Zum Tod des algerischen Schriftstellers Malek Alloula

"Der Prophet gilt im eigenen Land nichts"

Der renommierte algerische Essayist, Literaturwissenschaftler und Lyriker Malek Alloula ist im vergangenen Februar im Alter von 78 Jahren gestorben. Erst wenige Wochen zuvor war seine Frau, die Schriftstellerin Assia Djebar, im Pariser Exil verschieden. Suleman Taufiq mit einem Nachruf

Malek Alloula war ein Kind der französischen Kolonialzeit. Geboren wurde er 1937 in Oran, einer geschichtsträchtigen Hafenstadt im Westen Algeriens. Die Stadt gilt bis heute als die liberalste und weltoffenste in Algerien. In dieser Atmosphäre wuchs Alloula auf.

Er gehörte zu den weinigen Algeriern, die das Privileg hatten, eine französische Schule besuchen zu können. Die damalige kulturelle Entfremdung im Zuge des französischen Kolonialismus war gewaltig. So sehr, dass Alloula dies schon während seiner Schulzeit feststellen musste: "Wir sprachen zu Hause Arabisch, lernten aber in der französischsprachigen Schule lediglich die Geschichte Frankreichs. Arabisch war für uns eine Fremdsprache im eigenen Land."

Es gab kaum Schulen, an denen Arabisch unterrichtet wurde, außer an den Koranschulen. Nach dem Algerienkrieg und der Befreiung von der französischen Kolonialmacht waren viele Algerier daher Analphabeten.

Malek Alloula studierte später Literaturwissenschaft an der "École Normale Supérieure" (ENS) in Algier. 1960 ging er nach Paris und setzte dort sein Studium an der Sorbonne fort, wo er über den französischen Philosophen und Schriftsteller Denis Diderot promovierte.

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Paris wurde schließlich zu seinem Exil, und sollte es bis zu seinem Tode bleiben. Sein Heimatland war zu jener Zeit noch nicht in der Lage, die jüngste koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Vielmehr war das maghrebinische Land noch lange damit beschäftigt, die eigene kulturelle Geschichte zu verdrängen und zu verfälschen.

Festgenomme Algerier stehen im Dezember 1956 in Oran mit den Gesichtern zur Wand an der Stadtmauer und warten darauf, verhört zu werden; Foto: dpa/picture-alliance
Das Trauma des Algerienkrieges und der französischen Kolonialzeit: Die damalige kulturelle Entfremdung im Zuge des französischen Kolonialismus war gewaltig. So sehr, dass Alloula dies schon während seiner Schulzeit feststellen musste: "Wir sprachen zu Hause Arabisch, lernten aber in der französischsprachigen Schule lediglich die Geschichte Frankreichs. Arabisch war für uns eine Fremdsprache im eigenen Land"

Es war allerdings nicht zuletzt dieser Prozess der kulturellen Verdrängung und Entfremdung, der es einigen Autoren ermöglichte, sich von den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Heimat zu distanzieren, Tabus aufzubrechen und politische und religiöse Dogmen in Frage zu stellen. Dieser Schritt war jedoch auch mit dem Wagnis verbunden, sich selbst grundlegend in Frage zu stellen und sich konsequenterweise auf die Suche nach einer neuen, eigenständigen Identität zu begeben.

Malek Allolas Schreiben wird sich auch in späteren Jahren immer wieder um den Verlust der eigenen Sprache, Kultur und Geschichte drehen. Bereits in seinem 1997 erschienenen, stark autobiografischen Novellenband "Le cri de Tarzan" (der Schrei des Tarzans) lässt er Erinnerungen an seine Kindheit in Algerien wieder lebendig werden – darin beschreibt er seine prägenden Eindrücke eines Tarzan-Films ebenso, wie die Szenen des Alltags, die er ohne jedes Pathos schildert.

"Dünger des kolonialen Weltbildes"

Zu seinen bekanntesten Werken zählt zweifelsohne das 1981 auf Französisch erschienene "Le Colonial Harem" (Harems-Phantasien aus dem Postkartenalbum der Kolonialzeit). In diesem Buch befasste sich Alloula mit den Abbildungen französischer Kolonialpostkarten, die er auch als "Dünger des kolonialen Weltbildes" bezeichnete.

