Angeblich sind die Medien schuld an der einseitigen Debatte. Aus Sicht der Islamkritiker, weil sie angeblich mit „falscher Toleranz“ über den Islam berichten; aus Sicht der Islamforscher, weil die Medien selbst viel zu oft stereotype Islambilder bedienen.

Dabei gibt es eine Menge Versuche im Journalismus, differenziert und sachlich zu berichten, während umgekehrt nur wenige Wissenschaftler im öffentlichen Diskurs vorkommen. Dafür müssten sie ihre Medienkompetenz verbessern und zum Beispiel dringend soziale Medien nutzen. Aber das ZMO, das immerhin mit Projekten, Ausstellungen oder Konzerten in die Öffentlichkeit geht, sucht man zum Beispiel auf Twitter bisher vergeblich.

Dabei wird am ZMO durchaus über aktuelle Themen diskutiert: Über die jüngsten Lokalwahlen in der Türkei oder die kommenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Tunesien zum Beispiel.

 

 

Aber im politischen und medialen Diskurs sind die Forscher nur selten präsent. Das kritisierte die Journalistin Charlotte Wiedemann auf der Podiumsdiskussion: „Ich würde mir wünschen, dass Wissenschaft öfter mal reingrätscht“, sagte sie. Es gebe viele Themen, die in der öffentlichen Debatte zwischen Krieg in Syrien und dem Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat völlig untergehen. Die politische Lage in Mali sei ein Beispiel.

Obwohl in Mali eine Bundeswehrmission im Einsatz ist, gibt es keine nennenswerte öffentliche Diskussion in Deutschland über die Frage, wie sich der Militäreinsatz auf das Leben der Menschen und die politische Lage im Land auswirkt.

Warum können Forscherinnen und Forscher, die zu Westafrika arbeiten, diese Lücke nicht füllen? Mali steht hier nur beispielhaft für viele andere Themen. Direkt mit dieser Frage konfrontiert, wiegeln die meisten Wissenschaftler ab. Es fehle die Zeit, der Veröffentlichungs- und Karrieredruck im hochkompetitiven Wissenschaftssystem sei extrem; und es fehle an Erfahrung und Kompetenz, um sich auf die notwendigen medialen Vereinfachungen einzulassen.

Dabei ist es für Journalisten im schnelllebigen Medienumfeld genauso schwierig, differenziert über komplexe Hintergründe zu berichten, wie für Wissenschaftler, die ihren Forschungsgegenstand in die öffentliche Debatte einbringen wollen.

Die Podiumsdiskussion in Berlin hat nicht nur gezeigt, wie klug und differenziert wissenschaftliche Arbeit sein kann. Sie hat auch gezeigt, wie groß der Nachholbedarf für ihre Vermittlung außerhalb des sprichwörtlichen Elfenbeinturms noch ist.

Wissenschaft bleibt zu oft unter sich, diskutiert im Differenzierungsnebel, während „draußen“ die Populisten Diskurshoheit beanspruchen. Höchste Zeit, dass Wissenschaftler öfter mal reingrätschten.

René Wildangel

© Qantara.de 2019

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.