Ein junger Mann läuft an einem Banner vorbei, das den syrischen Präsidenten Bashar Assad zeigt bei einem Marsch von Druzen auf den von Israel annektierten Golan-Höhen in dem Dorf Majdal Shams am Tag der syrischen Unabhängigkeit am 17. April 2021
Zehn Jahre nach dem syrischen Aufstand

Bashar al-Assads Pyrrhussieg

Zehn Jahre nach Beginn des Syrienkonflikts sieht es so aus, als habe Bashar al Assad den Krieg gewonnen. Aber warum wurde er vom Aufstand in Syrien überrumpelt und hat er etwas daraus gelernt? Ein Kommentar von Nael Shama

Es sieht ganz so aus, als habe der syrische Präsident Baschar al-Assad letztlich doch gesiegt. Er bleibt an der Macht. Der Syrienkonflikt neigt sich dem Ende entgegen. Die arabische Welt bemüht sich zunehmend um eine Normalisierung der Beziehungen zum Regime. Nach zehn Jahren der Zerstörung flaut die Welle der Gewalt offenbar ab. Kann man deshalb behaupten, dass Assad seine Herrschaftsmethoden geändert hat? Sieht er Politik heute mit anderen Augen?

Diese Fragen lassen sich nur mit Blick auf die Anfänge der arabischen Aufstände beantworten. Nachdem eine breite gesellschaftliche Bewegung in wenigen Wochen zwei langjährige Machthaber hinweggefegt hatte, erklärte Assad noch Anfang 2011 gegenüber dem Wall Street Journal, diese Ereignisse seien für Syrien ohne Bedeutung. Assad wörtlich: "Syrien ist stabil.“ Zu den Ereignissen in Tunesien und Ägypten meinte der Präsident, sein Land stehe "außerhalb davon“.

Nur wenige Wochen später hatte es Assad im eigenen Land mit einem Aufstand zu tun, der ihm seine Realitätsferne drastisch vor Augen führte. Auch zehn Jahre später fragt man sich immer noch verwundert, wie der syrische Diktator das Menetekel der eigenen Verwundbarkeit übersehen konnte.  Drei Mechanismen erklären diese Diskrepanz.

Erstens war der Assad-Clan durch seinen Kontrollwahn blind geworden für die wahre Entwicklung in der syrischen Gesellschaft. Politik ist ein dynamischer Prozess. Er verlangt nach Stellungnahme, Verhandlung und kreativem Streit. Bis 2011 regierte das Regime vier Jahrzehnte lang mit einem straffen und ausgeklügelten Kontrollsystem, das seine Tentakel in die gesamte Gesellschaft gebohrt hatte. Indem es seinen Zugriff auf Machtstrukturen, auf Sicherheitsbehörden, auf politische Parteien und auf den öffentlichen Raum verschärfte, konnte es nahezu alle sichtbaren Aspekte von Politik unter seine bedingungslose Autorität stellen.

Mitglieder einer Familie laufen vorbei an zerstörten Gebäuden zu ihrem Haus im Wadi Al-Sayeh District im Stadtteil al-Khalidiyeh in Homs, 14 Mai 2014; Foto: Reuters/Omar Sanadiki
Indem die Assads die Politik in eine Zwangsjacke steckten, verdrängten sie jeglichen Diskurs in dunkle Nischen: Politische Meinungsäußerungen und Widerspruch zogen sich aus Parteipolitik, Parlamentsdebatten und Medien zurück in private Gespräche und subtile Formen des Dissenses.

Daraus erwuchs gleichzeitig ein Problem: Indem die Assads die Politik in eine Zwangsjacke steckten, verdrängten sie jeglichen Diskurs in dunkle Nischen: Politische Meinungsäußerungen und Widerspruch zogen sich aus Parteipolitik, Parlamentsdebatten und Medien zurück in private Gespräche und subtile Formen des Dissenses. "Kleine Fakten erzählen von großen Themen, Augenzwinkern von der Erkenntnis oder Schafsraub von der Revolution...“, wie der Ethnologe Clifford Geertz einst schrieb. So auch unter den Assads: Andeutungen, allegorische Phrasen, verbittertes Nicken, Wut oder gar Schweigen sprachen Bände über das, was die Bevölkerung umtrieb.

In seinem Palast hoch über Damaskus sah Baschar al-Assad ein anderes Bild: Schweigen als Loyalität, Selbstzensur als Zustimmung. Der Aufstand im März 2011 zeigte, wie sehr er die Wirklichkeit verkannt hatte.

