Wirtschaft

"Islamische Ökonomik" als Gegenmodell

Viele muslimische Wirtschaftswissenschaftler kritisieren die dominante ökonomische Ordnung des Westens, die anderen Kulturen aufgezwungen werde. Sie fordern ein anderes, islamisches Wirtschaftssystem. Von Sibylle Pohly-Bergstresser

Viele muslimische Wirtschaftswissenschaftler kritisieren das dominante ökonomische System des Westens, die anderen Kulturen aufgezwungen werde. Sie fordern eine grundsätzlich andere, islamische Wirtschaftsordnung. Von Sibylle Pohly-Bergstresser

Foto: AP
Muslime beten vor einer islamischen Bank im Sudan

​​Das allgemeine Interesse am Islam und auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam nehmen beständig zu. Bezog sich die Debatte traditionell überwiegend auf die religiöse und politische Ebene, stehen seit einigen Jahren vermehrt auch wirtschaftliche Fragen im Vordergrund.

Denn die Kritik vieler muslimischer Theoretiker zielt auf die Dominanz westlicher Wirtschaftssysteme, die anderen Kulturen aufgedrängt würden. Darin steckt die Forderung nach einem grundlegend anderen, einem islamischen Wirtschaftssystem.

"Islamic Economics" als eigenständige Disziplin

An der Ruhr Universität Bochum forschen seit etlichen Jahren Ökonomen über Wirtschaftsformen und wirtschaftliches Handeln, die mit den Grundsätzen des Islam vereinbar sind. Sie reagierten schon frühzeitig auf die Entwicklung einer eigenständigen Disziplin – "Islamische Ökonomik" oder "Islamic Economics" - innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, die sehr wahrscheinlich zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Teilung des indischen Subkontinents im heutigen Pakistan entstand.

Seit den 1970er Jahren wird diese Disziplin durch internationale Konferenzen und saudisches Kapital systematisch ausgebaut. Während sich die Wirtschaftwissenschaft im Westen als wertfreie Wissenschaft versteht, basiert die Islamische Ökonomie ausdrücklich auf Normen und Werten, die sich aus der Religion ableiten.


Buchcover: Islamische Ökonomie in Südafrika

​​Vanessa Steinmayer hat in diesem Rahmen eine Dissertation vorgelegt, die nun auch als Buch erschienen ist. Sie untersucht das wirtschaftliche Handeln von Muslimen in einem säkularen Staat – in diesem Fall Südafrika.

Im Zentrum steht die Frage, wie weit sie sich in ihrem Handeln von ihrer Religion leiten lassen, wenn sie in einem andersgläubigen säkularen Staat leben, der durch ein kapitalistisches Wirtschaftssystem gekennzeichnet ist.

Im Zentrum der Ausführungen steht das Verhältnis zwischen Islam und Wirtschaft. Die Autorin schlägt einen großen Bogen von den Rechtsquellen des Islam über Glaubensvorstellungen und Begrifflichkeiten der "Neuen Politischen Ökonomie" bis hin zu wirtschaftlichen Regeln im Islam und dem Islamischen Bankwesen.

Moderater Bankzins im Islam möglich

Der Abschnitt über den Zins – Rib´a – verdient besondere Aufmerksamkeit, denn der Zins ist nach weit verbreiteter Ansicht der Muslime das Grundübel der westlichen Wirtschaftssysteme. Das heißt im Umkehrschluss, dass das aus der Religion abgeleitete Zinsverbot die tragende Säule des islamischen Wirtschaftssystems ist.

Doch nach der Diskussion aller relevanten Quellen und Rechtsgutachten – Fatwas – kommt die Autorin zum Ergebnis, dass das Zinsverbot im Islam nicht so eindeutig definiert sei, wie es Vertreter des “Islamic Banking“ und der Denkschule der "Islamic Economics" gern darstellen. Vielmehr gäbe es durchaus Möglichkeiten, im Rahmen des Islamischen Rechts einen moderaten Bankzins zuzulassen.

In ihrer Fallstudie Südafrika kommt die Autorin zu wenig überraschenden Ergebnissen. Die zumeist indisch- und malaiischstämmigen Muslime in diesem Land wissen meist nur wenig über eine religiös inspirierte Geschäftsethik. Ihr vorrangiges Ziel besteht darin, die Gewinnmaximierung abzusichern, und damit unterscheiden sie sich nicht von Nicht-Muslimen.

Die von islamischen Ökonomen aus der Religion abgeleiteten Verhaltensregeln sind für südafrikanische Unternehmer muslimischen Glaubens in der Praxis nicht relevant. Sie unterscheiden sehr genau zwischen religiöser und wirtschaftlicher Sphäre, obwohl dies scheinbar dem Islam fremd ist. Die religiöse Sphäre beschränkt sich auf die rein rituellen Pflichten wie spirituelle Übungen, die die Unternehmer weitgehend befolgen.

Darüber hinaus sind die Geschäftszeiten so gestaltet, dass der Moscheebesuch sichergestellt ist. Das in Südafrika dominierende Islamverständnis beschränkt Religion vor allem auf spirituelle Aspekte. Obwohl es sich um eine streng orthodoxe Richtung des Islam handelt, fördert diese Beschränkung säkulares Verhalten. Denn die Religion bestimmt und beeinflusst im Alltag nicht alle Lebensbereiche.

Mit ihrem Buch "Islamische Ökonomie in Südafrika" hat die Autorin einem deutschen Leserkreis eine komplizierte und politisch interessante Materie zum besseren Verständnis der vielen Facetten im Islam näher gebracht.

Da sich auch in Deutschland und Europa zunehmend Unternehmer muslimischen Glaubens das Wirtschaftsleben mit bestimmen, hilft die Lektüre am Fallbeispiel Südafrika die Problematik "Islamischen Wirtschaftens" besser zu verstehen.

Sibylle Pohly-Bergstresser © Qantara.de 2004

Vanessa Steinmayer: Islamische Ökonomie in Südafrika, Verlag Hans Schiller 2004, 347 Seiten, ISBN 3-89930-026-2

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