Gedichte auf zwei Beinen

Auch ich beschloss, mein Augenmerk stärker auf den kulturellen Reichtum der Iraner zu legen als auf die Wirren der Tagespolitik. Es war eine bewusste Entscheidung, mit der keineswegs politische Probleme und gravierende Menschenrechtsverletzungen ignoriert werden sollten. In einer multiperspektivischen Realität entschied ich mich schlicht, mit anderen, genauso gültigen Narrativen über Iran zu berichten, Gegenakzente zu setzen. Warum sollten wir nichts von dieser Welt hören, die ihre eigene Gültigkeit besaß? Entlarven wir nicht unsere vermeintliche Objektivität, wenn wir auf manche Regionen nur mit automatisierten Schemata blicken?

Ein Besucher hat Rosenblätter auf den marmornen Grabstein von Hafis gestreut. (Foto: Marian Brehmer)
Ein Besucher hat Rosenblätter auf den marmornen Grabstein von Hafis gestreut. Wie kaum ein zweiter hat der persische Dichter Hafis in Europa zahlreiche Lyriker inspiriert und Orientalisten in seinen Bann geschlagen.

Während meiner Zeit in Teheran tauchte ich in die poetische Alltagskultur der Iraner ein. Bei U-Bahn-Fahrten durch die Hauptstadt kaufte ich Kindern kleine Umschläge ab, in denen Schnipsel mit Hafis-Gedichten steckten. Das „Fal-Ziehen“ ist eine iranische Methode, um drögen Fahrten im großstädtischen Personennahverkehr eine Prise Weisheit zu verleihen. Ich traf Menschen, die bei jeder mittellangen Unterhaltung zumindest einen oder zwei Gedichtverse zitierten, unter ihnen waren auch Taxifahrer oder Straßenfeger. Manche von ihnen gingen, wie das ein iranischer Freund nannte, wie „Gedichte auf zwei Beinen“ durchs Leben. Sie brachten positive Energie in ihr Umfeld, Energie, die sie direkt aus dem Inspirationsschatz der persischen Versmystik schöpften.

Auch ich lernte einige Gedichte auf Farsi auswendig. Damit wurde ich ein Stück weit Teil der iranischen Gesellschaft. Denn Dichtung, stellte ich fest, war für die Iraner so etwas wie ein Mitgliedsausweis. Wer Hafis oder Rumi aus dem Gedächtnis rezitieren kann, der knüpft an jene generationenübergreifende Kultur an, die über Jahrhunderte weitergereicht wurde.

Natürlich ließ sich die Politik nie ausblenden, das wäre realitätsfern. Ich litt mit, als in den vergangenen Jahren die Wirtschaftssanktionen gegen Iran auch das Leben meiner Freunde immer stärker einschränkten. Manchmal versuchte ich dann, die Dinge durch die Linse einer simplen persischen Sufi-Weisheit zu betrachten: „In niz bogzarad – Auch dies wird vorübergehen.“

Doch es wurde immer schwieriger. Es gab kaum eine Taxifahrt bei meinen jüngsten Besuchen in Iran, bei der das Gespräch mit dem Fahrer nicht in endlosen Klagen endete (iranische Taxifahrer lieben politische Diskussionen). Klagen über die Zustände im Land, die gigantische Inflation, die religiös getünchte Doppelzüngigkeit in der Politik, aber auch die vermeintliche Zurückgebliebenheit Irans gegenüber den so fortschrittlichen Europäern.

„Was machst du überhaupt hier?“, wurde ich dann gefragt. „Was bringt es dir, Persisch zu lernen? Das Geld liegt doch ganz woanders.“ In solchen Situationen fiel es mir schwer zu kontern. Beizeiten versuchte ich zu erklären, dass Gastfreundschaft und ein lebendiges Bewusstsein für kulturelle Wurzeln Reichtümer waren, an denen es „uns Westlern“ mangelte. Ich hatte nur mäßigen Erfolg – viele Iraner hatten das polarisierte Negativbild von Iran längst felsenfest für sich selbst übernommen.

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