Der Fotojournalist Danish Siddiqui; Foto: Mumbairt/CC
Zum Tod des indischen Fotojournalisten Danish Siddiqui

Das Menschliche einfangen

Über Indien hinaus herrscht große Trauer über den Verlust des renommierten Reuters-Fotografen Danish Siddiqui, der mit seinen Bildern das menschliche Gesicht von Nachrichten über die Krisen in Südasien einfing. Er starb bei der Berichterstattung in Afghanistan. Von Natalie Mayroth

Können Bilder unseren Blick auf die Welt verändern? Sie können täuschen, aber Bilder können uns auch einer Wahrheit näherbringen, die oft bitter ist. Der indische Fotojournalist Danish Siddiqui hat mit seinen Bildern mehr als nur die großen Krisen der letzten Jahre in Südasien von Bangladesch bis Sri Lanka abgedeckt. Er begegnete den Menschen mit Respekt und hat ihnen in seinen Bildern stets ihre Würde bewahrt. Doch von seinem letzten Auftrag ist er nicht zurückgekehrt. Er wurde getötet, als er über die Situation in Afghanistan mit dem Abzug der internationalen Truppen und dem Vormarsch der Taliban berichtete.

Siddiqui begleitete eine Spezialeinheit der afghanischen Armee, als er am 16. Juli bei Zusammenstößen mit den Taliban in der südöstlichen Provinz Kandahar starb. Mit ihm kam ein hochrangiger afghanischer Offizier ums Leben. Vor dem tödlichen Angriff war Siddiqui durch einen Granatsplitter am Arm verwundet worden, befand sich aber auf den Weg der Besserung. Bis zu seinem Tod leitete Siddiqui das Multimedia-Team der Nachrichtenagentur Reuters in Indien.

Zahlreiche Politikerinnen und Politiker aus aller Welt würdigten den Fotografen: Von UN-Generalsekretär António Guterres über den afghanischen Staatschef Ashraf Ghani bis hin zu Vertretern der US-Regierung und zahlreichen indischen Politikerinnen und Politikern wie Mamata Banerjee (Ministerpräsidentin von Westbengalen), Oppositionspolitiker Rahul Gandhi von der Kongress-Partei oder Arvind Kejriwal (Regierungschef des Unionsterritoriums Delhi).

In Indien trauerten die Menschen mit Mahnwachen von Kaschmir im Norden über Mumbai im Westen, von Kalkutta im Osten bis Trivandrum im Süden und in seiner Heimatstadt Neu-Dehli.

Die Datenspezialistin Karen Hao hat Siddiqui 2020 in Mumbai getroffen und erinnert sich an Siddiquis Bescheidenheit und Herzlichkeit: "Er erzählte mir von der unglaublichen Liebesgeschichte mit seiner Frau, von seinen bezaubernden Kindern und von seinem Wunsch, weiterhin gute Arbeit zu leisten.” Damals, kurz vor dem Ausbruch von Covid-19, bereitete er sich auf seinen nächsten Auslandseinsatz vor. "Ich sagte ihm, dass er unglaublich mutig sei. Er erzählte mir, es seien seine Frau und seine Kinder, die den wahren Mut bewiesen. Denn sie mussten sich immer wieder von ihm verabschieden, wenn er zum nächsten lebensbedrohlichen Einsatz aufbrach.”

Foto Battle for Mosuk von Danish Siddiqui; Quelle: screenshot www.danishsiddiqui.net/
Danish Siddiqui war in vielen Krisengebieten unterwegs. Stets versuchte er, in seiner Arbeit als Fotograf die menschlichen Schicksale hinter den Agenturmeldungen und Nachrichten sichtbar zu machen. So hielt er in eindringlichen Bildern fest, wie irakische Streitkräfte im Jahr 2016 die Stadt Mosul aus den Händen des sog. Islamischen Staates befreiten.

Siddiquis Vermächtnis

Zu den herausragenden Arbeiten des Fotografen für die Nachrichtenagentur Reuters gehören Aufnahmen aus Nepal, dem Irak, Nordkorea oder Hongkong. 2015 fing er die Folgen des verheerenden Erdbebens in Nepal ein, bei dem in Südasien knapp 9.000 Menschen starben.

Besonders eindringlich sind auch seine Bilder von der Schlacht um Mosul im Irak aus dem Jahr 2016, als irakische Streitkräfte die Stadt aus den Händen des sog. Islamischen Staates befreiten.