Zweitens hatten die Syrer nicht nur ihre wahre Haltung aufgrund der politischen Repressalien verheimlicht, sie täuschten dem Regime ihre Unterstützung lediglich vor. Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Timur Kuran beschrieb diesen Mechanismus als "Präferenzverfälschung“. So täuscht man in der Öffentlichkeit ein Lächeln oder eine Zustimmung nur vor, ohne dass dies im Privaten der eigentlichen Vorliebe entspricht. Unter autoritären Regierungen kann diese Praxis weitreichende Folgen haben.

Bezeichnenderweise war Angst das Markenzeichen des syrischen Regimes – sowohl für die Unterstützer Assads als auch für dessen Kritiker. Kritiker sprachen von einer "Republik der Angst“. Das Regime hielt mit der Vorstellung von der "Autorität des Staates“ (Haybat al-dawla) dagegen; einer Autorität, gestützt auf Furcht und Schrecken, sollte man wohl ergänzen. Zwischen 1970 und 2011 wurde die Politik des Schreckens in Syrien institutionalisiert.  Die Menschen entwickelten folglich Überlebenstaktiken. Sie drehten sich nach dem Wind, zogen sich in ihr Schneckenhaus zurück, gingen ins geistige Exil oder simulierten Ergebenheit.

Ein Pro-Regime-Demonstrant hält seinen Sohn hoch während er das Victory-Zeichen vor einem riesigen Porträt des syrischen Präsidenten Bashar Assad zeigt, um seine Solidarität für ihn zu beweisen, Syrien, 20, Januar 2102
Zwischen 1970 und 2011 haben die Assads in Syrien eine Politik des Schreckens institutionalisiert. Die Menschen entwickelten folglich Überlebenstaktiken. Sie drehten sich nach dem Wind, zogen sich in ihr Schneckenhaus zurück, gingen ins geistige Exil oder simulierten Ergebenheit. So zog sich vor 2011 eine Spirale des Schweigens durch Syrien. Doch das Schweigen ist eher ein Zeichen der Duldsamkeit als der Treue. Weil diese Duldsamkeit für jeden Einzelnen belastend ist, hält sie nicht ewig.

Abu l-Atahiya, ein weiser Dichter aus der frühen islamischen Zeit, brachte es einst auf den Punkt: "Wenn sich das Leben verengt, breitet sich Stille aus.“ Und so zog sich vor 2011 eine Spirale des Schweigens durch Syrien. Doch das Schweigen ist eher ein Zeichen der Duldsamkeit als der Treue. Weil diese Duldsamkeit für jeden Einzelnen belastend ist, hält sie nicht ewig.

Anstatt die mit dem Schweigen verbundenen Zeichen zu lesen, werkelte das Assad-Regime an einem Personenkult um seinen Führer und sehnte sich nach ewiger Herrschaft: "Assad für immer“ bzw. "Al-Assad ila al-abad“ lautete sein Lieblingsmotto. Eigentlich hätte die Erkenntnis keiner großen Einsicht bedurft, dass Schmeicheleien Arroganz erzeugen.

Drittens vergrößerte sich im Laufe der Zeit die Diskrepanz zwischen Realität und Einbildung. Die eigene Langlebigkeit hatte das Assad-Regime praktisch eingekapselt. Je länger ein Autokrat an der Macht ist, umso eher verlässt er sich auf eine kleine Clique von Vertrauten, die seine Ansichten und Trugbilder teilen. Des Führers inneres Heiligtum schützt diesen vor Entblößung, wodurch die Wirklichkeit "zur Nacht wird, in der alle Kühe schwarz sind“, wie es der deutsche Philosoph Hegel formulierte.

Bis Anfang 2011 hatten die Assads – Baschar ebenso wie sein Vater Hafiz – 40 Jahre in einem Elfenbeinturm verbracht. Ein ehemaliger Berater von Baschar meinte einmal, der Präsident "lebt in einem Kokon“. Und tatsächlich hat sich Baschar wahrscheinlich nie vollständig das Innenleben seiner eigenen staatlichen Organe bewusst gemacht, insbesondere was die entfesselten Sicherheitsorgane angeht. Mit dem Wandel zum privaten Erbstück einer Familie wurde Syrien eine abgeschottete Diktatur, in der persönliche Pfründe wucherten und öffentliche Institutionen jeglicher Relevanz beraubt worden waren.

Der syrische Aufstand überrumpelte den Diktator. Er entblößte ihn und machte deutlich, dass sich Politik nicht beseitigen oder für immer begraben lässt. Sollte das Regime nach dem Ende der Aufstände seine Fehler wiederholen, dürften sich die finsteren Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts wiederholen.

Nael Shama

© carnegie-mec.org 2021

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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