Zum Tod von Mevlüde Genç
Mutter der Menschlichkeit

Mit dem Tod von Mevlüde Genç haben zwei Länder, Deutschland und die Türkei, ein Vorbild verloren. Die Matriarchin war eine Vorreiterin für Frieden und Versöhnung, meint Sertan Sanderson. Eine Würdigung

Immer wenn ich in Deutschland auf der Autobahn A3 fahre, gibt es eine Ausfahrt, an der ich nicht ohne ein mulmiges Gefühl vorbeikomme: Solingen. Einst vor allem für Messer und Scheren bekannt, ist Solingen zum Symbol für eines der schlimmsten Hassverbrechen der neueren deutschen Geschichte geworden.

Ich war kaum ein Teenager, als fünf unschuldige Mitglieder einer Migrantenfamilie aus der Türkei bei einem Brandanschlag ermordet wurden. Der Anschlag wurde von einer Gruppe von Neonazis verübt. Die meisten Täter waren zu diesem Zeitpunkt kaum älter als ich. Ebenso wie die meisten der Opfer.

Der brutale Anschlag brachte mich dazu, meine eigene Identität zu hinterfragen. Da ich selbst ein Fremder in einem fremden Land war, versuchte ich zu verstehen, wie ich auf eine solche geballte Ladung von Hass überhaupt reagieren sollte.

Mevlüde Genç gab mir die Antwort. Die Matriarchin, die bei dem Anschlag in Solingen zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, hat mir Orientierung gegeben. Sie hat seit dem Anschlag bis zu ihrem Tod am 30. Oktober nach Versöhnung und Vergebung gesucht.

Trauerfeier für Mevlüde Genç am 1. 11.2022 in Solingen; Foto: Tuncay Yildirim/DW
Trauerfeier für Mevlüde Genç am 1. November in Solingen: Genc hat bei dem Brandanschlag von Neonazis in Solingen zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren. Dennoch ist sie seit dem Anschlag bis zu ihrem Tod im Alter von 79 Jahren am 30. Oktober für Versöhnung und Vergebung eingetreten. "Für mich ist diese Frau, die zwei Jahre nach der rechtsextremistischen Tat 1995 die deutsche Staatsangehörigkeit annahm, eine Vorreiterin für Frieden und Versöhnung,“ schreibt Sertan Sanderson. "Ihre Großherzigkeit kann vielleicht nur mit der von Nelson Mandela und der Jesidin und IS-Überlebenden Nadia Murad verglichen werden.“

Für mich ist diese Frau, die zwei Jahre nach der rechtsextremistischen Tat 1995 die deutsche Staatsangehörigkeit annahm, eine Vorreiterin für Frieden und Versöhnung. Ihre Großherzigkeit kann vielleicht nur mit der von Nelson Mandela und der Jesidin und IS-Überlebenden Nadia Murad verglichen werden.

"Kein Hass gegen niemanden"

"Von nun an müssen wir in Brüderlichkeit, Harmonie und Freundschaft leben, für immer. Ich habe keinen Hass - gegen niemanden", sagte sie bei einer der vielen Gelegenheiten, bei denen sie sich für die Verständigung zwischen den Kulturen und Glaubensrichtungen einsetzte.

Mit ihrem Tod im Alter von 79 Jahren haben zwei Länder, Deutschland und die Türkei, ein Vorbild verloren - eine Frau, die mit einer einfachen Antwort auf ein komplexes Geflecht von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auffiel, das zu diesem Zeitpunkt in Deutschland erst zu wachsen begann.

Als es während der 2000er Jahre zu einer Reihe von gezielten Morde an Menschen mit Migrationshintergrund kam (bekannt als die so genannten- NSU-Morde), appellierte Genç weiterhin an die Öffentlichkeit, mit Vernunft und Maß zu reagieren und darauf zu vertrauen, dass die Regierung die Täter zur Rechenschaft ziehen würde.

Trotz aller Skandale bei der Aufklärung der Morde glaubte Genç weiterhin an ihren pazifistischen Ansatz. Mit jeder Auszeichnung, die sie erhielt, einschließlich der höchsten deutschen Auszeichnung, dem Bundesverdienstkreuz, baute sie ihre Kampagne für Frieden aus.

Hanau, Christchurch, Chautauqua

Die Welt hat sich seit den Anschlägen von 1993 verändert. Statt Einigkeit hat Polarisierung weltweit zugenommen. Werte verrutschen, Tabus werden gebrochen und Migration wird nach wie vor in vielen Ländern als Bedrohung angesehen.

Mevlüde Genc auf der Gedenkfeier in Solingen 25 Jahre nach dem Brandanschlag; Foto: picture-alliance/dpa/M. Becker
Mevlüde Genc bei der Gedenkfeier 25 Jahre nach dem Brandanschlag von Solingen. Noch immer höre sie die Schreie ihrer Kinder, ihr Schmerz werde nie enden, sagte Genç bei der Gedenkfeier. An Wegzug aus Solingen habe sie aber nie gedacht: «Solingen ist zu meiner Heimat geworden und ich möchte hier bleiben, bis ich sterbe.» Der Anschlag löste weltweit Entsetzen aus: Fünf Frauen und Mädchen der türkischstämmigen Großfamilie starben in der Nacht zum Pfingstsamstag 1993, nachdem vier junge Neonazis ihr Haus in Brand gesteckt haben. Das bis dahin schwerste fremdenfeindliche Verbrechen in der bundesdeutschen Geschichte war auch die Folge einer aggressive Asyldebatte, die ein fremdenfeindliches Klima geschürt hatte.

Fremdenfeindliche und rassistische Angriffe kosten weiterhin Menschenleben auf der ganzen Welt, und neue Namen haben sich in die Liste der Orte eingereiht, die einen erschaudern lassen: Hanau, Christchurch, Chautauqua.

Während ich die Namen dieser Städte aufschreibe, frage ich mich: Was würde Mevlüde Genç tun, wenn sie von neuen fremdenfeindlichen Anschlägen erführe? Bei dem Versuch, die Frage zu beantworten, wird mir klar, dass ich diese Frau beneide.

Ich wünschte, ich verfügte über ihre Fähigkeit, dem Unheil mit dieser tiefen Menschlichkeit zu begegnen. Ich wünschte, ich könnte darauf vertrauen, dass die Dinge irgendwann wieder in die richtigen Bahnen kommen.

Mevlüde Genç ist nie aus ihrer Wahlheimat Solingen weggezogen, trotz der Tragödie, die sie dort erlebt hat. "Ich habe immer hier gelebt, es ist meine Heimat. Das Gute und das Schlechte sind ein Teil von mir", sagte sie in einem Interview an ihrem 70. Geburtstag. "Ich werde hier bleiben, bis ich sterbe." Danke Mevlüde.

Sertan Sanderson

© Deutsche Welle 2022

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