Die Beseitigung Saddam Husseins und Muammar al-Gaddafis ist "gut", weil diese Tyrannen sind, die Oppositionelle abschlachten. Krieg gegen die Taliban ist "gerecht", weil diese Frauen unterdrücken. Eine Bombardierung Irans könnte "richtig" sein, weil das dortige Regime Homosexuelle an Kränen aufhängt.

Das Werk Todorovs schärft das Bewusstsein für solche historischen Linien. Dabei ist er alles andere als ein Gegner universeller Werte. Er war einer der besten Kenner und glühendsten Verfechter der europäischen Aufklärung. Er hob nur stets hervor, dass die Menschenrechte einer anderen Kultur nicht mit Gewalt aufgezwungen werden können. Das gelte auch für die Herrschaftsform der Demokratie. Diese hielt Todorov für die beste. Deswegen war er ja aus dem kommunistisch regierten Bulgarien Anfang der sechziger Jahre nach Frankreich emigriert.

"Nationale Homogenität" als Illusion

In jüngerer Zeit sah Todorov die westliche Demokratie zunehmend in Gefahr, nicht wegen Bedrohungen von außen, sondern weil sie aus sich selbst heraus ihre eigenen "intimen Feinde" heranzüchtet. Damit meinte er die beiden sehr verschiedenen Kategorien der "Desasterkapitalisten" und der Fremdenfeinde. Schon vor zehn Jahren warnte Todorov davor, dass fremdenfeindliche Parteien sich in ganz Europa breit machen. Die rhetorischen Parallelen zwischen französischen Rassisten des 19. Jahrhunderts und dem Front National von heute lagen für ihn auf der Hand.

FN-Anhänger in Lyon; Foto: Reuters
Rechtsextremisten und Nationalisten europaweit auf dem Vormarsch: Schon vor zehn Jahren warnte Todorov davor, dass fremdenfeindliche Parteien sich in ganz Europa breit machen. Die rhetorischen Parallelen zwischen französischen Rassisten des 19. Jahrhunderts und dem Front National von heute lagen für ihn auf der Hand.

Die routinemäßigen Attacken gegen den "Multikulturalismus", die man selbst in etablierten Parteien und in den Mainstream-Medien hört, hielt er für schädlich. Dies begründete er philosophisch. "Nationale Homogenität" sei eine Illusion. Dem Begriff liege die absurde Vorstellung gesellschaftlicher Starre zugrunde. Gesellschaft sei ein dynamischer Prozess. Kulturen veränderten sich und könnten durch Begegnung und Dialog auch ganz neue schaffen.

"Der Andere" sei "zu entdecken", nicht zu erobern und zu vernichten. Wichtig sei für den Menschen, dass er überhaupt eine Kultur habe. Die brauche er quasi als Ersatz für die rein instinktgeleitete Verhaltensdetermination, die Homo Sapiens beim Erklimmen seiner Evolutionsstufe verloren habe. Die Pluralität der Kulturen sei ein Segen, weil im Dialog die Chance der Bildung und Stärkung liege. Statt nach der Zwangsbeglückung der Anderen zu streben, müsse der Mensch sich im Klaren darüber sein, dass in jedem ein Barbar stecke.

Sich abzuschotten mit dem Ziel, mit anderen Kulturen nichts zu tun zu haben, bezeichnete Todorov als "eine neue Form der Barbarei". Das Barbarische hielt er überhaupt für einen hilfreichen Begriff. Er umfasse alles, was menschliche Zivilisation unmöglich macht. Dazu zählte er den Terrorismus genauso wie die Folter, deren Wiedereinführung durch die amerikanische Regierung unter George W. Bush er als alarmierendes Zeichen wertete.

Nihilismus und "Déculturation"

Nach dem 11. September 2001 wandte sich Todorov gegen all jene, die den Terrorismus aus dem Islam heraus erklären wollten. Das Motiv für Gewalttäter sei nicht der Glaube an ein religiöses Wertesystem, sondern die Rache für erlittene Demütigungen und Nihilismus.

Trauer um die Opfer der Anschläge von Paris vom 13. November 2015; Foto: Getty Images/AFP
Triebfedern der Gewalt: Was die Attentäter von Paris ausmache, sei nicht die Zugehörigkeit zu einer extremistischen Kultur, sondern ihre Nichtzugehörigkeit zu irgendeiner Kultur, so Todorovs Einschätzung. Sie seien sozusagen "kulturlos". "Déculturation" nennt Todorov das Phänomen, das unter Jugendlichen der europäischen Einwanderungsgesellschaften um sich greife und das man gründlich verstehen müsse, um es zu bekämpfen.

Was die Attentäter von Paris ausmache, sei nicht die Zugehörigkeit zu einer extremistischen Kultur, sondern ihre Nichtzugehörigkeit zu irgendeiner Kultur. Sie seien sozusagen "kulturlos". "Déculturation" nennt Todorov das Phänomen, das unter Jugendlichen der europäischen Einwanderungsgesellschaften um sich greife und das man gründlich verstehen müsse, um es zu bekämpfen. "Den Krieg gegen den Terrorismus" hielt Todorov in Begriff und Substanz für eine intellektuelle Zumutung. 

Todorov hat viel darüber geschrieben, wie europäischer Ethnozentrismus, Rassismus, Nationalismus, Faschismus und Stalinismus die Ideen der Aufklärung und der Toleranz verraten haben. Neuer Spuk, angereichert mit Brennelementen des alten, könnte kommen. In den xenophoben Tendenzen Europas und in der Politik der Bush-Regierung erkannte er die Keime eines neuen Verrats.

Als charakteristisch für die Bush-Regierung erachtete er das Hantieren mit alternativen Fakten. Gegen besseres Wissen habe die US-Administration die Existenz biologischer Massenvernichtungswaffen im Irak behauptet. "Es ist also möglich, trotz Parteienpluralismus und Pressefreiheit, die Bevölkerung einer liberalen Demokratie zu überzeugen, dass das Wahre falsch und das Falsche wahr ist." Das schrieb Todorov im Jahr 2008.

Damit hatte er den Kern des Problems bereits angesprochen, mit dem die liberale Demokratie heute sichtbar zu kämpfen hat. In den Köpfen der neuen Herren Amerikas spukt der Islam noch heftiger als in denen der spanischen Eroberer.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2017

Stefan Buchen arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Politikmagazin "Panorama". 

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