Zeitgenössisches türkisches Kino

Viel Licht, viel Schatten

Das türkische Kino befindet sich im Aufwärtstrend – die einheimischen Filme überflügeln die Hollywoodproduktionen, zudem werden neue, brisante Themen behandelt. Dennoch: Unter der glänzenden Oberfläche der Karosserie "Türkisches Kino" rumpelt noch ein altes Getriebe. Von Amin Farzanefar

​​Das Türkische Kino, vor zehn Jahren mit nur einem Dutzend Filmen Jahresproduktion noch auf historischem Tiefstand, expandiert wie nie zuvor – über 60 Spielfilme wurden 2009 fertig gestellt, darunter viele international erfolgreiche Arthouse-Produktionen.

Angesichts des kostenintensiven Produktes "Spielfilm" und einer weltweiten Wirtschaftskrise stellt sich die Frage, wie das finanziell überhaupt machbar ist.

Zwar hat die Erdogan-Regierung die Gelder für Filmförderung erhöht, auch wenn dieser öffentliche Zuschuss im Vergleich zu den zahlreichen Millionen Euro schweren Töpfen des Medienboard Brandenburg oder der Filmstiftung NRW bescheiden bleibt. So läuft Filmfinanzierung in der Türkei vor allem über Investoren: Große Banken, Versicherungen und Unternehmen haben teilweise eigene Abteilungen für Kultursponsoring eingerichtet.

Außerdem gibt es europäische Partner, EU-Initiativen – wie MEDIA – und überregionale Fonds – wie Eurimage – die eine wachsende Zahl von Koproduktionen mitfinanzieren.

Heikle Themen im filmischen Mainstream

Das begeisterungsfähige türkische Publikum sorgt für eine schnelle Kostendeckung: Hollywoodfilme sind zwar bekannt und beliebt, doch der Publikumszuspruch bei inländischen Filmen ist so groß, dass 2009 die Top Ten der Jahrescharts mit 6 türkischen Titeln besetzt waren: Levent Sekercis "Nefes: Vatan Sagolsun" besetzte mit 2,4 Millionen Zuschauern den dritten Platz.

​​"Nefes" war dabei der erste Film überhaupt, der direkt den Kurdenkonflikt in Ostanatolien darstellte, der in den 1990ern 45.000 Opfer gefordert hatte.

Die Handlung von "Nefes" vermittelte die Erfahrungen eines von aufständischen Terrorristen eingekesselten Bataillons so eindringlich und hautnah, dass neben dem Militär auch die eher kritische Presse den Film lobte. Auf dem zweiten Platz stand mit 2,5 Millionen verkauften Tickets "Gunesi Gordum" ("I Saw the Sun") der von der Vertreibung einer kurdischen Familie aus Südostanatolien erzählt.

Der Film des populären kurdischen Sängers Mahsun Kirmizigül kritisierte darüber hinaus auch Homophobie, Menschenhandel, Kinderehen und Chauvinismus. Eine volle Packung heikler Themen mitten im filmischen Mainstream – vor wenigen Jahren wäre das nur dem unabhängigen Autorenfilm – unter großen Schwierigkeiten – möglich gewesen.

Liebesschnulzen und Blödelklamotten

Die Bilanzen des türkischen Kinos lesen sich also als Erfolgsstory, und die Einspielzahlen und Festivalpreise haben zurück gewirkt, neue Investoren angezogen.

So war auf dem Filmmarkt der Berlinale 2010 ein großer Andrang türkischer Regisseure und Produzenten zu verbuchen; im April veranstaltete das Istanbul Filmfestival mehrere hochkarätig besetzte Workshops für Produzenten. Und dennoch: Unter der glänzenden Oberfläche der Karosserie "Türkisches Kino" rumpelt noch ein altes Getriebe.

Zum Beispiel führt die Filmfinanzierung durch Privatinvestoren zu enormen Erfolgsdruck: Um möglichst hohe Kasseneinnahmen zu erzielen, wird vor allem der Massengeschmack bedient, und neben Liebeschnulzen, und Blödelklamotten fällt anspruchsvolles innovatives Filmemachen unter den Tisch. Mancher ambitionierte Filmemacher wirft da nach einer Weile das Handtuch und wendet sich dem Kommerzkino zu.

Orientierung an Hollywood

Jüngstes Beispiel: Ugur Yücel , gefeierter Schauspielstar ("Muhsin Bey", "Eskiya") hatte sich nach seinem verhalten aufgenommenen Regiedebüt "Yazi Tura" ("Kopf oder Zahl", 2004) vom Autorenfilm abgewandt und dieses Jahr "Ejder Kapani" ("Dragon Trap") in die Kinos gebracht: Der Serienkillerfilm ist an blutige Hollywood-Vorbilder wie David Finchers "Seven" angelehnt und mit Stars wie Yücel selber oder auch dem Superstar Kenan Imirzalioglu kassenträchtig besetzt, und hielt sich zwei Wochen lang auf Platz zwei.

