Amerika als Maß aller Dinge

Dieser postkoloniale Minderwertigkeitskomplex wurde auch geschürt durch großzügig subventionierte persische Nachrichtensender aus England und den Vereinigten Staaten, die trotz offizieller Verbote in jedem iranischen Wohnzimmer laufen. Beeinflusst durch subtile Werbung für den amerikanischen Lebensstil – etwa in Hollywood-Filmen – und befördert durch die Folgen der Globalisierung, leben viele Iraner heute ein konsumorientiertes Leben.

Die Werte haben sich verschoben. Die junge städtische Generation blickt nach Amerika als dem Maß aller Dinge. Traditionelle Familienbande brechen auseinander. Manche sehen darin einen „soft war“, einen gewollten Kulturverfall von innen, der von außen vorangetrieben wird.

Diesen Iran kennt man zu Genüge: Anti-US-Graffitis in Teheran. (Foto: Marian Brehmer)
Diesen Iran kennt man zu Genüge: Anti-US-Graffitis in Teheran. Die iranische Hauptstadt „ist keine Stadt, die gleich ans Herz wächst. In ihr schlägt das pulsierende, zuweilen rastlose Herz der Nation. Doch hier gedeiht auch die dynamischste Kulturszene des Mittleren Ostens“, schreibt Marian Brehmer.

All das treibt mitunter erfreuliche, wenn auch komische Blüten. „Rumis persische Sufidichtung ist auch deshalb in Iran gerade so populär, weil Rumi in Amerika lange Zeit auf Bestsellerlisten stand“, sagte der iranische Literaturprofessor Iraj Shahbazi von der Universität Teheran einmal zu mir.

Irans namhafteste Hochschule befindet sich im wuseligen Stadtkern der Millionen-Metropole. Und tatsächlich: Beim Laufen durch die Revolutionsstraße, an der Uni vorbei und entlang einer populären Büchermeile, fallen mir immer wieder dicke Gedichtbände mit Rumis Werk in den Schaufenstern auf. Nirgendwo habe ich je so viele gut sortierte Buchläden auf einem Fleck gesehen. Als ich einen der Händler anspreche, erzählt er mir, dass sich selbst sechsbändige Literaturkommentare zu Rumis Gedichtwerk mittlerweile hervorragend verkaufen.

Teheran ist keine Stadt, die gleich ans Herz wächst. In ihr schlägt das pulsierende, zuweilen rastlose Herz der Nation. Doch hier gedeiht auch die dynamischste Kulturszene des Mittleren Ostens. „See You in Iran“ ist eine Initiative, die seit einigen Jahren Nicht-Iranern das Leben dieser Szene näher bringen und damit das Ansehen des Landes verbessern will.

Alles begann 2015 mit einer Facebook-Plattform, ins Leben gerufen von jungen Iranern, die im Westen studiert und die Außenwahrnehmung Irans miterlebt hatten. Sie waren Leuten begegnet, die sich regelrecht davor fürchteten, nach Iran zu reisen. Nun konnten Iran-Reisende in der virtuellen Gruppe ihre Reiseerfahrungen mit einer stetig wachsenden Mitgliederzahl teilen.

„Es geht nicht darum, nur Positives zu verbreiten“, sagt die 28 Jahre alte Künstlerin und Kuratorin Yasaman Tamizkar, die bei „See You in Iran“ Touren durch Teheraner Kunstgalerien anbietet. „Gute wie auch schlechte Nachrichten werden ungefiltert gepostet, sodass ein realistischeres Bild entsteht.“ Ein Bild, das jenseits medialer Verzerrungen und politischer Diskurse liege.

Gefangen in der Negativspirale

Dabei helfen zwischenmenschliche Begegnungen und Erlebnisse der Aufgeschlossenheit vieler Iraner gegenüber Touristen. „Viele kehren bereichert als kulturelle Botschafter in ihre Heimatländer zurück.“ In den vergangenen Jahren betrieb „See You in Iran“ eine Handvoll Hostels und ein Kulturzentrum, veranstaltete urbane Rundgänge und Workshops zu Themen wie „Frauen des Mittleren Ostens“ oder „Nomadentum als Emanzipierung“. Doch in der Corona-Pandemie konnten sich die Herbergen nicht mehr halten, die Kulturprogramme wurden ins Internet verlagert.

 

 

In diesem Jahr wuchs die Diskrepanz zwischen "meinem" Iran und jenem, das im Zentrum der Öffentlichkeit steht, abermals stark an. Bei den Benzinprotesten im November 2019 entlud sich der Unmut vieler Iraner mit voller Wucht, besonders in den kurdischen Randprovinzen des Landes.

Auf Bürgerwut und Vandalismus antworteten die Machthaber mit Härte, viele Menschen kamen ums Leben. Dann folgte der Mord an General Soleimani durch eine amerikanische Drohne und der versehentliche Abschuss eines ukrainischen Passagierjets kurz nach dem Start durch einen General der iranischen Luftwaffe. Alle Zeichen standen auf Eskalation. Wieder einmal schien Iran gefangen zu sein in einer Negativspirale. Und wieder einmal fragte ich mich: Wie weit und wie lange lässt sich mit kultureller Schönheit und der menschlichen Komponente ein anderes Iran-Bild zeichnen?

Die Frage ist für mich verbunden mit einer ständigen Suche, bei der ich letztlich auf tieferreichende Fragen stoße. Zum Beispiel: Was ist Objektivität? Worauf will und sollte ich meine Aufmerksamkeit richten? Wie kann ich realistisch bleiben, ohne zum hinlänglich verminten Nachrichtenterrain beizutragen? Ein paar Antworten für mich lauten: Weiterhin nach Iran reisen, auch dahin, wo sonst niemand hinfährt.

Den Kontakt mit meinen iranischen Freunden am Leben erhalten. Meine Begeisterung für die persische Lebensweise in mein Schreiben einfließen lassen, auch auf die Gefahr hin, als romantisierender Orientalist abgetan zu werden.

Vielsagend ist jedenfalls die Tatsache, dass sich schon Hafis vor Jahrhunderten an manchen Dingen in Religion und Politik rieb, die heute noch aktuell sind. Eine beißende Kritik lautet übersetzt etwa so: „Sie halten Heuchelei für erlaubt und das Weinglas für verboten (...) / Trink Wein, denn einhundert Sünden (...) / Sind besser als geheuchelter Gehorsam.“

Hafis lässt sich lesen, um die Welt ein wenig besser zu verstehen. Und um das Leben zu genießen, trotz der Ungenießbarkeit der Tagespolitik. Ob Hafis allerdings den echten Wein oder metaphorisch die spirituelle Trunkenheit meinte – in diese alte Diskussion will ich lieber nicht einsteigen.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2020

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