Zum Tod von Ghazi al-Gosaibi

Kritischer Geist im Land der Wahhabiten

Erst zwei Wochen vor dem Tod des saudi-arabischen Arbeitsministers und bekannten Literaten Ghazi al-Gosaibi waren seine Bücher in seinem Heimatland vom Index genommen worden. Das Leben und die Werke al-Gosaibis zeugen vom schmalen Grat, den liberale Politiker in Saudi-Arabien begehen. Aus Riad informiert Hanna Labonté.

Ghazi al-Gosaibi; Foto: dpa
Ghazi al-Gosaibi war "eine der schillerndsten saudischen Persönlichkeiten, ein bedeutsamer arabischer Autor und relativ liberaler Denker, der den schwierigen Balanceakt zwischen Reform und Tradition in Saudi-Arabien lange Jahre erfolgreich meisterte", schreibt Hanna Labonté.

​​ Als der saudische Arbeitsminister Ghazi al-Gosaibi 2008 drei Stunden lang Hamburger in einem Fast-Food-Restaurant der Hafenstadt Jeddah verkaufte, kam dies einer Sensation gleich: Zu dem Zeitpunkt kochte in den saudischen Medien eine Debatte um die "Saudisierung" von Arbeitsplätzen hoch.

Das Arbeitsministerium hatte eine Quote für saudische Beschäftigte eingeführt, um dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit Herr zu werden. Al-Gosaibi kämpfte mit zweierlei Problemen: Der steigenden Arbeitslosenquote einerseits sowie tausenden unbesetzten Stellen im einfachen Dienstleistungssektor, und dem Druck von Seiten der Wirtschaft, diese mit billigen asiatischen Arbeitskräften zu besetzen, andererseits.

Mit seiner Aktion wollte der Minister ein Zeichen gegen die arrogante Haltung seiner Mitbürger setzen, die solche Aufgaben für unehrenhaft hielten: "Durch unsere Adern fließt kein blaues Blut. Jeder muss für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Sogar unsere Propheten haben als Schreiner, Bauern und Viehwirte gearbeitet", sagte al-Gosaibi damals.

Zeitzeuge gesellschaftlicher Veränderungen

Ghazi al-Gosaibi wurde 1940 als Sohn einer alteingesessenen Handelsfamilie in Hufuf im östlichen Saudi-Arabien geboren. Der bekannte saudische Autor Abdulrahman Munif beschreibt in seiner Pentalogie "Salzstädte" sehr eindrucksvoll die Veränderungen, die die Menschen in dieser Region im Zuge des Öl-Booms erlebten.

Seine Ausbildung absolvierte al-Gosaibi zunächst in Bahrain, damals noch unter britischem Protektorat, und studierte später in Kairo, Kalifornien und London Jura.

Saudischer König Abdallah; Foto: AP
Kein Freund des saudischen Lebensstils: "Durch unsere Adern fließt kein blaues Blut. Jeder muss für seinen Lebensunterhalt arbeiten", sagte al-Gosaibi.

​​ Neben seinen Erfahrungen im quasi-kolonialisierten Bahrain beeinflussten ihn besonders die politisch und gesellschaftlich hochexplosiven Jahre in Kairo stark. Wie viele arabische Literaten seiner Generation war die Niederlage vom Sechstagekrieg 1967 für al-Gosaibi ein prägendes Ereignis, das Zeit seines Lebens auf sein literarisches Schaffen, aber auch auf seine politischen Überzeugungen wirkte.

Seine interkulturellen Begegnungen weckten in ihm aber auch eine tiefe Begeisterung für die Beobachtung anderer Kulturen.

Zwischen Literatur und Politik

Nach seiner Ausbildung stieg al-Gosaibi schnell in die höheren politischen Kreise seines Heimatlandes auf und besetzte bereits 1975 einen Ministerposten unter dem neuen König Khalid. Während seiner Karriere durchlief er mehrere Ämter, wobei er mindestens zweimal wegen seiner literarischen Tätigkeit Posten räumen musste.

So verlor al-Gosaibi 1984 nach der Veröffentlichung eines Gedichts, das die Korruption und Privilegien der saudischen Elite kritisierte, seinen Posten als Gesundheitsminister, um kurz darauf als Botschafter in Bahrain wieder eingesetzt zu werden.

Nur Fayez, stellvertretende Ministerin für Mädchenbildung in Saudi-Arabien; Foto: dpa
Nur Fayez, stellvertretende Ministerin für Mädchenbildung in Saudi-Arabien: Al-Gosaibi setzte sich energisch für eine stärkere Beschäftigung von Frauen ein.

