierbarkeit der arabischen Literatur eine Art Schutzraum gegen das Mainstreaming nach europäisch-amerikanischem Geschmack, das mit der Globalisierung unweigerlich einhergeht? Ist die kommerzielle Integration als "Kreativindustrie“ nicht eine (post)koloniale Vereinnahmung durch die Hintertür? Freilich, auch Autoren und Verleger wünschen sich leichtere Vertriebswege, bessere Einnahmen, weniger Zollhürden und Bürokratie. Aber gerade hier, wo es auf die Regelungen und Zollgesetze der einzelnen arabischen Länder ankommt, sind selbst einem einflussreichen Staat wie den Vereinigten Arabischen Emiraten die Hände gebunden.

  

Verpuffende Medienkritik 

Nicholas Carr, ein bekannter britischer Kritiker der neuen, netzbasierten Medien, warnte denn auch davor, das Buch als gedrucktes Medium aufzugeben. Das gedruckte Papier allein schütze uns vor den Zerstreuungen, die uns die elektronischen Plattformen ständig unterbreiten. Es allein lehre uns Konzentration und vertieftes Lesen und Verstehen. Aber das war in den Wind gesprochen.



Gleich auf dem Panel danach, über die Frage, ob die sozialen Medien der neue Buchmarkt seien, traten nämlich die Vertreterinnen von TikTok und Twitter auf die Bühne, und versuchten, die Zerstreuungskraft ihrer Plattformen als sinnstiftende Leserbindung zu verkaufen. Es war jedoch offensichtlich, dass all das den Autorinnen und Autoren nichts nützt, solange deren Bücher auf illegalen Plattformen als PDF heruntergeladen werden. Hier setzt eine der sinnvollsten neuen Initiativen von Abu Dhabi an, die "Emirates Reprographic Rights Management Association“ (ERRA).



Es geht darum, eine effektive Rechteverwaltung zu schaffen. Deren Absicht besteht nicht darin, wie die Leiterin von ERRA, Rawan Al-Dabbas, berichtet, eine Art Copyright-Polizei aufzubauen, sondern Bedingungen zu schaffen, die die Buchpiraterie im Internet überflüssig machen. Und die wichtigste Bedingung dafür lautet, dass die arabischen Bücher für jeden, der sie legal erwerben möchte, auch tatsächlich ohne großen Aufwand zugänglich sind.  

Übersetzungsförderung verläuft im Sand

Das andere große Thema auf der Messe und beim deutschen Gastlandauftritt war die Frage, wie die vielfältige, hochwertige, aber zugleich dschungelartig unerschlossene arabische Literatur in Europa und Deutschland besser zur Geltung gebracht werden kann. Für Literaturscouts und Agenturen lohnt sich das arabische Geschäft bislang kaum. Daher beruht die Literaturvermittlung nach wie vor auf Zufällen und privaten Initiativen.

Ein Game-Changer könnte die Förderung von Übersetzungen durch die arabischen Staaten sein. Aber genau daran hapert es: Die Übersetzungsförderung, die es etwa in Abu Dhabi gibt, bietet den Verlagen keine Möglichkeit, eigenständig Bücher zu entdecken und für diese Titel dann eine Förderung zu beantragen, wie es etwa die Europäer oder Israel bei ihrer Literatur- und Übersetzungsförderung tun. Abu Dhabi fördert nur die Titel, die eigens dafür eingerichtete Komitees zur Übersetzung vorschlagen und übersetzt sehen möchten. Da sich die Verlage aber ungern vorschreiben lassen, was sie publizieren sollen, verläuft diese Art von Förderung im Sand. 

 

 



Solang sich die arabische Seite hier nicht bewegt und die Eigeninitiative von Verlagen und Übersetzern belohnt, wird sich an dieser Situation nichts ändern. Man muss es einmal so klar sagen: Die arabischen Institutionen selbst stellen der arabischen Literatur das Bein, über das sie auf dem Weg nach Europa stolpert. Zwar belegt eine von der Übersetzerin Sandra Hetzl angefertigte Studie, dass die Zahl der aus dem Arabischen übersetzten Titel kontinuierlich angestiegen ist. Aber dieser Anstieg verläuft so langsam, dass er kaum auffällt, zumal da medienwirksame Bestseller bislang weitgehend ausbleiben. 

Der Dichter liest die Leviten 

Und die Literatur selbst? An Stars war Mangelware, aber immerhin trat Adonis auf, der mittlerweile 92-Jährige, nach wie vor agile und streitlustige libanesisch-syrische Dichter. Fast hätte er es geschafft einen Coup zu landen, und seinen Pariser Freund Peter Handke mitzubringen, der dann aber aus familiären Gründen absagen musste. Wie aber nicht anders zu erwarten, las Adonis seinen Gastgebern die Leviten.

Anlässlich einer Konferenz über Taha Hussein (1889-1973), den modernen Klassiker der ägyptischen Literatur, wies er lautstark darauf hin, dass in den dreißiger und vierziger Jahren die Araber durchaus noch auf Fortschritt gesetzt hätten, dass sie im Lauf der Zeit den Fortschritt aber leider mit bloßem wirtschaftlichem Wachstum verwechselt hätten (ein Problem nur der Araber?, fragte sich hier der Beobachter aus Europa).

So sei es gekommen, dass die postmoderne Glitzerwelt am Golf mit reaktionären gesellschaftlichen Verhältnissen koexistiere. Das zeige sich auch am ängstlichen, wenn nicht repressiven Umgang der Herrscher mit der Literatur. Ihnen gab er am Ende die Empfehlung, sich an Charles de Gaulles zu orientieren: Als dessen Ratgeber ihm nahelegten, Jean-Paul Sartre zu verhaften, antwortete ihnen der französische Staatschef mit der Frage, wer er, de Gaulles, denn sei, dass er sich unterstehen könnte, Voltaire höchstpersönlich zu verhaften.  

Wenn aber Adonis, dieser aktuelle arabische Voltaire, unverhaftet nach Paris zurückkehren darf, kann der neue absolutistische Herrscher von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed, sich immerhin rühmen, in Sachen Toleranz nicht hinter Charles de Gaulles zurückzustehen. 

Stefan Weidner

© Qantara.de 2022

Stefan Weidner ist Autor und Islamwissenschaftler. Im Juni 2022 erscheint in erweiterter Neuauflage sein Klassiker: "1001 Buch. Die Literaturen des Orients“, Edition Converso 2019