​​Es ist eine Binsenweisheit, dass international ausgezeichnete Arthouse-Filmemacher wie Nuri Bilge Ceylan, Semih Kaplanoglu und Zeki Demirkubuz im Lande selber kaum wahrgenommen werden. Anders als in vielen europäischen Staaten gibt es in der Türkei kaum echte Cinematheken oder eine den "Kommunalen Kinos" vergleichbare Institution.

Dass Kaplanoglus "Bal" in mehreren Lichtspielhäusern an der Istanbuler Flaniermeile Istiklal-Caddesi gezeigt wurde, ist nur seinem Berlinale-Erfolg zu verdanken, normalerweise kann ein vergleichbarer Film um die 10.000 Zuschauer einkalkulieren. So klafft die Schere zwischen Arthouse-Kino und Mainstreamkino immer noch signifikant weiter auseinander als in anderen europäischen Staaten.

Dramaturgische Defizite

Ein weiteres Problem ist handwerklicher Natur – zwar eifert das türkische Popcornkino erfolgreich den Special effect-Feuerwerken und Montagegewittern Hollywoods nach, und die Türkei hat ein ganzes Heer ausgezeichneter Schauspieler, die mit großer Improvisationsfreude noch jede Drehbuchschwäche zu überspielen verstehen.

​​Dass dennoch mancher dramaturgische Misstand das Sehvergnügen trübt, hat teilweise mit dem genannten Finanzierungsmodell zu tun: Die Planungsunsicherheit legt es nahe, mit dem Dreh anzufangen, sobald man einen Teil der Kosten zusammen hat. Beispielsweise bei "Me and Roz".

In dem Fall erzählt Handan Özturk von den fatalen Folgen, die das riesige Staudammprojekt im anatolischen Osten für die Bewohner eines anliegenden Dörfchens hat.

Das im magisch-romantischen Stil des Kino-Nostalgikers Giuseppe Tornatore gehaltene Drama ist überaus charmant geraten, erfährt aber im Laufe der Handlung eine merkwürdige Verlagerung: Eine Bande von Kindern, die anfangs als Handlungsträger fungierten, ist später nicht mehr präsent. Begründung: während des Drehs mussten neue Fördergelder akquiriert werden, und als man weiterdrehen konnte, waren die Kinder-Darsteller schon zu Jugendlichen herangereift.

Depression und Krebstod am Fließband

Für solche Projekte, die neben anfänglichem Enthusiasmus auch nachhaltiger Planung bedürfen, gibt es ein neues Sprichwort: "Fang an wie ein Türke und bring es zu Ende wie ein Deutscher."

Vor allem aber sind in vielen Produktionen Schwächen im Storytelling, im Drehbuch unabweisbar: Allzu häufig wird ein interessanter Stoff nicht ausgestaltet, differenziertere Handlungsführung versackt in Jahrzehnte alten Klischees des Melodramas – Depression und Krebstod mindestens eines Protagonisten erscheinen fast unverzichtbar.

Dass es auch intelligenter und kreativer geht, zeigen beispielsweise "Üc Maymun" von Nuri Bilge Ceylan oder "Kader" von Zeki Demirkubuz, die bewusst mit solchen klassischen Elementen spielen und ihnen in modernen Zeiten neue Resonanz entlockten.

Die Wurzel des Übels

Immerhin erkennt die Branche die genannten Mängel und versucht mit Aufbruchs- und Reformwillen, in international besetzten Workshops und Masterclasses, solche Rückstände auszuwetzen, und an europäisches Niveau anzuschließen.

​​Man könnte auch tiefer ansetzen, wie es etwa der Künstler und Filmemacher Kutlug Ataman macht: Die Türkei, deren jüngere Geschichte einerseits von vielen Umbrüchen und Krisen gekennzeichnet ist, die sich andererseits jahrzehntelang in selbst verordneter Amnesie nicht mit diesen Zäsuren auseinandersetzen mochte, analysiert Ataman, hat die grundlegende Fähigkeit, konsistente Geschichten zu erzählen, eingebüsst.

Angesichts einer Kultur, die traditionell stark im mündlichen Erzählen verwurzelt ist, eigentlich ein dringliches Symptom.

Dann würde für das Kino dasselbe gelten wie für die ganze Türkei: Es gibt ein enormes wirtschaftliches und kulturelles Potenzial und einen großen Aufbruchswillen, doch um weiterhin erfolgreich vorwärts zu gehen, muss man auch zurück blicken können.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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