Wiederaufbau in Afghanistan

Die starken Frauen von Darul Aman

Der Darul Aman-Palast in Kabul sollte mal Sitz des afghanischen Parlaments werden. In vier Jahrzehnten Dauerkrieg wurde er stattdessen zum Symbol für Gewalt und Zerstörung. Heute will ein Team von Architekten und Ingenieuren mit einem für Afghanistan hohen Frauenanteil die Ruine wiederaufbauen. Ein Bericht von Sandra Petersmann.

Große Löcher, kleine Löcher, zerfetzte Wände: Unzählige Geschosse haben den neoklassizistischen Bau durchschlagen, aber sie haben ihn nicht zum Einsturz gebracht. Fast so, als würden die Gesetze der Schwerkraft hier nicht existieren. Das sandfarbene Gerippe hinter dem Baugerüst lässt erkennen, was für ein prächtiger Palast diese Ruine mal gewesen sein muss.

"Wir schaffen das", prangt in übergroßen Buchstaben an den Gerüststangen des dreigeschossigen Baus. Wazhma Kurram liest diese Aufschrift jeden Morgen schon von weitem, wenn sie mit Bus und Sammeltaxi zur Arbeit kommt. Ein Viertel der Architekten und Ingenieure, die am Wiederaufbau der Ruine arbeiten, sind Frauen. Der hohe Frauenanteil fällt sofort auf.

Der Präsident hat die Frauenquote angeordnet. Hinter den schützenden Mauern des Palastes gibt es zwischen den Geschlechtern keine Probleme. Doch es kommt oft vor, dass Wazhma auf dem Weg zur Arbeit belästigt wird. Von Männern auf der Straße, die ihr unanständige Dinge an den Kopf werfen. Selbständige, berufstätige Frauen sind in Afghanistan noch immer eine große Ausnahme – erst recht, wenn sie in technischen Berufen arbeiten.

"So ist unsere Gesellschaft, du musst lernen, damit umzugehen", sagt Wazhma pragmatisch. "Ich ignoriere das. Wenn ich diesen Typen antworten würde, haben sie erreicht, was sie wollen. Aber wenn du sie ignorierst, dann ist das wie eine Strafe für sie."

Für Masouma Delijam ist der Wiederaufbau eine Herzensangelegenheit. Foto: DW/B.Schülke
Die leitende Architektin Masouma Delijam hat einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft aufgegeben, um beim Wiederaufbau von Darul Aman mitzuhelfen. "Ich habe den Traum, dass ich hier eines Tages meinem Sohn erklären kann, dass seine Eltern Darul Aman wiederaufgebaut haben, weil wir voller Hoffnung für Afghanistan waren", sagt sie.

Für die junge Baustatikerin ist der Wiederaufbau des Darul Aman der erste Job nach dem Ingenieursstudium. "Hier können wir beweisen, dass wir das, was wir selber zerstört haben, auch selber wiederaufbauen können. Die junge Generation hat die Kraft, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Außerdem handelt es sich hier um unser kulturelles Erbe, das müssen wir erhalten."

Vom Palast zur Ruine

In einem dunklen Raum in einem Seitenflügel des Palastes sitzen rund 50 junge Architekten und Ingenieure konzentriert hinter Laptops und planen die Wiederauferstehung der Ruine. Die meisten haben sich die Technik mitsamt der nötigen Software selber besorgt. Improvisieren gehört in diesem staatlichen Projekt genauso zum Alltag wie Überstunden.

Draußen entkernen ein paar Dutzend Bauarbeiter das zerschossene Mauerwerk und räumen Schutt weg. Sie arbeiten mit Hammer und Schaufel, es sind keine Maschinen im Einsatz. Der älteste unter ihnen ist Mohammad Amin. Einer seiner Söhne ist vor vier Jahren nach Deutschland geflohen. "Wenn du mit einem Kranken zum Arzt gehst, dann hat der Kranke Hoffnung auf Heilung.

Diese Hoffnung auf Heilung haben wir auch", sagt der alte Mann und rumpelt mit einer Schubkarre davon, um die nächste Ladung Schutt zu holen. Von Hektik ist auf dieser Baustelle nichts zu spüren.

