Witz als Waffe

Sharif Kanaana über den Humor der Palästinenser

Seit über fünfzehn Jahren beschäftigt sich Sharif Kanaana mit der palästinensischen Witzkultur. Besonders Arafat war bevorzugtes Ziel des Spotts. Frank Hessenland hat den palästinensischen Ethnologen in Ramallah besucht.

Ziel des Spotts - Yassir Arafat, Foto: AP
Ziel des Spotts - Yassir Arafat

​​"Diese hier und diese und hier auch. All diese Kisten hier sind voll mit Witzen und Legenden der Palästinenser. Es ist zu einem Lebenswerk geworden, sie zu sammeln. Diese Kiste hier zum Beispiel beinhaltet die Periode vom Begin der Osloer Verträge bis zu ihrer Nichteinhaltung."

Sharif Kanaana ist ein 70jähriger palästinensischer Ethnologe an der Bir Zeit Universität in Ramallah. Sein Spezialgebiet ist die palästinensische Oral History, die erzählte Geschichte, wie sie im Mund des Volkes auftaucht und verschwindet.

Seit 15 Jahren, hat Kanaana beobachtet, kommunizieren Palästinenser stark über Witze und Anekdoten miteinander. Tausende davon hat er in Kisten und Karteikarten zusammengesammelt. Am weitaus beliebtesten waren bis vor kurzem die palästinensischen Arafat-Witze, von denen Kanaana Hunderte erzählen kann.

"Ich will einen palästinensischen Staat", sagt Arafat zu Gott, der ihm einen Wunsch erfüllen will. Gott druckst herum. "Das wird nicht zu deinen Lebzeiten passieren, Arafat." "Ich will Jerusalem". "Das wird auch nicht zu deinen Lebzeiten passieren, Arafat". "Dann will ich wenigstens so gut aussehen, wie George Clooney". "Arafat!", sagt Gott, "das wird noch nicht mal zu meinen Lebzeiten passieren."

Mit Witzen zurückschlagen

Ähnlich wie in den osteuropäischen Ländern oder in der DDR vor dem Mauerfall hat die jahrzehntelange Unterdrückung und Gängelung durch die israelische Besatzung und durch die Palästinensische Autonomiebehörde auch bei den Palästinensern eine Kultur der Witze entstehen lassen.

"Wenn das Volk zum passiven Objekt der Geschichte gemacht wird, ohne freie Presse oder einen freien Buchmarkt, geschweige denn Teilhabe an der Macht", so sagt Sharif Kanaana, "dann schlägt es eben mit Witzen gegen die da oben zurück." Die Arafatwitze ließen kein Thema aus, weder sein Aussehen, noch seine zeitweilige Unbeliebtheit beim Volk

"Als Feisal Husseini, der Ostjerusalemer Palästinenserführer, eines Tages Arafats Empfang auf dem noch funktionierenden Flughafen in Gaza vorbereitete, befahl er 20 Leuten seiner Ehrengarde am Flughafen auf Arafat zu warten. Er gab ihnen Gewehre und sagte ihnen, sie sollten salutieren und dann jeder 30 Schuss abfeuern, wenn Arafat ankomme. Alle nickten begeistert und geehrt. Nur der Mann aus Hebron fragte: 'O.k. verstanden, ich mach ja alles mit, aber was soll ich tun, wenn ich Arafat schon mit dem ersten Schuss umlege?'"

Arafat als Witzfigur

Im Unterschied jedoch zu den osteuropäischen Machthabern nahmen die Palästinenser die Dinge nicht so ernst. Wurden politische Gegner auch mundtot gemacht, gefoltert oder Abgeordnete schon mal verprügelt, Witze machen war erlaubt und sogar gewünscht von der Obrigkeit, wie Kanaana erzählt.

"Es war so, dass die härtesten Witze sogar direkt aus der palästinensischen Autonomieregierung stammten. Unsere Führer haben sie selbst erfunden und übereinander erzählt. Man sagt, dass Arafat selbst über Arafat-Witze regelmäßig gelacht haben soll. Sicher aber ist, dass Mitglieder der Fatah und der Autonomiebehörde etwa die schlimmsten Sexwitze über Arafat und seine Frau erfunden haben."

Es gab Vieles, über das die Palästinenser Witze machten. Arafats Wünsche, seine Verstocktheit, sein Missmanagement, die Korruption, die Unterdrückung, die wechselnden Premierminister. Allerdings behandeln die Witze nur Dinge und Personen die einen Unterschied machen.

Arafat war über 15 Jahre lang die Nummer eins der Geschichten. Über ein halbes Jahr vor seinem Tod aber, so sagt Kanaana hörten die Witze über ihn abrupt auf, als hätte sein Volk ihn auf einmal still beerdigt und vergessen.

Den jetzigen Regierungschef Abu Masen dagegen ließen die Witzeerzähler als letztes mit Arafat in ein türkisches Bad gehen. Arafat musste 50 Shekel Eintritt zahlen, Abu Masen 100 Shekel. Auf seine empörte Rückfrage, wie es dazu käme, antwortete der Badeigentümer: "50 Shekel zahlen die einfachen Korrupten. Du aber zählst für zwei."

Frank Hessenland

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

Auf Deutsch ist von Sharif Kanaana und Pierre Heumann 2001 im Chronos-Verlag das Buch erschienen "Wo ist der Frieden? Wo ist die Demokratie? Der palästinensische Witz: Kritik, Selbstkritik und Überlebenshilfe" (159 S. Br. CHF 28.00 / EUR 19.90, ISBN 3-0340-0536-9)

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