Daneben dokumentierte Siddiqi etwa das politische wichtige Hindu-Festival Kumbh Mela vor den Parlamentswahlen in Indien 2019 oder das Schicksal muslimischer Rohingya, die aus Myanmar nach Bangladesch flüchten mussten (2017). Im Jahr 2018 folgte ein Besuch in Nordkorea, wo er den Führerkult um Kim Jong II festhielt.

Hinzu kamen hitzige indische Wahlkämpfe, Proteste gegen das umstrittene neue indische Staatsbürgerschaftsgesetz (den Citizenship Amendment Act, verabschiedet im Dezember 2019), anhaltende Proteste indischer Bauern gegen neue Agrargesetze und die lange Reise der Wanderarbeiter, nachdem der erste harte Corona-Lockdown in Indien im Frühjahr 2020 verkündet und öffentliche Verkehrsmittel eingestellt worden waren. Siddiquis Foto eines Wanderarbeiters, der seinen Sohn auf den Schultern trägt, wurde dabei zu einem ikonischen Bild für die lange Reise der Armen in ihre Dörfer.

Danach bebilderte Siddiqui die helfenden Hände in der Pandemie, aber er zeigte auch erschütternde Bilder über das Ausmaß der Corona-Pandemie in Indien, die in der zweiten Welle das Gesundheitssystem an den Abgrund trieb mit offiziell mehr als 4.000 Todesfällen am Tag, was sich in überfüllten Krematorien wie in Delhi im April 2021 äußerte.

Interreligiöse Spannungen

Siddiqui hat auch die wachsenden interreligiösen Spannungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien dokumentiert, die sich während eines Besuchs des damaligen US-Präsidenten Trump im Februar 2020 im Nordosten von Neu-Delhi gewaltsam entluden. In Folge dieser Auseinandersetzungen starben 53 Menschen, zahlreiche Häuser von Musliminnen und Muslimen wurden zudem zerstört.

Danish Siddiqui im Einsatz bei einer Demonstration in Indien; Foto: Vivek Prakash/Reuters
In Indien wird Siddiqui besonders fehlen. Denn er hat zum Beispiel im Januar 2020 bei Studentenprotesten in Neu-Delhi gegen das umstrittene Staatsbürgerschaftsgesetz fotografiert, wie ein Hindu-Nationalist mit einer Pistole auf Demonstranten vor der Jamia Universität zielte und einen Mann an der Hand verletzte. Das Foto des "Jamia-Schützen” sorgte in Indien für Furore. Es sind diese scharfen Beobachtungen, für die Siddiqui von vielen bewundert wurde. "Danish und seine Kamera waren der unerbittliche moralische und ethische Kompass des indischen Journalismus und der Inder gleichermaßen“, sagt die Journalistin Rana Ayyub.

Siddiqui war es auch, der im Januar 2020 bei Studentenprotesten in Neu-Delhi gegen das umstrittene Staatsbürgerschaftsgesetz, das Muslime von einer vereinfachten Einbürgerung ausschließt, einen Hindu-Nationalisten fotografierte, der mit einer Pistole auf Demonstranten vor der Jamia Universität zielte und einen Mann an der Hand verletzte.

Das Foto des "Jamia-Schützen” sorgte in Indien für Furore, genauso wie das Bild eines muslimischen Mannes, der während der Unruhen in Nordost-Delhi brutal zusammengeschlagen wurde.

Es sind diese scharfen Beobachtungen, für die Siddiqui von vielen bewundert wurde. Andere jedoch warfen ihm vor, mit seinen Bildern dem Ruf Indiens zu schaden.

"Danish und seine Kamera waren der unerbittliche moralische und ethische Kompass des indischen Journalismus und der Inder gleichermaßen“, sagt die mit ihm befreundete Journalistin Rana Ayyub. Sie beklagt, dass sich der indische Premierminister Narendra Modi nach dem Tod des Fotoreporters in Schweigen hüllt, während sich die ganze Welt empört und trauert.

Langer Weg zum Fotojournalismus

Siddiqui wuchs im mehrheitlich muslimischen Viertel Jamia Nagar in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi auf. Sein Vater Mohammad Akhtar Siddiqui unterrichtete an der Eliteuniversität Jamia Millia Islamia, auf der sein Sohn ein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Bachelor abschloss und 2007 noch mit einem Master in Kommunikationswissenschaften ergänzte. Danach arbeitete er zunächst als TV-Journalist. Erst später wechselte er in den Fotojournalismus. Ein Weggefährte, der Politikberater Bilal Zaidi, sagt, er wäre kein Mann der vielen Worte gewesen. Er war viel mehr für die Arbeit hinter als für den Auftritt vor der Kamera geschaffen. 

