Zerstörungen des Kulturerbes von Mossul durch den IS

Dem Erdboden gleich gemacht

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat jüngst die große Al-Nuri-Moschee in Mossul gesprengt. Das gesamte Ausmaß der Verwüstungen der Terrormiliz wird sich aber wohl erst nach der endgültigen Befreiung der Stadt feststellen lassen. Von Joseph Croitoru

Die Zerstörungen durch Kämpfer des sogenannten "Islamischen Staats" hören nicht auf: Selbst das Ausmaß der Schäden im bereits zurückeroberten Ostteil Mossuls ist noch nicht erfasst. Und die andauernde Befreiungsoffensive in West-Mossul bringt weitere Zerstörungen mit sich: So wurde am 21. Juni, als die Befreier noch tiefer in die Altstadt vordrangen, die große Al-Nuri-Moschee gesprengt. Dort hatte 2014 der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi das "Kalifat" der Dschihadisten ausgerufen.

Die Moschee ist nach dem türkisch-sunnitischen Herrscher Nur al Din Zengi (1118–1174) benannt, der sie unmittelbar nach seiner Eroberung der Stadt im Jahr 1170 erbauen ließ. Al Din war ein militanter Verfechter des Dschihad. Er bekämpfte nicht nur eifrig die Kreuzfahrer, sondern ließ auch eine ganze Reihe von Moscheen und Koranschulen bauen, die die Muslime an ihre Pflicht, in den "Heiligen Krieg" zu ziehen, erinnern sollten. Auch deshalb hatte die Al-Nuri-Moschee für die IS-Miliz eine - vor allem symbolische - Bedeutung.

Symbol für den Dschihad: Die Al-Nuri-Moschee

Wenig bekannt ist allerdings, dass sie vor siebzig Jahren fast vollständig abgerissen und unter Verwendung eines Teils der antiken Bauelemente neu aufgebaut wurde. Das berühmte schiefe Minarett, das der Zerstörung jetzt ebenfalls zum Opfer fiel, hatte man damals bei der Neugestaltung unverändert gelassen.

Der IS macht die Amerikaner für die Zerstörung der Moschee verantwortlich, doch ist davon auszugehen, dass die Terrormiliz selbst dafür verantwortlich war: Die am Gebäude platzierten Sprengsätze sollten zugleich auch die Angreifer treffen - eine Taktik, die von den Dschihadisten beim Rückzug häufig verwendet wird.

Die Al-Niuri-Moschee vor ihrer Zerstörung durch den IS; Foto: EPA
Symbolische Bedeutung für das IS-Kalifat: In der jahrhundertealten Großen Moschee hatte sich Abu Bakr al-Bagdadi Anfang Juli 2014 bei einer Freitagspredigt erstmals öffentlich gezeigt. Das Gebetshaus geht auf das 12. Jahrhundert zurück und ist auch als Al-Nuri-Moschee bekannt, benannt nach Nur al Din Zengi, einem Herrscher, der den Bau in Auftrag gab. Berühmt war die Moschee nicht zuletzt wegen ihres schiefstehenden Minaretts, das vom Einsturz bedroht war. Es wurde auch «Al-Hadba» («Die Gekrümmte») oder scherzhaft «Der schiefe Turm von Mossul» genannt. Ungeeignetes Baumaterial und Wind sollen für die Schieflage verantwortlich sein.

Dass das Ausmaß der Zerstörungen in der Stadt und ihrer Umgebung enorm ist, wurde schon vor Beginn der Befreiungs-Offensive vermutet. Laut Schätzungen ging man damals von rund einhundert zerstörten Moscheen und islamischen Grabstätten aus, etwa die Hälfte davon innerhalb Mossuls. Forscher des Dokumentationsprojekts "Mossuls Monumente in Gefahr", das seit 2014 vom Orientalischen Institut der tschechischen Wissenschaftsakademie in Prag betrieben wird, orteten die meisten Zerstörungen von Architekturdenkmälern im Westteil der Stadt und bezifferten sie auf 47 - es sind fast ausschließlich Sakralbauten, darunter mehrere Kirchen und Klöster.