Dazu sammelte er Postkarten mit Motiven algerischer Frauen, die von französischen Unternehmen in der Zeit von 1900 bis 1930 produziert wurden. Die Frauen wurden für die Aufnahmen in einem Studio so dargestellt, als würde es sich um Momentaufnahmen aus ihrem Alltag handeln. In der Regel wurden sie von den Franzosen hilflos und halb nackt dargestellt. Die Fotos dienten ihnen als Beweis für die Unanständigkeit und Rückständigkeit der algerischen Frau, aber auch als Mittel, um beim Betrachter sexuelle Phantasien zu wecken. Sie stellten, wie nicht anders zu erwarten, lediglich Projektionen des Orients dar. Projektionen, die mehr über die Sehnsüchte der Franzosen als über die Lebensrealität der algerischen Frauen verrieten. "Nur der Kolonisator sieht sich selbst als derjenige, der ein Recht auf einen bestimmten Blick hat: der Kolonisierte wird somit symbolisch zum Blinden", so Alloula.

Buchcover "Le Colonial Harem" von Malek Alloula
Wie sich die Männerwelt Frankreichs den Orient vorstellte: In seinem Buch "Harems-Phantasien aus dem Postkartenalbum der Kolonialzeit" befasste sich Malek Alloula mit den Abbildungen französischer Kolonialpostkarten, die er auch als "Dünger des kolonialen Weltbildes" bezeichnete.

Prägend für den Literaturstil Alloulas waren sowohl das Leben in der Fremde als auch der Wechsel der Orte. Sein Leben im Exil verstärkte seine Sensibilität für bestimmte Themen. In manchen Schriften, wie etwa in der Erzählung "Paysages d'un retour", die 2010 in Paris erschien, beschrieb Alloula die Geschichte eines Mannes, der in sein Heimatdorf in Algerien zurückkehrt. Diese Fiktion handelt von den Enttäuschungen und Verlusten, die er dort selbst erlebt und beobachtet hatte.

Immer rekurrierte seine Literatur auf dem kulturellen Gedächtnis seines Landes, seinen Verzerrungen und Verschiebungen, die er illusionslos und scharf beobachtend beschrieb, ohne dabei in eine Idealisierung seines Landes zu verfallen.

Ein Verbannter in der Literatur

1994 ermordeten die Islamisten seinen Bruder Abdelmalek Alloula, einen bedeutenden Theaterregisseur und Intellektuellen seines Landes. Zu seinen Ehren gründete Malek Alloula die Stiftung "Association Abdelkader Alloula" und leitete sie fortan. In dieser Zeit veröffentlichte er einen Sammelband mit Erinnerungen und Würdigungen seines Bruders, sowie Übersetzungen ins Französische von zwei seiner Dramen ("En mémoire du futur").

Alloula hat sich Zeit seines Lebens nach seiner Stadt Oran und auch nach Algier gesehnt: "Die Zeit hat mich vieler schöner Erinnerungen beraubt. Es verbindet mich mit ihnen nur noch die Sehnsucht."

Seine Schriften zeugen von unerbittlicher Härte und schöner poetischer Sprache. Doch Alloula sollte ewig ein Verbannter bleiben, auch in der Literatur. Es ist auch schade, dass seine Bücher bis heute nicht ins Arabische übersetzt wurden. Auch in seinem Heimatland Algerien hatten sie nicht den Erfolg, die sie eigentlich verdient hätten. Wie sooft in der Geschichte, trifft auch hier das Sprichwort zu: "Der Prophet gilt im eigenen Land nichts".

In einem Gedicht, das vielleicht sein letztes war, schrieb er:

"Es ist ein Wort, zu dem ich immer zurückkomme,

bei Anbruch der Nacht,

eine überlieferte alte Blindheit,

in der ich den vollkommenen Sinn wieder entdecke,

von wo aus diese Stimmen kommen,

um so ruhig vom Tod zu sprechen,

wie eine erlöschende Lampe vor dem Debakel."

Suleman Taufiq

© Qantara.de 2015

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