Infolgedessen bevorzugten die Eltern, dass ihre Kinder innerhalb ihrer eigenen Gruppe heiraten. "Aber nach dem Sieg über den IS entschieden viele Iraker, dass sie diese schwarze Ära hinter sich lassen und in die Zeit vor der Teilung zurückkehren wollten", sagt das junge Paar.

Traditionell wählen Eltern die Partner ihrer Kinder, aber Merry al-Khafaji und Mustafa al-Ani lernten sich in dem Telekommunikationsunternehmen kennen, für das sie beide arbeiten. Mittlerweile entwickeln sich immer mehr Liebesbeziehungen bei der Arbeit, im Studium oder in Workshops.

Veränderung durch Social Media

Auch soziale Medien haben eine starke Wirkung. Sie eröffnen jungen Menschen einen neuen Weg, neue Freunde in der konservativen irakischen Gesellschaft zu finden, erzählen die beiden. Und da die meisten Menschen ihre Familiennamen - der oft die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe offenbart - in den sozialen Medien nicht verwenden, wissen die Menschen eigentlich nicht, welcher Religion ihre neuen Freunde angehören. Bis sie es herausfinden, ist die Liebe dann vielleicht schon aufgeblüht.

Hanaa Edwar, Leiterin der "Amal Association"; Foto: DW/Judit Neurink
Hanaa Edwar, eine angesehene Aktivistin, die die "Amal Association" im Irak leitet, hält die verbesserte Sicherheitslage nach dem Sieg über den "Islamischen Staat" für den Haupttreiber des Wandels. "Es hat eine psychologische Wirkung, dass all diese Wände entfernt werden. Junge Frauen sagen sich, dass es jetzt in Ordnung ist, dass sie wieder normal leben können. Sie lassen das Kopftuch fallen und spielen eine aktivere Rolle in der Gesellschaft. Und ihre Familien sind damit einverstanden."

Die sozialen Medien hätten junge Menschen zudem ermutigt, kritischer zu sein, betont Al-Ani. "Sowohl sunnitische als auch schiitische Jugendliche haben die Rolle der religiösen politischen Parteien und der Religion in unserer Gesellschaft kritisiert." Aber auch wenn Mischehen in Bagdad "jetzt ganz normal sind", wie er sagt, sind sie in den konservativeren und abgegrenzten Regionen außerhalb der Hauptstadt weniger verbreitet.

Das Ehe-System selbst ist ein weiteres Hindernis. Ein Ehepaar muss wählen, unter welcher religiösen Ausprägung es seine Ehe registrieren lassen möchte, da Sunniten und Schiiten jeweils ihr eigenes Erbrecht und ihre eigenen Scheidungsgesetze haben. Obwohl die schiitischen Scheidungsgesetze für Frauen etwas besser sind, hat sich das Paar für sunnitische Gesetze entschieden. "Die Frau vom Gericht hat davon abgeraten", sagt Al-Khafaji, "aber es ist mir wirklich egal." Sie hat genug von der Teilung.

Frauen erobern den öffentlichen Raum zurück

Hanaa Edwar, eine angesehene Aktivistin, die die "Amal Association" im Irak leitet, hält die verbesserte Sicherheitslage nach dem Sieg über den "Islamischen Staat" für den Haupttreiber des Wandels. "Es hat eine psychologische Wirkung, dass all diese Wände entfernt werden. Junge Frauen sagen sich, dass es jetzt in Ordnung ist, dass sie wieder normal leben können. Sie lassen das Kopftuch fallen und spielen eine aktivere Rolle in der Gesellschaft. Und ihre Familien sind damit einverstanden."

Eltern verstehen, dass ihre Kinder mehr Freiheit brauchen, sagt sie, was dazu geführt hat, dass das Publikum in Cafés, aber auch die Workshops, die ihre Organisation durchführt, immer gemischter werden.

"Eltern erlauben ihren Töchtern, jetzt allein nach Basra oder Erbil zu reisen." Früher wären sie immer von ihrem Vater oder einem Bruder begleitet worden. "Während des Kampfes gegen den IS sahen wir junge Männer und Frauen, die sich zusammenschlossen, um Zivilisten zu unterstützen", erzählt sie. "Heute spielen Frauen wieder in Theatern, ohne dass dieser Entwicklung große Beachtung geschenkt würde. Sie sprechen in der Öffentlichkeit - zum Beispiel gegen Zwangsverheiratungen. Sie brechen die Mauern ein und beginnen sogar, die Stammestraditionen zu erschüttern."

Judit Neurink

© Deutsche Welle 2019

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