Darul Aman heißt "Platz des Friedens". Es war Afghanistans reformorientierter König Amanullah, der den Darul Aman-Palast in den 1920er Jahren erbauen ließ. Auf einem kleinen Hügel am westlichen Stadtrand, von einem deutschen Expertenteam unter Leitung des Architekten Walter Harten.

Darul Aman Palast mit Aufschrift Wir schaffen das. Foto: DW/S.Petersmann
"Wir schaffen das" auf Afghanisch: In übergroßen Buchstaben steht es an den Gerüststangen der Ruine. Von dem reformorientierten König Amanullah in den 1920er Jahren geplant, sollte der Palast Sitz des Parlaments werden. Nach Jahrzehnten des Krieges und der Zerstörung steht sein geplanter Wiederaufbau für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Amanullah wollte sein Land nach der Unabhängigkeit von Großbritannien öffnen. Der Prachtbau war als Sitz des Parlaments gedacht, doch der König wurde in einer konservativ-religiösen Revolte gestürzt. Sein Prestige-Palast ist heute ein weltweit bekanntes Symbol für den afghanischen Dauerkrieg. Der Wiederaufbau ist ein rein afghanisches Projekt und soll den Blick auf bessere Zeiten lenken.

Wiederaufbau mitten im Krieg

Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem in Afghanistan keine Bombe explodiert: Autobomben. Truck-Bomben. Menschliche Bomben. Auch in Kabul. Ist es sinnvoll, inmitten von Krieg, Terror und Gewalt einen zerstörten Palast aufzubauen? "Natürlich habe auch ich Angst", gibt die junge Statikerin Wazhma zu. "Wir wissen oft nicht, ob wir abends lebend nach Hause kommen. So ist unser Leben. Aber wir können doch deswegen nicht nur hoffnungslos zu Hause sitzen und nichts tun."

Wäre es nicht trotzdem sinnvoller, die Ruine als ewiges Mahnmal des Krieges so zu belassen, wie sie ist? In einem Land, in dem täglich Menschen sterben, fliehen und hungern, kann so eine Restauration auch zynisch wirken.

"Wir müssen einfach positiv denken", antwortet Wazhma nach längerem Zögern. "Ich weiß, dass viele Menschen enttäuscht sind und glauben, dass sich hier nie etwas verändern wird. Aber ich habe Hoffnung, weil ich an die neue Generation glaube. Ich glaube an unsere Kraft und an unsere Ideen. Es gibt hier wirklich viele, die ihr Land verändern wollen."

Als die Sowjetunion Ende der 1970er Jahre in Afghanistan einmarschierte, war der Palast der Sitz des Verteidigungsministeriums. Zehn Jahre später zog die Rote Armee wieder ab - vertrieben von den afghanischen Mudschahedin. Wazhma Kurram kam zur Welt, als diese vom Westen hochgerüsteten Freiheitskämpfer ihren brutalen Bruderkrieg begannen.

Nach ihrem Sieg über die sowjetischen Besatzungstruppen konnten sich die verschiedenen Mudschahedin-Fraktionen nicht über die Aufteilung der Macht einigen. Ihr mörderischer Machtkampf zerstörte Kabul, der Westen schaute teilnahmslos zu. Der Palast verkam zur Schießscharte und zum Kugelfang.

Der Häuserkampf terrorisierte die Bevölkerung der afghanischen Hauptstadt und endete 1996 mit dem Aufstieg der Taliban. Wazhma wuchs mit zwei Schwestern und einem Bruder unter dem totalitären Regime der Religionsschüler um den langjährigen Taliban-Anführer Mullah Omar auf. Diese Zeit hat die 26-jährige geprägt.

"Mein größtes Ziel im Leben ist, meine Eltern stolz zu machen. Während der Taliban-Zeit war es für uns Mädchen sehr schwer, wir durften ja noch nicht einmal zur Schule gehen. Aber meine Eltern haben immer sichergestellt, dass unsere Bildung nicht gelitten hat. Sie haben Lehrer organisiert, die uns zu Hause unterrichtet haben. Ich habe es nur meinen Eltern zu verdanken, dass ich heute Ingenieurin bin."

Von der Uni direkt an die Baustelle des Darul Aman-Palastes. Foto: DW/S.Petersmann
Berufstätige Frauen in technischen Berufen: In Afghanistan ist das noch eine Seltenheit. „Ein Viertel der Architekten und Ingenieure, die am Wiederaufbau der Ruine arbeiten, sind Frauen. Hinter den schützenden Mauern des Palastes gibt es zwischen den Geschlechtern keine Probleme, “ schreibt Sandra Petersmann. Die Frauenquote hat der Präsident angeordnet.

