Zusammenleben der Religionen im Orient

Bürgergesellschaft statt konfessionelles Sektierertum

Christen, Muslime, arabische Juden und Anhänger anderer Glaubensrichtungen können nur auf einer solchen Grundlage friedlich zusammenleben, die Menschen nicht nach ihrem Glauben trennt, sondern ihnen Gleichberechtigung aufgrund ihrer verfassungsgemäßen Staatsbürgerschaft zuerkennt. Von Khaled Hroub

Die arabischen Christen verdienen von ihren muslimischen Mitbürgern ein einwandfreies Führungszeugnis. Und sie benötigen es gerade jetzt sehr dringend, wo terroristische Milizen wie der IS und ihre Unterstützer sie und andere Konfessionsgruppen auszulöschen trachten.

Was sie dagegen nicht brauchen, ist das oberflächliche Gerede von "Toleranz". Ein solcher Diskurs impliziert, man würde bei einer Person, die etwas falsch gemacht hat, Nachsicht walten lassen. Die tolerante Seite würde damit ihre hohe Moral demonstrieren und dem Fehlgehenden von oben herab vergeben. Das Einzige, was in multireligiösen und multiethnischen Gesellschaften die Würde aller wahren kann, ist ein Diskurs der Koexistenz auf der Grundlage allgemeiner Gleichheit, bei der niemand dem anderen gnädig etwas gewährt, sondern wo Zusammenleben Respekt und Gleichwertigkeit bedeutet – auch vor dem Gesetz, und dies in einem Staat, der nur Bürger kennt.

Christen als "Lebenselixier" des Orients

Christen leben im Orient, seit es das Christentum gibt. Sie waren schon da, bevor der Islam kam. Sie blieben hier und sie kämpften mit allen anderen gegen alle Invasoren – einschließlich der Kreuzritter. Im Nahen Osten gibt es hunderte von Familien, die hier ebenso verwurzelt wie geografisch über ein großes Gebiet verstreut sind und deren Namen ihre Religionszugehörigkeit nicht offenbaren. Sie könnten ebenso Christen wie Muslime sein. Und tatsächlich sind sie zum Teil bei ihrem christlichen Glauben geblieben, zum Teil haben sie den Islam angenommen. Dennoch sind sie als Familien trotz ihres unterschiedlichen Glaubens bis heute miteinander verbunden.

Kopten in Ägypten; Foto:
Für ein neues Verständnis von interreligiösem Dialog und Toleranz: "Ein Diskurs der gleichberechtigten Staatsbürgerschaft und der Zugehörigkeit zu einem zivilen Staat ist das einzige, was Christen und Muslime und alle anderen im Nahen Osten gleichermaßen schützen kann", schreibt Hroub.

Doch die Geschichte verlief nicht immer so harmonisch. Es gab Phasen von Fanatismus und Rassismus, wenn auch die gesellschaftliche Mitte stets moderat geprägt war. Zwar sind die Christen mittlerweile in der Minderheit, das aber schmälert nicht ihre vollumfängliche historische Zugehörigkeit zum Orient. Sie sind Teil der Gesellschaft, ohne dass ihnen das jemand gnädig zuzugestehen hätte. Sobald eine Minderheit der "Toleranz" und des "Mitgefühls" anderer bedarf, ist die Situation instabil und gefährlich. Und wenn eine Minderheit das Gefühl haben muss, einer Gefahr ausgesetzt zu sein, nur weil sie anders ist als die Mehrheit, dann stimmt etwas grundsätzlich nicht.

Dass heute immer mehr Konferenzen und Initiativen zum Schutz von Christen im Orient abgehalten und ins Leben gerufen werden, mag gemischte Gefühle auslösen, besonders wenn dies außerhalb der arabischen Welt stattfindet. Einerseits kann man nichts gegen die Bemühungen einwenden, die von Organisationen getragen werden, denen keine verdeckte Agenda unterstellt werden kann.

Andererseits herrscht in dieser Hinsicht auch viel Heuchelei und politische Instrumentalisierung. Und man mag gerade angesichts der bitteren historischen Erfahrungen mit dem Westen – sei es mit Europa oder den USA – auch misstrauisch werden. Aber anstatt uns damit aufzuhalten, anderen ihre guten Absichten abzusprechen und überall nur Verschwörungen zu wittern, sollte das ein Ansporn für uns sein, unser verschüttetes Bewusstsein wieder freizulegen und in unseren Gesellschaften Verantwortung füreinander zu übernehmen. Wir sollten das nicht anderen überlassen!