Auch "Jonas Grab" wurde zerstört

Schiitische Moscheen fielen dem Vandalismus der IS-Terroristen schon kurz nach ihrer Einnahme der Stadt im Sommer 2014 zum Opfer. Bald folgten Begräbnisstätten geachteter sunnitischer Persönlichkeiten, in denen die wahhabitisch geprägte Terrormiliz die ihr verhasste Heiligenverehrung wittert. Zu den größten und eindrucksvollsten Monumenten gehörte die nach dem Propheten Jona (Nabi Yunus) benannte Moscheeanlage im Ostteil der Stadt. Der IS sprengte sie im Jahr 2014 - übrig geblieben sind nur noch einige Mauerreste.

Die baugeschichtlichen Anfänge der Anlage reichen bis in die assyrische Ära zurück. Im heutigen nördlichen Ostteil Mossuls lag einst die assyrische Stadt Ninive, die König Sanherib im 7. Jahrhundert vor Christus zur Hauptstadt seines Reiches machte. Das zum Teil überbaute Areal mit der Palast- und Tempelanlage in Tell Kujundschik ist glücklicherweise gut erforscht. Hier wurde im 19. Jahrhundert die berühmte Tontafel-Bibliothek des Königs Aschurbanipal entdeckt, zu der auch das Gilgamesch-Epos gehört.

Der zerstörte Schrein von Nabi Yunus; Foto: picture-alliance
Blindwütiger Terror: Die IS-Kämpfer setzten in Mossul eine kompromisslose Auslegung der religiösen Gesetze der Scharia durch. Sie verbrannten tausende Bücher und seltene Handschriften. Außerdem zerstörten sie dutzende Statuen und sprengten 2014 im Ostteil Mossuls den Schrein von Nabi Yunus, der von Muslimen und Christen als Grab des Propheten Jonas verehrt wurde.

An den antiken Ruinen von Ninive scheinen sich die Islamisten zwar nicht vergriffen zu haben. Die moderne Rekonstruktion des monumentalen westlichen Stadttors ("Mashki-Tor") planierten sie aber mit Baggern. Eine geflügelte Torwächter-Figur (Lamassu), die am nördlichen "Nergal-Tor" stand, wurde vom IS entfernt und wegtransportiert. Dass die Nabi-Yunus-Anlage und ihre Umgebung im größtenteils überbauten südlichen Teil des einstigen Ninive noch Schätze aus assyrischer Zeit bergen könnte, dürfte den im Antikenraub geübten Dschihadisten bekannt gewesen sein. Tatsächlich machten sie sich nach der Sprengung der Moscheeanlage ans Werk und gruben dort mehrere Tunnel, die erst im Februar - nach der teilweisen Befreiung der Stadt - entdeckt wurden.

Assyrischer Palast unter dem Nabi-Yunus-Schrein?

Die Funde sorgen unter Assyrologen für Aufsehen: Der niederländische Archäologe David Kertai, Experte für assyrische Architektur, ist der Ansicht, dass die entdeckten Steinreliefs und ein monumentaler Lamassu die bisherige Annahme von der Existenz eines assyrischen Palastes unterhalb der Nabi-Yunus-Moschee zwar stützten. Die dort entdeckte Steintafel mit einer Inschrift von König Asarhaddon sei allerdings noch kein Beweis dafür, dass es sich bei den Funden auch wirklich um seinen Palast handele. Es sei nämlich offensichtlich, dass an der freigelegten Fundstelle Bauteile aus verschiedenen Perioden verbaut wurden – ein großes Relief mit menschlichen Figuren stehe sogar auf dem Kopf.

Was mit den Funden und den einsturzgefährdeten Ruinen der Moscheeanlage geschehen soll, ist noch unklar. Ginge es nach der Vorsitzenden des Kulturausschusses des irakischen Parlaments, Maysun al Damludschi, die unlängst die Stadt besuchte, so sollten die Mauerreste vorerst erhalten und die geborgenen assyrischen Schätze in das irakische Nationalmuseum nach Bagdad gebracht werden.

Auch die Zukunft des vollständig ausgeraubten und durch einen Brand beschädigten Museums von Mossul ist noch ungewiss. Pläne für seinen möglichen Wiederaufbau werden der Münchner Archäologin Simone Mühl zufolge, die an mehreren Initiativen zur Dokumentation und Erhaltung des Kulturerbes in Irak beteiligt ist, derzeit von einer Kommission der irakischen Antikenverwaltung diskutiert.

Joseph Croitoru

© Deutsche Welle

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