Als die USA und ihre Partner nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Afghanistan einmarschierten, war Wazhma Kurram zehn Jahre alt. Ihre zerstörte Heimatstadt Kabul wurde zur Drehscheibe des internationalen Einsatzes. Neue Schulen und Universitäten boten neue Bildungschancen. Wazhma studierte Mathematik und Baustatik.

Der Job im Wiederaufbau-Team ist für sie der erste, seit sie ihr Studium abgeschlossen hat. "Bildung ist der einzige Ausweg", glaubt Wazhma Kurram. "Wer gebildet ist, weiß um die zerstörerische Kraft des Krieges. Und wenn jetzt noch weitere Generationen mit neuen Ideen heranwachsen, dann wird dieser Krieg aufhören."

Ungewisse Zukunft

Doch derzeit deutet nichts auf eine friedliche Lösung hin. Das afghanische Regierungslager ist zerstritten und kontrolliert weniger als 60 Prozent des Landes. In 31 von 34 Provinzen wird gekämpft. Rund 1,5 Millionen Menschen sind im eigenen Land auf der Flucht. Taliban, Al-Qaida, der sogenannte "Islamische Staat", marodierende Milizen: Afghanistans Zivilisten haben viele Feinde. Korruption höhlt den Staat aus.

Die Machtelite in Kabul verschanzt sich hinter immer höheren und dickeren Sprengschutzmauern, während die Bevölkerung zwischen unklaren Fronten gefangen ist. Auch der Wiederaufbau von Darul Aman findet hinter dicken, hohen Betonmauern statt.

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani hat den Wiederaufbau zur Chefsache gemacht. Er will hier in zwei Jahren den hundertsten Unabhängigkeitstag Afghanistans feiern. Der Palast soll nach seiner Restaurierung Staatsgäste beherbergen und als Nationalmuseum dienen.

Auch das Oberste Gericht soll auf das Gelände ziehen. Für den Wiederaufbau stellt die afghanische Regierung rund 20 Millionen US-Dollar bereit.  US-Experten waren vor Jahren mal von mindestens  200 Millionen ausgegangen.

Auf dem durchlöcherten Dach der Ruine lässt die leitende Architektin Masouma Delijam ihren Blick schweifen. Eine afghanische Fahne flattert an einer rostigen Fahnenstange, der Wind wirbelt eine rosafarbene Plastiktüte durch die Luft. Direkt gegenüber leuchtet die kupferfarbene Kuppel des neuen afghanischen Parlaments in der Mittagssonne. Das Nachbarland Indien hat dessen Neubau finanziert.

"Es fühlt sich großartig an, hier oben auf dem Dach des Palastes zu stehen", erzählt Masouma Delijam. Die 28-jährige ist als afghanisches Flüchtlingskind im Nachbarland Iran aufgewachsen und lebt erst seit 2004 in Afghanistan. Sie hat einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft aufgegeben, um beim Wiederaufbau von Darul Aman mitzuhelfen.

Die Arbeiten laufen seit gut einem Jahr, sie war vom ersten Tag an dabei. Masouma stehen die Tränen in den Augen. "Ich habe einen Traum, dass ich hier eines Tages mit meinem Mann und meinem kleinen Sohn spazieren gehen kann. Und dass ich meinem Sohn dann erklären kann, dass seine Eltern Darul Aman wieder aufgebaut haben, weil wir voller Hoffnung für Afghanistan waren."

Sandra Petersmann

© Deutsche Welle 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Die starken Frauen von Darul Aman

Sehr interessanter Artikel,
aber eine Sprache "Afghanisch" gibt es nicht!
In Afghanistan sind zwei Sprachen verbreitet:
1. Dari, dem Neupersischen sehr ähnlich, wohl Sprache eher der gebildeten
Oberschicht,
2. Pashto. Beides sind iranische Sprachen, Pashto ist stärker ostiranisch!
Beide Sprachen werden mit der arabischen Schrift im persischen Duktus geschrieben!
Beste Grüße
Wiebke Walther

De. Wiebke Walt...19.08.2017 | 17:48 Uhr