Zum Tod der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar

Schreiben aus dem Off oder die Kunst der Entschleierung

Sie war die Grande Dame der frankophonen Maghreb-Literatur, Symbolfigur für Generationen schreibender Frauen in der arabischen Welt: die algerische Autorin, Historikerin und Filmemacherin Assia Djebar, die bis zuletzt als Favoritin für den Literaturnobelpreis galt. Am 6. Februar starb sie im Alter von 78 Jahren. Ein Nachruf von Regina Keil-Sagawe

"Verhüllt den Körper des heiratsfähigen Mädchens. Macht sie unsichtbar. Verwandelt sie in ein Wesen, noch blinder als der Blinde, tötet in ihr jede Erinnerung an das Draußen. Und wenn sie schreiben kann?"*

Ja, was dann passiert, hat Assia Djebar, die am 30. Juni 1936 im algerischen Küstenort Cherchell, dem römischen Caesarea, als Fatima-Zohra Imalayène im Schoß einer kleinbürgerlich-konservativen, arabo-berberischen Familie das Licht der Welt erblickt, exemplarisch demonstriert.

Mit einem für eine Frau aus der arabischen Welt wohl einmaligen Bildungsweg, dessen erste Schritte sie 1985 in den ersten Zeilen ihres historischen Romans L'Amour la Fantasia (1985, dt. 1989: Fantasia) beschreibt: "Ein kleines arabisches Mädchen geht zum ersten Mal zur Schule, an einem Herbstmorgen, an der Hand ihres Vaters. Er, den Fez auf dem Kopf, eine große, aufrechte Gestalt in einem Anzug nach europäischem Schnitt, trägt eine Schulmappe. Er ist Lehrer an der französischen Schule. Ein kleines arabisches Mädchen in einem Dorf im algerischen Sahel."*

Vorreiterin ihres Landes, ihres Geschlechts, ihres Kontinents

Ohne die Aufgeschlossenheit dieses Vaters, eines Studienkollegen von Mouloud Feraoun, wäre ihr Leben wohl anders verlaufen, wäre sie spätestens nach dem Besuch von Grund- und Koranschule, wie Cousinen und Freundinnen, hinter dem Schleier verschwunden. Doch sie ist privilegiert, darf ihre Begabung entfalten und wird immer wieder zur Vorreiterin, ihres Landes, ihres Geschlechts, ihres Kontinents, über 60 Jahre hinweg: 1946 ist sie am Gymnasium von Blida eine von fünf "Eingeborenen" inmitten hunderter französischer Schülerinnen; 1955 wird sie als erste algerische Studentin an der Pariser Elite-Uni ENS zugelassen.

In Deutschland nimmt sie als erste Algerierin 1989 den LiBeraturpreis entgegen, im Jahr 2000 den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; in Paris wird sie gar 2005 als erste arabische Autorin in die Académie française gewählt.

Trauer um Assia Djebar in Alguer; Foto: AFP
Gedenken in Algier an eine der renommiertesten und einflussreichsten Autorinnen des Maghrebs: Assia Djebar starb am Freitag (06.02.2015) im Alter von 78 Jahren in einem Krankenhaus in Paris. Am 13.02. wurde sie in ihrer Heimatstadt Cherchell westlich von Algier beerdigt.

Eine Wahl, auf die sie spontan mit den Worten reagiert, dass sie sich für die Frankophonie des Maghreb freut. Zu der sie selbst mit einem Oeuvre, das über 20 Romane, Essays und Erzählbände, Theaterstücke, Drehbücher, Opernlibretti und Lyrik umfasst und in weltweit 23 Sprachen übersetzt ist, erheblich beigetragen hat.

Ins Arabische ist vom Werk der bedeutendsten Autorin des Maghreb, der neben Kateb Yacine, Dib und Mammeri, Feraoun, Memmi und Chraïbi einzigen Dame im Herrenclub der Gründergeneration der 1950er Jahre, quasi nichts übersetzt – bis auf ihre Kindheitserinnerungen Nulle part dans la maison de mon père (2007, arab. 2014: Bawabat eddhikrayat) sowie ihr Theaterstück Rouge l'aube (1969).

Weltweit wird Assia Djebars vielschichtiges, der Frauenemanzipation, dem Dialog der Kulturen und dem demokratischen Miteinander in einem multikulturellen Algerien gewidmetes Werk gewürdigt, in arabischer Sprache jedoch existiert bislang nur eine Publikation, zusammengestellt vom algerischen Autor und einstigen Direktor der algerischen Nationalbibliothek Amin Zaoui.

Die Entdeckung weiblicher Körperlichkeit und Sinnlichkeit

Schreiben ist für Assia Djebar Selbsterforschung im denkbar weitesten Sinn, die das Ego und das Kollektiv umfasst, in verschüttete Tiefen vorstößt und den Dingen an die Wurzel geht. 1999 promoviert sie sogar mit einer Retrospektive über ihr eigenes Werk, die als Essay unter dem Titel Ces voix qui m'assiègent – en marge de ma francophonie erscheint.

Drei Konstanten prägen ihre écriture, die sich im konfliktuellen Spannungsfeld zweier Welten konstituiert, im schmerzvollen Wechselspiel zwischen arabo-islamischem Ursprung und französischer Moderne: die Historie, das Frausein, die Sprache.

Buchcover "Weißes Algerien" von Assia Djebar im Unionsverlag
Für Aufsehen sorgte Djebar 1996 mit dem Roman "Weißes Algerien", der besonders politisch geprägt ist. Auf 240 Seiten beschrieb sie ihr Entsetzen über den algerischen Bürgerkrieg, das "Schwarze Jahrzehnt", die Kontinuität der Gewalt und die Liebe zu ihrem Heimatland.

