Zum Tod des indonesischen Diktators Suharto

Schatten der Vergangenheit

Am Sonntag (27.1.) verstarb der ehemalige indonesische Präsident Suharto im Alter von 86 Jahren. Er hatte den südostasiatischen Vielvölkerstaat 32 Jahre lang regiert. Bis heute leidet das Land schwer an Suhartos Erbe: einem korrupten Verwaltungssystem und einem viel zu großen Militärapparat. Von Sybille Golte-Schröder

Suharto am 21. Mai 1998, seine Tochter im Hintergrund; Foto: AP
Politisch stets umstritten: Indonesiens früherer Präsident Suharto verstarb am 27.1.2008.

​​Die Ära Suharto ging bereits vor zehn Jahren zu Ende, als der Diktator Massenprotesten gegen sein Regime nachgab: "Ich habe beschlossen, das Amt als Präsident der Republik niederzulegen. Diese Entscheidung tritt am heutigen Tag, dem 21. Mai 1998 in Kraft."

Seitdem befindet sich Indonesien auf einem mühsamen Weg zurück zur Demokratie. Allerdings scheiterten bis zuletzt alle Versuche, Suharto für die Verletzungen der Menschenrechte vor Gericht zu stellen, die unter seiner Herrschaft begannen wurden.

Keine Gleichheit vor dem Gesetz

Entweder scheiterten die Versuche an seinem nach wie vor großen Einfluss oder angesichts des langen und öffentlichen Todeskampfs Suhartos. Deshalb schwiegen auch seine demokratischen Nachfolger bis zuletzt.

Menschenrechtler halten den Vorschlag aus Suhartos eigener Golkar-Partei, alle juristischen Ermittlungen gegen Suharto einzustellen, für völlig inakzeptabel. Für den Anwalt Hendardi steht dieser Vorschlag im Widerspruch zu wichtigen Grundsätzen des Gesetzes:

"Jeder sollte vor dem Gesetz gleich sein", meint Hendardi. "Außerdem ist es eine Beleidigung für alle Opfer des Suharto-Regimes. Es gibt so viele Beweise, die Suharto belasten. Wenn sich die Golkar Partei jetzt dafür ausspricht, ihn nicht vor Gericht zu ziehen, dann hat sie sich eigentlich nicht verändert und tut nur so, als ob sie für Reformen ist."

Ein lächelnder General gegen die rote Gefahr

Suhartos Familie um den Leichnam versammelt; Foto: AP
Beginnt nach Suhartos Tod endlich die Vergangenheitsbewältigung in Indonesien?

​​Auch zehn Jahre nach dem Ende von Suhartos Herrschaft bleiben wichtige Details der drei Jahrzehnte dauernden Militärdiktatur unbekannt. In ihrem Schweigen steht die junge Nach-Suharto-Demokratie jedoch nicht allein.

Vertreter der USA und der Bundesrepublik Deutschland sahen über die unschönen Begleiterscheinungen seiner Regentschaft hinweg, da der "lächelnde General" Suharto sich ihnen als Bollwerk gegen die rote Gefahr in Südostasien anbot. Ein Image, das gut ins Bild des immer eisiger werdenden kalten Krieges jener Zeit passte.

Wenig ist bekannt über die Hintergründe des blutigen Putsches, der Suharto in den Sechziger Jahren an die Macht brachte. Er putschte 1966 den charismatischen Präsidenten Sukarno – angeblich, um ihn vor einer kommunistischen Machtübernahme zu beschützen. Doch schon 1965 ertrank Indonesien in Blut. Hunderttausende Mitglieder der kommunistischen Partei und Menschen, die im Verdacht standen, ihr nahe zu stehen, fielen der Gewalt des Militärs zum Opfer.

Jagd auf Kommunisten und "Separatisten"

Es wurde nie bewiesen, dass es Suharto war, der die Menschenjagd anordnete. Allerdings lenkte er den Militärapparat, der sie durchführte. Augenzeugen berichteten, dass sich auch viele Zivilisten dem Militär bei diesen Aktionen anschlossen: "Viele Menschen fühlten sich von der Armee ermutigt, auch so zu handeln. Sie verhafteten angebliche Mitglieder der kommunistischen Partei und das Töten fing an."

In den Folgejahren wurden Tausende von Regimekritikern ohne rechtsstaatliches Verfahren auf die Gefangeneninsel Buru verschleppt. Unabhängige Beobachter sprachen von Völkermord in den nach Unabhängigkeit strebenden Provinzen Aceh und Papua. Auch im widerrechtlich von Suharto annektierten Ost-Timor starben bis zu 200.000 Menschen.

Die Folgen der Asienkrise

Protestierende Studenten in Jakarta; Foto: Picture-Alliance
Ein friedlicher Machtwechsel: 1998 zwingen landesweite Proteste Suharto aus dem Amt.

​​Erst die asiatische Wirtschaftskrise Ende der Neunziger Jahre führte zu Suhartos Rückzug. So führte der Suharto-Clan seinen eigenen Untergang herbei. Die Misswirtschaft der Familie hatte umso größere Auswirkungen, da sie Beteiligungen an beinahe jedem indonesischen Unternehmen besaßen. Noch heute liegt die von Suharto und seinen Anhängern in die Krise geführte Wirtschaft des rohstoffreichen Landes am Boden.

Indonesien leidet schwer an Suhartos Erbe: einem korruptes Verwaltungssystem, einem viel zu großen Militärapparat und einer unbewältigten Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund grenzt es fast an ein Wunder, wie schnell und überzeugend der Vielvölkerstaat zur Demokratie zurückgefunden hat.

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Obwohl sich Suharto nicht nur auf das Militär, sondern stets auch auf seine westlichen Verbündeten stützen konnte, ist das Land ein verlässlicher Verbündeter der westlichen Welt geblieben.

Fundamentalistische Tendenzen haben im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt keine Chance. Auch dies ein Wunder und ein Zeichen demokratischer Reife. Kein Wunder ist, dass die von Suharto und seinen Anhängern am Schluss in die Krise geführte Wirtschaft des rohstoffreichen Landes weiterhin am Boden liegt.

Möglicherweise beginnt jetzt mit dem Tod des lächelnden Generals die wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Genug aufzuarbeiten gibt es, auch wenn er selbst nicht mehr auf der Anklagebank sitzen wird.

Sybille Golte-Schröder

© DEUTSCHE WELLE 2008

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