Großbritannien ist aufgrund seiner Intervention unweigerlich in die komplexen lokalen Machtkämpfe eingebunden, die Libyen zu zerreißen drohen. So unterstützten die Briten die Regierung der Nationalen Einheit im Kampf gegen den IS in Sirte und erweckten damit den Eindruck, in diesem Konflikt eine Seite auf Kosten anderer zu unterstützen.

In den Augen vieler Libyer bleibt die "Regierung der Nationalen Einheit" ein illegitimes Gremium. Sie war zwar als Konsensregierung konzipiert, wurde aber von einigen wichtigen lokalen Kräften abgelehnt und konnte die ihr zugedachte Rolle daher niemals ausfüllen. Sie wurde auch nie offiziell vom gewählten libyschen Parlament, dem Abgeordnetenrat, anerkannt.

Großbritannien agierte jedoch stets durch "Regierung der Nationalen Einheit" und die sie unterstützenden Kräfte, was von Teilen der Libyer als bewusste Einflussnahme auf bestimmte Elemente des libyschen Konflikts ausgelegt wurde.

Lokale Machthaber konnten ausländische Interventionen dazu nutzen, ihre Gegner zu diskreditieren, indem sie sich gegenseitig beschuldigten, die nationale Souveränität zu ihrem eigenen Vorteil ausverkauft zu haben. So erklärte einer meiner libyschen Interviewpartner: "Unser Problem ist, dass die Angehörigen der politischen Klasse um die Macht ringen. Sie ermächtigen sich selbst durch Rückgriff auf die Unterstützung durch ausländische Akteure."

Und wer nicht eingreift, ist ebenfalls der Dumme

Trotz der ablehnenden Haltung gegenüber ausländischen Interventionen sind viele Libyer darüber verbittert, dass man sie nach dem Sturz Gaddafis einfach ihrem Schicksal überlassen hat. In Libyen ist internationale Unterstützung durchaus erwünscht, sofern sie Libyen als Ganzes dient und sich nicht nur auf die Bekämpfung von Terrorgruppen, wie beispielsweise den IS, oder auf die Bewältigung der Flüchtlingskrise konzentriert.

Gaddafi-Gegner demonstrieren am 9. Juli 2011 vor dem Weißen Haus in Washington; Foto: AFP/Getty Images
Erleichterung über Nato-Militärvention zum Schutz Benghazis im Juli 2011: Die ostlibysche Stadt war Ausgangspunkt des Aufstandes gegen Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi, der 2011 kurz davor stand, Benghazi von den Rebellen zurückzuerobern und ein Massaker unter der Zivilbevölkerung anzurichten. Nur durch einen von Frankreich geführten Nato-Angriff konnten die Truppen Gaddafis gestoppt werden.

Einer meiner Interviewpartner erinnerte sich beispielsweise daran, dass die internationale Gemeinschaft "das Land im Chaos und Bürgerkrieg zurückließ". Und der Journalist Jalal Othman erklärte: "Nachdem man [Gaddafi] los war, überließ die internationale Gemeinschaft Libyen dem eigenen Schicksal. Nicht selten zogen die Panzer von einer Stadt zur nächsten. Die internationale Gemeinschaft wusste das, unternahm dagegen aber nichts."

In Libyen haben sich daher starke Ressentiments entwickelt. Man wirft der internationalen Gemeinschaft vor, Libyen der Willkür regionaler Akteure überlassen zu haben. Viele verweisen dabei auf die Rolle Ägyptens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Jordaniens, Qatars und der Türkei, die alle ihren Teil zum Konflikt in Libyen beigetragen haben, indem sie verschiedene Fraktionen auf Kosten von Frieden und Stabilität unterstützten.

Und tatsächlich deckten Qatar und die Türkei die Lager in Tripolis und Misrata, während Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate fest hinter General Chalifa Haftar standen und ihm politische sowie militärische Hilfe leisteten.

Gibt es einen Ausweg aus der Zwickmühle?

In Libyen mehren sich die Stimmen, die behaupten, das Land sei einer Welle von Einmischungen und halbherzigen Interventionen ausgesetzt, bei denen nie die eigentlichen Interessen Libyens im Mittelpunkt standen.

Dieser Standpunkt wird noch verschärft durch die oft diffusen Absichten der beteiligten Länder. Unklarheit und fehlende Transparenz erzeugen Gerüchte und schüren Schuldzuweisungen. Sie ziehen die Akteure von außen in die lokale Dynamik des Konflikts hinein und machen es unmöglich, als unpolitischer oder unparteiischer Akteur wahrgenommen zu werden.

Das untergräbt letztlich alle diplomatischen Anstrengungen. Im Falle der "Regierung der Nationalen Einheit" stärkte die internationale Intervention sogar noch die gängige Auffassung, es handele sich bei diesem Gremium um eine Marionettenregierung, die von externen Mächten installiert wurde und einer außenpolitischen Agenda diene. Solche Anschuldigungen trugen deutlich zur Schwächung und Deligitimierung der Regierung bei.

Alison Pargeter

© OpenDemocracy 2017

Alison Pargeter ist Expertin für Nordafrika und den Nahen Osten mit besonderem Schwerpunkt auf Libyen, Tunesien und den Irak sowie auf politische islamistische Bewegungen. Ihr neuestes Buch trägt den TitelReturn to the Shadows: The Muslim Brotherhood and An-Nahda since the Arab Spring.

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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