​​ 2002 geriet al-Gosaibi erneut ins Kreuzfeuer der Kritik, als ein Gedicht von ihm bekannt wurde, in dem er die palästinensische Selbstmordattentäterin Ayat Akhras verherrlichte, die sich auf einem belebten Marktplatz in die Luft gesprengt und dabei zwei Israelis mit in den Tod gerissen hatte.

Das Gedicht richtete sich aber auch gegen die Untätigkeit der arabischen politischen und intellektuellen Eliten, die sich nach al-Gosaibis Meinung davor drückten, in der Palästina-Frage Verantwortung zu übernehmen. Al-Gosaibi, der damals Botschafter in London war, wurde von seinem Posten abberufen und zum Arbeitsminister im Königreich ernannt.

Schwierige Reformen

Als Arbeitsminister versuchte al-Gosaibi neben dem Problem der explosionsartig steigenden Jugendarbeitslosigkeit besonders die Beschäftigung von Frauen zu fördern, was ihn schnell an Popularität einbüßen ließ. Immer wieder eckte er dabei mit seinen für saudische Verhältnisse liberalen politischen und religiösen Ideen an.

Reformen, so sagte al-Gosaibi 2005 im Zuge der ersten - und bisher auch letzten - Gemeindewahlen, seien in Saudi-Arabien nur sehr gemächlich durchzusetzen: "Man muss sich zunächst auf einen brauchbaren Konsens in der Gesellschaft einigen, bevor der Weg der Reformen weiter begangen werden kann."

Als Autor und Politiker bewegte sich al-Gosaibi stets auf einem schmalen Grad: Die Regierung, der al-Gosaibi selbst fast 35 Jahre angehörte, verbot seine Bücher im Königreich - eine Ironie, die das vorsichtige Vorgehen der saudischen politischen Elite deutlich macht.

Liebe und Tabus

Al-Gosaibi veröffentlichte fast 60 Romane, Gedichtsammlungen und philosophisch-politische Werke. Zu seinen bedeutsamsten Romanen gehören "Shuqqa al-Hurriya" (ins Englische übersetzt: "An Apartment Called Freedom) und Saba'a ("Seven").

​​ Liebe, Tabus und die Verfassung der arabischen Staaten sind die vorherrschenden Themen seiner Werke.

Immer wieder behandelte al-Gosaibi in seinen Romanen und Gedichten auch die Beziehung zwischen "dem Westen" und der arabischen Kultur und kritisierte ausführlich die unüberlegte Übernahme von Kultur- und Konsumgütern anderer Gesellschaften. Besonders in "Saba'a" verurteilt er die im "Westen" ausgebildete arabische Elite, die sich den einfachen Menschen überlegen fühle, anstatt ihr Wissen zur Verbesserung der Lebensumstände in ihren Heimatländern zu nutzen.

In der von Bezügen auf die arabische Literatur und griechische Mythen reichen Erzählung von "Saba'a" buhlen sieben männliche Charaktere aus Araby um eine Nacht mit der Journalistin Gulnar, eine der starken Frauencharaktere in al-Gosaibis Werken. In ihren Erzählungen, die sie nacheinander in sieben Nächten Gulnar darbieten – eine geschickte Abwandlung der Erzählungen von "Tausendundeiner Nacht" - präsentieren sich die Männer als egoistische, korrupte und habgierige Charaktere. Folgerichtig sterben alle sieben am Ende des Werkes an Alkohol und Drogen, des Betrugs und Erniedrigung der Frauen schuldig.

Späte Anerkennung

Erst vorletzte Woche veröffentlichte der neue saudische Informationsminister Abdulaziz Khoja auf seiner Facebook-Seite – man verdeutliche sich einmal dieses Paradox – eine Erklärung, mit der al-Gosaibis Werke in Saudi-Arabien von der schwarzen Liste gestrichen wurden. Die Gedichte des Informationsministers, selbst Dichter, bleiben derweil verboten. Praktisch über Nacht überschwemmten al-Gosaibis Werke daraufhin die Buchhandlungen des Königreichs.

Ghazi al-Gosaibi erlag am Sonntag in Riad seiner langen Krebserkrankung. Er galt als eine der schillerndsten saudischen Persönlichkeiten, als bedeutsamer arabischer Autor und relativ liberaler Denker, der den schwierigen Balanceakt zwischen Reform und Tradition in Saudi-Arabien lange Jahre erfolgreich meisterte.

Hanna Labonté

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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