Denn auch bei uns sind Frauen benachteiligt. Der Abwertung der "muslimischen Frau" steht eine Idealisierung der eigenen Situation gegenüber. MeToo-Debatte, Gender-Pay-Gap, partnerschaftliche Gewalt (laut Bundeskriminalamt bringt in Deutschland alle drei Tage ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin um), um nur ein paar Beispiele zu nennen: Von echter Gleichberechtigung sind wir noch weit entfernt.

Wer sich die eigenen Unzulänglichkeiten bei den Frauenrechten nicht eingesteht, kann auch die "Komplexität und Widersprüchlichkeit" von Frauenleben in anderen Kulturen nicht wahrnehmen. Das hat die 2015 verstorbene Psychologin und Genderforscherin Birgit Rommelspacher in ihrem Aufsatz Feminismus, Säkularität und Islam, 2013, beschrieben. Rommelspacher, eine hellsichtige Analytikerin westlichen Dominanzverhaltens, meint, in der Fixierung auf die 'Rückschrittlichkeit' der anderen Frau werde diese oft geradezu in dieser Rolle festgehalten, um "als Kontrastfolie für die eigene Fortschrittlichkeit" zu dienen.

Aber das Stereotyp lenkt nicht nur von den realen Geschlechterverhältnissen in Deutschland ab. Es verdeckt auch, dass Frauen wie Männer im Nahen Osten und in Nordafrika gemeinsam unter Armut, politischer Repression und Zukunftsangst leiden. Ihre persönliche Handlungsspielräume sind dadurch stark einschränkt. Fragen nach Geschlechterrollen lassen sich nicht von Fragen der politischen Unterdrückung und der globalen Mitverantwortung des Westens für diese Zustände isolieren, wie die ägyptische Sozialanthropologin Dina Makram-Ebeid von der Amerikanischen Universität in Kairo betont.

Die Psychologin und Genderforscherin Birgit Rommelspacher; Foto: Heinrich-Böll-Stiftung
"Komplexität und Widersprüchlichkeit" von Frauenleben in anderen Kulturen: Die Psychologin und Genderforscherin Birgit Rommelspacher meint, in der Fixierung auf die 'Rückschrittlichkeit' der anderen Frau werde diese oft geradezu in dieser Rolle festgehalten, um "als Kontrastfolie für die eigene Fortschrittlichkeit" zu dienen.

Zur Verantwortung des Westens gehört neben direkter politischer Unterstützung für Diktatoren auch, dass die Industrieländer mit ihrer Ressourcenverschwendung die Chancen anderer Weltregionen auf Entwicklung drastisch reduzieren. Der Klimawandel trifft Nordafrika und den Nahen Osten mit ganz anderer Härte als etwa Europa.

"Wir im Süden zahlen den höchsten Preis für den Klimawandel", sagt Makram-Ebeid, "Ist denn nicht klar, dass es in Ägypten immer heißer und unwirtlicher wird, weil der globale Norden die meisten Ressourcen unseres Planeten verbraucht?"

Verlust der kulturellen Dominanz

Das Stereotyp der "unterdrückten arabischen Frau" hat eine lange Tradition in der europäischen Geschichte und wurde immer wieder auch zur Rechtfertigung für koloniales Handeln benutzt. Aber warum verfestigt es sich heute weiter, während in den Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas Frauen zu Neuem aufbrechen? Ihre Errungenschaften sind zwar fragil und immer von Rückschlägen bedroht, aber es gibt sie, aller islamistischen Bedrohung und aller Repression durch sich säkular gebende Diktatoren zum Trotz.

Je mehr der Westen heute weltweit seine kulturelle Dominanz verliert, desto mehr braucht es offenbar die Bestätigung für vermeintliche "orientalische Barbarei". Während die reale Macht Europas schwindet, wird die angebliche zivilisatorische Überlegenheit in den Debatten über Migration umso mehr beschworen. Eine tiefgreifende Verunsicherung in den westlichen Gesellschaften zwischen Globalisierung, Flüchtlingskrise und Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg führt zu einem starken Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung.

Asma Rashahneh, die Gemeinderätin aus Jordanien, kennt diese Debatten in Europa vermutlich nicht. Ihr geht es um ganz praktische Dinge. Um ein Leben in Würde ohne Gewalt und sexuelle Belästigung. Um ein eigenes Einkommen, bessere Bildung und einen Platz im öffentlichen Raum. Frauen wie sie haben es verdient, mehr wahrgenommen zu werden in ihrem Kampf für eine bessere Welt.

Claudia Mende

© Qantara.de 2019

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Leserkommentare zum Artikel: Es lebe das Stereotyp

Der Beitrag von Claudia Mende ist hochinteressant und hochaktuell. Die Autorin analysiert die Funktion des in Deutschland weit verbreiteten Stereotyps von der "unterdrückten arabischen Frau" für die deutsche Gesellschaft und zeigt am Beispiel einer jordanischen Gemeinderätin, dass es in der gegenwärtigen arabischen Realität Frauen gibt, die dieses Stereotyp ad absudrum führen. Folgerichtig kommt die Autorin zu dem Schluss, dass arabische Frauen wie die jordanische Gemeinderätin Asma Rashashneh es verdienen, von der deutschen Öffentlichkeit "mehr wahrgenommen zu werden". Dieser Forderung möchte ich mich vorbehaltlos anschließen. Ich kenne auch arabische Frauen, die in der Wirtschaft, in der Verwaltung,in der Kultur und in ihren Famlien Großes leiseten und noch leisten; z. B. eine syrische Zivilingenieurin, die in der Kleinstadt Deir-Atieh der Sonnenenergie einführte. Natürlich darf man nicht die Widerstände verschweigen, gegen die diese Frauen kämpfen und sich am Ende durchsetzen. Emanzipierte arabische Frauen haben es wirklich nicht leicht. Fest steht jedoch, dass der verzerrten Wahrnehmung der arabischen Frau in Deutschland unbedingt entgegengewirkt werden müßte. Diese Wahrnehmung ist Ausdruck eines interkuturellen Vorurteils. Sie tut der arabischen Frau Unrecht und erschwert ausserdem den deutsch-arabischen Kultur-Dialog. Es liegt auf der Hand, dass sie sich auch auf die Integration der in Deutschland lebenden arabischen Gemeinden negativ auswirkt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf eine neue Pulikation zu dieser brisanten Thematik hinweisen: Abdo Abboud, Ulrike Stehli-Werbeck (Hg.): Die Wahrnehmung des Anderen in der arabischen Welt und in Deutschland. Beiträge eines internationalen Symposiums der Universität Münster. Lit Verlag 2017. Vielen Dank Claudia Mende!

Prof. Abdo Abbo...31.10.2019 | 17:28 Uhr

Danke für diesen richtig guten Artikel. Ich frage mich warum solche Artikel mit so gutem Inhalt entweder wenig oder gar nicht in größeren Medien zu finden sind. Explizit das behandelte Thema ist enorm wichtig. Ich denke am Ende kommt die Emanzipation der Frau genauso auch den Männern zugute. Sich von Dogmen zu befreien bringt Freiheit, und wer es schafft und schafft hat es leicht anderen dabei zu helfen.

Benjamin F.08.11.2019 | 22:53 Uhr