Siddiqui fing 2010 als Praktikant bei der Nachrichtenagentur Reuters nochmal von vorne an. Im Jahr darauf zog er nach Westindien um. Es waren prägende Jahre, in denen er nicht nur schnell mit den Fotografinnen und Fotografen in der Stadt vernetzt war: "Nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Mumbai kannte Danish fast jeden Menschenrechtsaktivisten, der in der Stadt lebte”, so Rana Ayyub. In Mumbai verbrachte er viel Zeit an der Mohammed Ali Road im Süden oder an der Bandstand-Promenade im Stadtteil Bandra von Mumbai.

Der Auftrag, der ihn am meisten bekannt gemacht hat, war die Geschichte des Kinderstars Rubina Ali aus dem Film "Slumdog Millionaire". Der Film kennt ein Happy End, aber im realen Leben brannte die Hütte der Familie von Ali in einem Slum von Mumbai ab. Siddiquis Aufnahmen von dem Slum und seinen Bewohnern bringen einen dazu, über Menschlichkeit nachzudenken. Diese Empathie für Menschen in allen Lebenslagen zeichnet viele seiner Fotografien aus. Auch deshalb gewann sein Team 2018 den Pulitzer-Preis für Reportagefotografie für die Dokumentation geflüchteter Rohingya in Bangladesch, den er seinen Kindern widmete. 2019 wurde Danish Siddiqui schließlich zum Cheffotografen bei Reuters und zog zurück nach Delhi. 

Danish Siddiqui bei der Verleihung des Pulitzer Preises 2018; Foto: Mohammed Ponir Hussain/Reuters
Die Empathie für Menschen in allen Lebenslagen zeichnet viele der Fotografien von Danish Siddiqui aus. Auch deshalb gewann er zusammen mit seinem Team 2018 den Pulitzer-Preis für Reportagefotografie für die Dokumentation geflüchteter Rohingya in Bangladesch. Siddqui widmete den Preis damals seinen Kindern.

Schwierige Zeiten für den Journalismus

Während der Corona-Pandemie kam es in Indien zu vielen Todesfällen unter Journalistinnen und Journalisten wie unter Fotografen. Das Netzwerk Frauen in den Medien, Indien (NWMI) zählt über 500 Opfer unter ihnen. Andererseits zeigt der Tod von Siddiqui, wie gefährlich die Lage für Medienschaffende in Afghanistan ist. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen sind seit 2001 in Afghanistan 17 ausländische Journalistinnen und Journalisten getötet worden, darunter auch Siddiquis Kollegen Harry Burton und Azizullah Haidari.

Unter den einheimischen Journalisten ist der Blutzoll besonders hoch. Allein im vergangenen Jahr sind in Afghanistan mindestens acht einheimische Journalisten getötet worden. Afghanistan-Kenner wie Emran Feroz warnen, es werde regelrecht Jagd auf Medienschaffende gemacht. Nach solchen Anschlägen würden zwar Ermittlungen angekündigt, aber nicht wirklich eingeleitet. Zahlreiche Gruppierungen bedrohen die Medienschaffenden: Kriminelle Netzwerke, die Terrororganisation "Islamischer Staat” (IS), aber auch die Taliban, denen freie Medien missfallen. Wer ist für den Tod von Siddiqui verantwortlich? Die Taliban stehen unter Verdacht, aber sie bestreiten, hinter dem Mord zu stehen und äußerten ihr Bedauern.

Eigentlich würde Siddiqui in Indien mehr gebraucht als in Afghanistan, hört man aus seinem Umfeld. Denn die vergangenen Jahre waren herausfordernd für Indiens Demokratie. "Ich habe meine Augen verloren, mein Sohn. Du hast mir die Wahrheit gezeigt“, sagt die Verkörperung von ‘Mutter India’ in einer Zeichnung des Karikaturisten Satish Acharya zum Tod von Siddiqui.

Danish Siddiqui ist bei einer Arbeit gestorben, die er mit ganzer Leidenschaft machte: Er wollte das menschliche Gesicht hinter den Nachrichten einfangen. Sein Leichnam wurde inzwischen nach Indien überführt und in Delhi beigesetzt. Siddiqui wurde 38 Jahre alt. Er hinterlässt seine Frau, eine deutsche Kunsthistorikerin, und die beiden gemeinsamen Kindern.

Natalie Mayroth

© Qantara.de 2021

Siddiquis Arbeiten wurden in zahlreichen Zeitungen, Magazinen und Galerien veröffentlicht und mit Preisen ausgezeichnet.

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