Zarathustrier im Iran

Auf dem Rückzug

Neben dem Judentum zählt der Zoroastrismus zu den ältesten monotheistischen Religionen und war vor der muslimischen Eroberung lange Zeit Staatsreligion im Perserreich. Doch heute fristet die Glaubensgemeinschaft in der Islamischen Republik ein Schattendasein. Von Arian Fariborz

​​Die von Religionsstifter Zarathustra Ende des zweiten Jahrtausends vor Christus verbreitete Lehre erlebte unter der letzten vorislamischen Dynastie der persischen Sassaniden ihre Blütezeit, bevor sie nach der muslimischen Eroberung Irans im 7. Jahrhundert schließlich an Bedeutung verlor. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung und Auswanderung vieler Zoroastrier, ist die Zahl ihrer Glaubensanhänger im Iran dramatisch gesunken – vor allem nach der Islamischen Revolution von 1979.

Das Gefühl zu einer vom Aussterben bedrohten Religionsgemeinschaft zu gehören, beschleicht Mehraban Firouzgary, Priester der zarathustrischen Gemeinde Teherans, jedes Mal, wenn er seinen Gottesdienst im historischen Stadtzentrum der Millionenmetropole abhält – wenn er zusehen muss, wie sich die Reihen in dem kleinen Gebetshaus zunehmend lichten, und wenn sich die jungen Gesichter immer seltener während seiner Predigten blicken lassen.

Eine alternde Glaubensgemeinschaft

Zarathustrischer Priester im Feuertempel von Pir-e Sabz in Chak Chak; Foto: dpa
Schätzungen zufolge ist die Zahl der Zarathustrier im Iran seit Ende der 1970er Jahre bis heute von 60.000 auf 30.000 Personen gesunken.

Die Gründe hierfür sind vielseitig: Zum einen hat sich nach dem Sturz des Schahs und der Islamischen Revolution von 1979 die Lebenssituation vieler Glaubensanhänger dieser alt-persischen Religion deutlich verschlechtert. Vor allem viele junge Zarathustrier reagieren auf die immer düsteren beruflichen Zukunftsperspektiven im autokratischen Gottesstaat, indem sie ihrem Land den Rücken kehren. Schätzungen zufolge ist die Zahl der Zarathustrier im Iran seit Ende der 1970er Jahre bis heute von 60.000 auf 30.000 Personen gesunken. Die meisten ihrer Glaubensanhänger leben heute in der Diaspora, insbesondere Bombay hat sich heute zum Dreh- und Angelpunkt der exil-iranischen Gemeinde entwickelt.

Doch Mehraban Firouzgary nennt noch weitere Faktoren, die für den Mitglieder-Schwund seiner Gemeinde verantwortlich sind. "Viele Zarathustrier sind ausgewandert, aber wir sind auch deshalb eine schrumpfende Gemeinschaft, weil die jüngere Generation im Iran heute später heiratet und weniger Kinder bekommt", erklärt der Priester. "Wir sind daher eine alternde Gemeinde geworden. Dieses Dilemma wird zwar häufig bei uns diskutiert, aber praktisch verändert sich nicht viel, weil wir verstreut in aller Welt leben und unsere Ressourcen sehr begrenzt sind – auch was die Verbreitung unseres Glaubens angeht." Zusätzlich werde das Problem noch dadurch verschärft, dass inzwischen viele Ehen außerhalb der zarathustrischen Gemeinschaft geschlossen werden, so Firouzgary. Nicht wenige Zarathustrier gehen heute muslimische Ehen ein oder konvertieren zum Islam.

Bürger zweiter Klasse

Genau wie Christen und Juden werden Zoroastrier wegen ihrer heiligen Schrift, auch "Avesta" genannt, zwar als so genannte Schutzbefohlene im Islam akzeptiert und dürfen daher nicht aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. So sieht es jedenfalls Artikel 12 der iranischen Verfassung vor. ​​

Die Realität sieht jedoch anders aus: Zarathustrier sind als Nicht-Muslime zahlreichen beruflichen Benachteiligungen ausgesetzt. Für sie ist es schwer, überhaupt einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst zu finden, für höhere Bildungsabschlüsse werden sie oft gar nicht erst zugelassen. Ebenfalls dürfen sie keine hohen Regierungsämter bekleiden, sind vom Polizeidienst ausgeschlossen und können ferner keinen Lehrerberuf ausüben. Auch müssen sie als Schutzbefohlene im Islam ("Dhimmi") eine Kopfsteuer an den islamischen Staat entrichten.

Zarathustrisches Gemeindehaus in Teheran; Foto: Arian Fariborz/DW
Zarathustrisches Gemeindehaus in Teheran: Die Lebenssituation vieler Glaubensanhänger der alt-persischen Religion hat sich deutlich verschlechtert.

Doch damit nicht genug: Die Einschränkung ihrer religiösen Praxis macht sie letztlich zu Bürgern zweiter Klasse in der Islamischen Republik: "Den Nicht-Muslimen ist es nur gestattet, ihre religiösen Rituale an bestimmten, vom Staat zugelassenen Orten abzuhalten", weiß Mehraban Firouzgary. "Selbstverständlich können wir uns im privaten Raum frei bewegen, aber wir können zum Beispiel keinen Raum an einer Universität anmieten und dort unsere Religion praktizieren. Außerdem ist es uns nicht gestattet, neue Feuertempel zu errichten."

Religionsausübung in engen Grenzen

Im modernen Zarathustrismus spielen noch immer die korrekt ausgeführten Rituale sowie die Verehrung des Feuers in den Feuertempeln ("Ateshkadeh") - als ein Symbol der Reinheit ihres Gottes Ahura Mazda - eine große Rolle. Doch darf die religiöse Praxis der Feueranbetung, die der muslimischen als "Mehrheitsbevölkerung" suspekt gilt, nicht offen gelebt werden. ​​Auch die zoroastrische Form des Neujahrsfestes ("Nohruz"), wie sie etwa regelmäßig in der Tempelanlage Chak-Chak in der Nähe der zentraliranischen Stadt Yazd gefeiert wird, obliegt der strengen staatlichen Kontrolle.

Da wundert es nur wenig, dass nicht nur die religiöse Praxis, sondern auch der Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften im Iran in sehr engen Grenzen verläuft. Dieser finde ohnehin nur auf offizieller Ebene statt – ein Dialog, der grundsätzlich von der Regierung initiiert werde, berichtet Firouzgary. Der frühere, liberal geltende Präsident Mohammad Khatami habe sich stets beispielhaft für einen solchen interreligiösen Dialog eingesetzt, aber auch für den Dialog unter den gesellschaftlichen Gruppen. Doch im autoritären Klima der Ära Ahmadinedschad dürfte dieser Impuls inzwischen längst erloschen sein.

Arian Fariborz

© Qantara.de 2009

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