Zum Tod von Matthias Wagner, Gründer der Orientalischen Sommerakademie

Musikalisches Mekka im Markgräflerland

Seit 2010 gaben sich bei seiner Orientalischen Sommerakademie Meister von Marokko bis in den Irak die Klinke in die Hand: Matthias Wagner, Gründer und Leiter der Akademie. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist er nun im Alter von 68 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Stefan Franzen

Eigentlich war Wagner Gitarren- und Lautenbauer und hatte mit arabischer Kultur zunächst gar keine Berührungspunkte. Sein Mathematikstudium brach er ab, wollte seine handwerklichen Talente zum Beruf machen.

Durch verschiedene Werkstätten in Deutschland und der Schweiz führte ihn seine Ausbildung, Vieles brachte er sich autodidaktisch bei, Weiterbildungen suchte er in Lautenbaukursen. Die Prüfung legte er bei Deutschlands bekanntestem Gitarrenbauer Karl Hannabach ab. In den 1990ern konnte Wagner in Badenweiler-Schweighof am Rande des Schwarzwalds seine eigene Werkstatt für Instrumentenbau und -reparatur eröffnen.

1999 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in Wagners Vita: Eine beschädigte Oud findet den Weg in seine Werkstatt, und er hat den Ehrgeiz, das Instrument wieder herzurichten. Es ist die Initialzündung für seine Begeisterung nicht nur für die arabische Laute, sondern für den ganzen arabischen Kulturkreis.

Die wahre Seite der Kultur zeigen

Wagner beginnt zu reisen, besucht Festivals in Marokko und Syrien, wird schließlich von der weltweit renommierten irakischen Oud-Koryphäe Naseer Shamma auf ein Oud-Forum in Kairo eingeladen. Im Lauf der Jahre baut sich Wagner ein Netzwerk von Kontakten auf, beginnt nach historischen Vorbildern eigene Ouds zu bauen und in akribischer, liebevoller Detailarbeit zu restaurieren, lernt die besten Virtuosen des Instruments kennen. Es ist die Zeit, da die Negativschlagzeilen über den arabischen Kulturraum in unseren Breiten zu dominieren beginnen. Für Wagner Inspiration, die wahre Seite der Kultur zu zeigen.

In seinem Heimatort Badenweiler stellt er 2010 erstmals die Orientalische Sommerakademie auf die Beine. Von Beginn an fährt Wagner zweigleisig: Er bietet namhaften Musikern eine Konzertbühne, schafft aber auch vor allem die Möglichkeit, dass sie ihre Kenntnisse an hiesige Schüler, sowohl Fortgeschrittene als auch absolute Anfänger vermitteln.

Matthias Wagner, Gründer und Leiter der Orientalischen Sommerakademie in seiner Werkstatt; Foto: Dorothee Philipp
1999 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in Wagners Vita: Eine beschädigte Oud findet den Weg in seine Werkstatt, und er hat den Ehrgeiz, das Instrument wieder herzurichten. Es ist die Initialzündung für seine Begeisterung nicht nur für die arabische Laute, sondern für den ganzen arabischen Kulturkreis.

In den Anfangsjahren ist die Akademie noch um die Oud herum zentriert, der Ägypter Mustafa Said wird über mehrere Jahre resident artist und teacher des Festivals. Doch ab der dritten Ausgabe, die bereits das Kulturministerium Baden-Württemberg fördert, öffnet sich die Akademie für andere Instrumente, die Zither Kanun, die Flöte Ney und für Perkussionsinstrumente wie die Riqq, später auch für die Spießgeige Djoze und den Gesang.

Sie findet Schüler weit über die Region des deutschen Südwestens hinaus, erlangt schnell internationalen Ruf – zum einen, weil es die Chance gibt, bei großen Meistern zu lernen, zum anderen weil die Akademietage von einer wunderbar familiären Atmosphäre geprägt sind.

Arabische Konzerte in Synagoge und Kirche

2014 wechselt Wagner den Standort, zieht ins nahegelegene malerische Sulzburg im Markgräflerland, eine Gemeinde, die der Akademie ihre Unterstützung angedeihen lässt. Immer mehr treten die Abendkonzerte in den Fokus, für die mit der Alten Synagoge und der Kirche St. Cyriak zwei akustisch außergewöhnliche Spielstätten zur Verfügung stehen.