Gegen ein "Bündnis der Minderheiten"

Positiv hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die Führungen der meisten Christen im Libanon, aber auch andernorts, den Beitritt zu einem sogenannten "Bündnis der Minderheiten" ablehnen, zu dem das syrische Regime und seine Verbündeten aufrufen. Ein solches Bündnis wäre nur eine Vertiefung der gegenseitigen Abschottung der Konfessionen und widerspräche dem Staatsbürgerkonzept. Es höbe den Konflikt nur auf ein weiteres verzweifeltes Niveau, denn statt die Verteidigung der Christen oder jeder sonstigen in Frage stehenden Gruppe zur Verantwortung aller zu erklären, würden hier erneut Grenzen anhand konfessioneller Linien gezogen.

Es ist unsere Verantwortung, den Christen unter uns ein Leben in Sicherheit und Würde zu ermöglichen – also das, wovon die Muslime und alle anderen in dieser unglücklichen Ecke der Welt seit jeher träumen. Wir als Bewohner der Region sind vollumfänglich dafür verantwortlich, viel mehr als jede Organisation von außerhalb der Region. Diese Verantwortlichkeit darf nicht durch unverbindliche Allgemeinplätze aufgeweicht werden, sondern sie beginnt bei den einfachen Menschen, in den Metropolen ebenso wie auf dem Land und in den Dörfern. Und sie erstreckt sich im Weiteren auf alle Institutionen der Zivilgesellschaft und deren Meinungsführer.

غادر آلاف المسيحيين مدينة الموصل بعد انتهاء مهلة تنظيم داعش لهم لاعتناق الإسلام أو دفع الجزية أو حد السيف. قصة تهجير المسيحيين في ملف للصور.
Appell zur Hilfe für die christlichen Minderheiten im Orient: Angesichts der zahlreichen blutigen Konflikte und der Verfolgung von Christen und anderer Minderheiten in der Region haben vor kurzem erneut arabische Bischöfe zu Versöhnung und Respekt aufgerufen. Unter anderem forderten sie eine Lösung für die ungerechte Situation in Palästina sowie ein Ende der ethnischen und religiösen Intoleranz in Syrien und dem Irak. Jede Person habe das Recht auf Respekt unabhängig von ihrer Religion oder Ethnie, so die Bischöfe.

Letztlich liegt die Verantwortung für den Schutz von Minderheiten auch bei unseren Regierungen, auch wenn diese bisher die letzten waren, die jemals ernsthaft eine nationale Verantwortung übernommen haben. Diese zu ermahnen, ihrer Verpflichtung nachzukommen, gegen religiösen und konfessionellen Rassismus vorzugehen, ist nichts anderes als eine Flucht nach vorne. Eine nicht geringe Zahl dieser Regime steht selbst auf einer konfessionellen Basis. Insofern kann man kaum erwarten, dass diese gegen ihre eigene Verfasstheit handeln.

Noch einmal: Was wir nicht brauchen, ist ein Diskurs der Toleranz und ein Blick auf die Christen, als seien sie Kinder, die man schützen und hüten muss. Die arabische Welt braucht einen neuen, kollektiven und breit verankerten Diskurs in Bezug auf die orientalischen Christen und andere ethnische und konfessionelle Minderheiten. Dieser muss auf der Grundlage des gleichberechtigten Zusammenlebens aller basieren.

Christen, Muslime, arabische Juden, Jesiden und Anhänger sonstiger Glaubensrichtungen können nur auf der Grundlage gleichberechtigter Staatsbürgerschaft zusammenleben, die Menschen nicht nach ihrem Glauben trennt, sondern ihnen aufrichtig Gleichberechtigung und Gerechtigkeit aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft nach Gesetz und Verfassung zuerkennt.

Ein Diskurs der gleichberechtigten Staatsbürgerschaft und der Zugehörigkeit zu einem zivilen Staat ist das einzige, was Christen und Muslime und alle anderen im Nahen Osten gleichermaßen schützen kann – ganz unabhängig davon, ob sie religiös oder säkular eingestellt sind. Er bewahrt ihre Menschlichkeit und ihre gegenseitige Ebenbürtigkeit. Jeder andere Diskurs würde bedeuten, die eine oder die andere Glaubens- oder Volksgruppe zu Bürgern zweiter Klasse zu erklären und religiösen oder ethnischen Rassismus zu reproduzieren.

Khaled Hroub

© Qantara.de 2015

 Aus dem Arabischen von Günther Orth

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Leserkommentare zum Artikel: Bürgergesellschaft statt konfessionelles Sektierertum

Ein sehr kluger und vernunftgeprägter Beitrag, dessen letzten beiden Abschnitte man eins zu eins auch auf den Rest der Welt anwenden muss! Das funktioniert jedoch nur wenn ALLE Staatsbürger auch die Verfassung und die Gesetze des jeweiligen Landes als oberste Instanz anerkennen.

Ingrid Wecker19.02.2015 | 13:46 Uhr