Die feminine Selbstfindung klingt schon im Frühwerk an, das ihr den Ruf einer algerischen Sagan einträgt und den Griff zum Pseudonym zwingend macht. Denn die Themen, die sie in La Soif (1957; dt. 1993: Die Zweifelnden), Die Ungeduldigen (1958, dt. 1959), Les enfants du Nouveau Monde (1962) und Les Alouettes naïves (1967) angeht, sind absolute "No-Gos" für junge Frauen in der arabischen Welt und insofern revolutionär: Liebe und Partnerschaft, die Entdeckung weiblicher Körperlichkeit und Sinnlichkeit.

Nach einer Zäsur in den 1970er Jahren, in der Assia Djebar zwei Dokumentarfilme über die Frauen ihrer Heimat dreht – La Nouba des femmes du Mont Chenoua (1979 Preis der internationalen Filmkritik der Biennale von Venedig) und La Zerda et les chants de l'oubli (1982 Sonderpreis der Berlinale für den besten historischen Film) –, findet sie in den 1980ern zum Schreiben in französischer Sprache zurück. Einem Schreiben, das fortan geprägt ist von den "Schattenstimmen der Schattenfrauen", unterlegt mit arabischen und berberischen Einsprengseln, geprägt vom Moment der Mündlichkeit, der Mehrstimmigkeit, filmischer Montagetechnik, fluider Eleganz.

Von der "history" zur "herstory"

Virtuos fügt sich unter Djebars Blick franko-algerische, arabo-berberische, islamische "history" erstmals zur "herstory". Das von ihr entwickelte Konzept der kunstvollen Verflechtung von Fakt und Fiktion, autobiographischem Fragment und historischem Dokument bricht mit Klischees, eröffnet neue Perspektiven. Zum Beispiel, wenn die Autorin, wie in L'Amour la Fantasia (1985, dt. 1989: Fantasia), offizielle französische Geschichtsquellen mit den Erinnerungen algerischer Groß- und Urgroßmütter kreuzt. Oder, so 1987 mit Ombre Sultane, im Rekurs auf die schwesterliche Solidarität von Sherazade und Dinarzade in 1001 Nacht, ein genuin arabisches Modell weiblicher Emanzipation entwirft (dt. 1988: Die Schattenkönigin).

Wenn sie, wie 1995 in Vaste est la prison (dt. 1997: Weit ist mein Gefängnis), im Blick auf die reiche Vergangenheit der Region, in der Griechen und Römer ihre Spuren hinterließen, gegen das Diktat arabo-islamischer Monokultur ankämpft. Oder gar, wie 1991 mit Loin de Médine (dt. 1994: Fern von Medina), zwei Dutzend Frauengestalten aus der Frühzeit des Islam zum Leben erweckt, und der "Karikatur eines ursprünglichen Islam", wie ihn zu Beginn der 1990er die Fundamentalisten Algeriens anvisieren, eine fundierte, feminine Vision entgegensetzt.

Die indes wenig nützt: Auf das "Schwarze Jahrzehnt" der 1990er Jahre, die Algerien mit Blut und Terror überzieht, reagiert sie in der ihr eigenen diskreten Art, mit zwei schmerzvollen Texten, 1996 der Trauerklage Le blanc de l'Algérie (dt. 2002, Weißes Algerien) und dem Erzählband Oran, langue morte (1997, dt. 2003: Oran – Algerische Nacht).

Im Sommer 2000 dann adaptiert sie den Stoff, der auf Quellentexten des 14. Jahrhunderts, den Chroniken Ibn Saads und Tabaris, beruht und um den Tod des Propheten Mohammed und die Entrechtung der Frauen kreist, mit Erfolg für die römische Oper: "Töchter Ismaels in Wind und Sturm."

"Wir dürfen unsere Zeit nicht mit Selbstzensur vergeuden"

... erklärt sie 2001 auf die Frage, ob sie keine Angst vor islamistischen Drohungen habe. Ihr Traum, dass "eines Tages die Muezzins auf den Minaretten Frauen wären", wird sich zu Lebzeiten indes nicht mehr erfüllen.

Am Freitag, dem 13. Februar, wurde Assia Djebar, die Jahrzehnte ihres Lebens im Exil verbracht hat, die Lehrstühle für frankophone Literatur in Louisiana und New York inne hatte und "mit Grazie und Eloquenz das Bild Algeriens in der Welt geprägt" hat, wie Staatspräsident Bouteflika verlautbaren ließ, in ihrer Heimat, in Cherchell, zu Grabe getragen: an der Seite ihres Vaters, des Dorfschullehrers, neben dem sie vor 72 Jahren ihre ersten tastenden Schritte in die Freiheit tat. Zuvor wird die Trauergemeinde in der Gemeindebibliothek, in der sie aufgebahrt ist, von ihr Abschied nehmen.

Ihre Stimme, die sich glockenhell modulierend, so faszinierend wie unverwechselbar aus dem Meer der Geschichten erhob, weltweit Menschen in ihren Bann zog, ist dann verstummt. Ihre Worte aber, "zwitschernde Vögel", werden weiterhin über den Köpfen der Menschen kreisen. Und ihr Werk, so ein trauernder Landsmann, "wird für die Ewigkeit Grundstein des kollektiven Gedächtnisses" sein.

"Merci Assia", schreibt Maissa Bey auf ihrer Facebook-Seite. "Du sollst wissen, dass du für uns auf ewig die bleiben wirst, die uns den Weg ins Schreiben gezeigt hat. Möge dein Kampf, heute mehr denn je, der unsere sein."

Regina Keil-Sagawe

© Qantara.de 2015

* Die deutschen Übersetzungen Assia Djebars sind im Unionsverlag erschienen.

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