Während die Intervention von 2011 zum Sturz Gaddafis noch auf eine gewisse lokale Akzeptanz bauen konnte, haben die nachfolgenden ausländischen Interventionen zu scharfen Reaktionen innerhalb Libyens geführt. So gingen beispielsweise im Juli 2016, nachdem bekannt wurde, dass französische Spezialeinheiten im Osten des Landes operierten, hunderte Libyer in Tripolis und in westlichen Städte auf die Straße, um gegen die ausländische Beteiligung zu demonstrieren. Auf ihren Plakaten forderten sie: "Hände weg von Libyen!" und "Keine französische Intervention!".

Wer eingreift, ist der Dumme

Im Rahmen meiner eigenen Nachforschungen äußerten sich viele libysche Befragte besorgt über die externen Einmischungen in ihrem Land. Viele unterstellten den internationalen Akteuren eine eigene Agenda. "Jeder weiß, dass die internationale Gemeinschaft nicht aus edlen Motiven eingreift", so fasst eine von mir befragte Person die mehrheitliche Stimmung zusammen. "Sie wollen den Konflikt absichtlich verlängern, um daraus ihren eigenen Nutzen zu ziehen."

Trotz des verdeckten Charakters der Interventionen in Libyen geraten die internationalen Akteure allerdings zunehmend öffentlich in die Kritik. Großbritannien zählt zwar zu den verschwiegensten Akteuren der Region und konnte derartige Massenproteste wie die gegen Frankreich vermeiden, dennoch nimmt die Kritik an der zwielichtigen Rolle Großbritanniens weiter verloren.

Der britische Außenminister Boris Johnson auf dem Parteitag der Konservativen am 3. Oktober 2017; Foto: dpa/picture-alliance
Eklat nach taktlosen Äußerungen: Der britische Außenminister Boris Johnson hatte nach seinem Besuch in Libyen für Empörung gesorgt, als er erklärte, Libyen könne zu einem attraktiven Ziel für Touristen und Investoren werden - vorher müssten in der Küstenstadt Sirte aber erst noch "die Leichen weggeräumt werden". Laut Johnson seien britische Unternehmen daran interessiert, in der Küstenstadt Sirte zu investieren. Die Heimatstadt von Muammar al-Gaddafi war bis zur Rückeroberung durch Regierungstruppen im Dezember 2016 das letzte größere Gebiet in Libyen, das vom IS kontrolliert worden war.

Während einige Libyer die britische Unterstützung gegen den IS begrüßen, insbesondere angesichts der Unfähigkeit Libyens, das Problem allein zu bewältigen, beurteilen andere die Anwesenheit der Briten weitaus skeptischer. So äußern viele Libyer Zweifel an den hehren Absichten Großbritanniens, nach dem Motto: "Die Briten werden von ihren eigenen Interessen getrieben. In solchen Fällen gibt es normalerweise keinen Platz für jegliche moralische Vorstellungen und Werte."

Die wirklichen Ziele hätten zudem mehr mit dem Zugriff auf Libyens Reichtum und Ressourcen zu tun. "Die internationale Gemeinschaft verhält sich gegenüber Libyen arglistig. Denn es geht ihr gar nicht um den Schutz der Zivilisten vor dem IS. Vielmehr versucht sie, die Oberhand über die Ressourcen in Sirte zu gewinnen", urteilte ein befragter Libyer.

Die jüngsten Äußerungen des britischen Außenministers Boris Johnson, der bei einem Treffen am Rande des Parteitags der Konservativen im Oktober 2017 erklärte, Sirte könne das nächste Dubai werden, sobald man "die Leichen weggeräumt" habe, untermauerten diesen Verdacht noch.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.