Yasmina Khadra: "Die Schuld des Tages an die Nacht"

Liebe und Nostalgie in Zeiten des Krieges

Die jahrelang anhaltende Sehnsucht eines algerisch-französischen Liebespaares spiegelt in Yasmina Khadras neuem Roman das dramatische Verhältnis von Orient und Okzident wider. Eine Rezension von Volker Kaminski

​​Die Sonne in Rio Salado muss von besonderer Intensität sein – anders lässt sich schwer erklären, wie ein zeitgenössischer Roman in derart glühenden Farben, üppigen Landschaften und immer wieder beschworenen Sonnenuntergängen schwelgen kann.

In Rio Salado, einem hauptsächlich von Weinbauern bewohnten algerischen Dorf, verbringt der Ich-Erzähler fast sein ganzes Leben. Am Ende bekennt er, dass ihm dieser Ort immer noch gut gefällt und er sich keinen schöneren vorstellen kann, obwohl er hier neben Winzerfesten, endlosen Bällen und Hochzeiten von Freunden und Bekannten auch viel menschliches Leid, Verlust und Trauer erlebt hat.

Als Younes als Heranwachsender in dieses "prachtvolle Kolonialdorf" kommt, liegt bereits eine Tragödie hinter ihm. Younes ist das Kind eines algerischen Landarbeiters, der gezwungen wurde mit seiner Familie ins Armenviertel Orans zu ziehen und dort vergeblich einen beruflichen Neuanfang versuchte.

Es ist das schiere Elend, worin die Familie versinkt, der Vater kann trotz verzweifelter Mühen das Unglück nicht abwenden und Younes wird nur durch die Hilfe seines Onkels, eines wohlhabenden Apothekers, gerettet, bei dem er Aufnahme findet.

Identität zwischen den Kulturen

Unter dem neuen Namen Jonas wird er von dem kinderlosen Paar aufgenommen und verbringt sein weiteres Leben im europäischen Teil des noch von Frankreich beherrschten Algerien. Alles, was Jonas nun widerfährt, ist gebrochen durch seine Identität zwischen den Kulturen - mag er sich noch so europäisch fühlen, er bleibt ein muslimischer Junge.

Dies ist die Tragödie und das Schicksal seines Lebens, das Yasmina Khadra, ein vor allem in Frankreich sehr erfolgreicher Autor von zahlreichen Romanen, in einem großen Zeitroman erzählt.

Yasmina Khadra ist der Künstlername des 1955 geborenen Mohammed Moulessehoul. Er war Offizier in der algerischen Armee und nahm aus Gründen der Zensur die beiden Namen seiner Frau an. Erst seit 2000, als das Paar nach Paris übersiedelte, wurde sein Pseudonym gelüftet.

Im Mittelpunkt seines ereignisreichen Romans, der in den späten zwanziger Jahren beginnt und bis in die Gegenwart reicht, steht Younes' Liebe zur jungen Französin Emilie, zu der sich Younes aber nicht bekennt – aus Scham und einer inneren Gehemmtheit, die er trotz leidenschaftlicher Appelle von Seiten Emilies, die ihm ihre Liebe geradezu theatralisch gesteht, nicht überwinden kann.

Spannungsverhältnis zwischen Frankreich und Algerien

Straßenbarrikaden in Algier während des Unabhängigkeitskriegs 1960; Foto: &copy Michel Marcheux/Wikipedia
Khadras Roman reflektiert in gewisser Weise das Spannungsverhältnis zwischen Frankreich und Algerien und die konfliktreiche Vergangenheit des Maghrebstaates vor der Unabhängigkeit.

​​An dieser leidvollen Geschichte lässt der Autor den Leser über hunderte von Seiten teilhaben. Während sich die politischen Umwälzungen nach dem Zweiten Weltkrieg überall in Algerien abzeichnen, die schließlich in eine militärische Konfrontation zwischen dem französischen und arabischen Teil münden, wird parallel dazu das quälende Trauerspiel zwischen Younes / Jonas und der zunehmend verzweifelten Emilie erzählt, die schließlich einen anderen heiratet, ohne damit aus Younes' Leben zu verschwinden.

Dem Leser fällt es schwer die Verschlossenheit der Hauptfigur zu ertragen. Zeitweise wirkt Younes völlig apathisch, seinem Leiden passiv ergeben, so dass man beim Lesen aus der Haut fahren möchte. Emilie liebt ihn – und Younes erwidert ihre Gefühle. Sie unternehmen über die Jahre mehrere Versuche sich auszusprechen, doch ihre gegenseitige Liebe bleibt unerfüllt.

Vermutlich hat Khadra bei dieser schwierigen Konstellation an das Spannungsverhältnis zwischen Frankreich und Algerien gedacht, an die Zerstörung des Landes, die blutigen Massaker auf dem Weg zur Staatsgründung 1962.

Zu dieser Zeit ist das Leben in Rio Salado völlig zum Erliegen gekommen, es gibt keinen Weinanbau mehr, die meisten Menschen haben den Ort verlassen, nur Younes ist geblieben, um seine Apotheke weiter zu betreiben.

Der Roman ist über weite Strecken sinnlich erzählt, voll mitreißender Szenen, lebendiger Dialoge, einprägsamer Figuren wie in einem Fellini-Film, von einem großen Ernst und einer Melancholie getragen, die leider durch die allzu theatralische und schwülstige Sprache gestört wird.

Der Autor kann sich nicht enthalten in schwärmerischen Bildern zu versinken: "Die mit feinem Flaum überzogenen Hügel funkelten in der Morgenröte wie ein ganzes Meer". Ein erotischer Kuss zwischen Mann und Frau wird mit den Worten kommentiert: "keine Quelle hätte mich derart erquickt."

Yasmina Khadra; Foto: &copy Michel Marcheux/Wikipedia
Mohammed Moulessehoul veröffentlichte als hoher Offizier der algerischen Armee seine ersten Bücher wegen der strengen Zensurbestimmungen unter den beiden Namen seiner Frau.

​​Am Ende ist "die Zeit der blühenden Unschuld" vorbei und der achtzigjährige Younes blickt zurück auf die Scherben seines Lebens.

Zwar hat er nach dem jahrelangen Leiden wegen Emilie noch ein gutes Leben geführt (das im Roman allerdings nicht beschrieben wird), er hat geheiratet, Kinder und Enkelkinder bekommen, aber wie ihm beim Kondolenzbesuch zum Tod von Emilie klar wird, bleibt ihm jetzt nur noch die Nostalgie – von der es im Roman ein bezeichnendes Wortspiel gibt:

Die alten Freunde aus Rio Salado sprechen bei ihrem Wiedersehen von einer speziellen "Nostalgérie", von der sie jedes Mal erfüllt sind, "wenn (sie) mal wieder das Heimweh überwältigt".

Sie alle mussten auswandern und sehnen sich seither nach dem Vaterland, das sie sich nicht mehr aneignen können – selbst nicht durch einen Zwei-Stunden-Flug und ein Wiedersehen mit Rio Salado.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2010

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Qantara.de

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