Arabische Konzerte in einem jüdischen und in einem christlichen Gotteshaus: Allein das hat schon hohen Symbolwert für die Verständigung über die Religionen hinaus. Und Verständigung wird auch musikalisch stets großgeschrieben, denn Wagner kuratiert mit viel Einfühlungsvermögen neben den rein arabischen Konzerten auch Begegnungen zwischen orientalischer und abendländischer Kunstmusik und Volkskultur. Das Resultat sind erstklassige und berührende Konzerte, die lange im Gedächtnis bleiben.

Einige Highlights aus all diesen Jahren: Im Projekt Awda vereinigten sich der französische Cellist Didier Petit und der Grieche Dimitris Varelopoulos an der Lawta, einer Bouzouki-Verwandten, mit dem palästinensischen Oud-Virtuosen Adel Salameh. Für das Projekt „Der Atem der Reinheit“ holte Wagner mit Frank Stadler den Konzertmeister des Mozarteumorchesters Salzburg, der auf die Oud des Kairoer Komponisten Hossam Mahmoud traf, und die Cembalistin Angleika Moths übertrug Teile einer Oper von Tomaso Albinoni auf arabische Instrumente.

Das Ensemble Albaycin in der Sulzburger Kirche St.Cyriak; Foto: Stefan Franzen
Arabisch-andalusische Klangerlebnisse der Orientalischen Sommerakademie Sulzburg in St.Cyriak: Das Ensemble Albaycín machte mit den feierlich-eleganten Nawbas-Suiten der arabo-andalusischen Musik die deutschen Hörer vertraut.

Ein Meeting maghrebinischer und europäischer Frauen bot das Trio Al-Andalussyat um die algerische Sängerin Naziha Azzouz, ebenfalls langjährige Begleiterin der Akademie, mit der drei Weltreligionen umfassenden Klangkultur des alten Andalusiens. Lee Santana und der Ägypter Nehad El-Sayed stellten ein internationales Quintett auf die Beine, um unter dem Titel „A Spanish Romance“ zu erproben, wie sich die arabische Oud-Tradition mit der europäischen Lautenmusik verknüpfen lässt. Mit den feierlich-eleganten Nawbas-Suiten der arabo-andalusischen Musik machte schließlich das Ensemble Albaycín die deutschen Hörer vertraut.

Syrien im Blick- und Hörfeld

In den jüngeren Ausgaben geriet Syrien ins Blick- und Hörfeld, und mit dem Perkussionisten Firas Hassan und dem Neyspieler Mohammad Fityan gastierten auch wiederholt zwei Dozenten in Sulzburg, die ihre Heimat wegen der kriegsbedingten Verheerungen verlassen mussten und die sich mittlerweile in Europa eine neue musikalische Existenz aufgebaut haben.

Die Konzerte und der Unterricht wurden zudem von Vorträgen oder Lesungen flankiert - etwa, als Nadja Madani-Moudarres, Vorsitzende des Vereins Freunde Arabischer Kunst, über die Einflüsse der blühenden arabischen Kultur und Wissenschaft aufs europäische Mittelalter sprach. Und der irakische Autor Najem Wali brachte seinen Bagdad-Roman mit.

Mit einem kleinen Team stemmt Wagner bis 2018 die Mammutaufgabe mit großem Engagement, reicher Fachkenntnis und in sehr warmherziger Art. Mehr als zwanzig Meisterinnen und Meister aus Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak und Iran gastierten im Laufe der Jahre in Badenweiler, Sulzburg und Freiburg.

Wie und wo es nach dem Tod des Spiritus Rector mit der Akademie weitergehen wird, ist derzeit noch nicht ganz geklärt. „Die Menschen sind die Feinde dessen, was sie nicht kennen“ – diesen Ausspruch, der Ali Ibn Abi Talib, dem Cousin des Propheten Mohammed zugeschrieben wird, hatte Wagner zum Motto für seine Sommerakademie erkoren.

Er ist heute, angesichts der vielen tagespolitischen Verwerfungen aktueller denn je. Mit Matthias Wagner geht ein großer Vermittler zwischen Orient und Okzident, dessen Arbeit schmerzlich fehlen wird.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2020

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