Westliche Berichterstattung

Der weiße Blick auf andere Kulturen

Unverändert blüht im westlichen Journalismus die kulturelle Anmaßung. Können wir wirklich die Welt aus der Sicht einer jemenitischen Hausfrau, einer Hirtin in Bhutan oder eines alten senegalesischen Fischers erzählen? Von Charlotte Wiedemann

Wie rasch es still geworden ist um die Fälschungsaffäre beim SPIEGEL. Mir scheint, wichtige Fragen sind noch nicht einmal aufgeworfen. Welche Bedürfnisse erfüllten die gefälschten Stories? Warum werden extrem personalisierte Erzählungen vom Weltgeschehen mit Preisen überhäuft? Und wo grenzt die Fälschung an die gewohnheitsmäßigen Legenden, wenn sich der weiße Blick auf andere Kulturen richtet?

Was die Bedürfnisse betrifft, gibt der Text "Der Junge, mit dem der Syrienkrieg begann" einigen Aufschluss. Schon vor Relotius haben etliche Medien das Schicksal der Schulkinder aufgegriffen, die 2011 in der Stadt Daraa Parolen sprühten (und dann gefoltert wurden), sie zoomen dabei stets auf einen einzelnen Jungen, damit sein Drama süffig erzählt werden kann, der Junge heißt mal so, mal so, und immer ist er schuld.

Bei BILD heißt er 2013 Bashir, und auf Syrien fallen Granaten, "weil Bashir getan hat, was er getan hat." Im SPIEGEL heißt er Mouawiya und kämpft seit sieben Jahren "um Sühne". Weil ein "dummer Jungenstreich" eine halbe Million Tote bewirkt hat? In welches Irrenhaus sind wir hier geraten?

Was in Daraa 2011 geschah, ist gut dokumentiert. Die Folter an Schulkindern übersteigt alles, was dem Assad-Regime bis dahin zugetraut wurde; der Kampf ihrer Eltern entzündet massenhafte Proteste. Dem zivilen Aufstand steht niemand zur Seite, auch nicht aus dem Westen, das markiert die syrische Tragödie.

Sie verweist auch auf uns, aber das tut sie nicht mehr, wenn sie als sinnloses Geschehen einem Kind angehängt wird, mit echten oder erfundenen Schuldgefühlen.

Proteste gegen das Assad-Regime im April 2011 in Daraa, Syrien; Foto: AP
Wo der Aufstand gegen das Assad-Regime begann: Was in Daraa 2011 geschah, ist gut dokumentiert. Die Folter an Schulkindern übersteigt alles, was dem Assad-Regime bis dahin zugetraut wurde; der Kampf ihrer Eltern entzündet massenhafte Proteste. Dem zivilen Aufstand steht niemand zur Seite, auch nicht aus dem Westen, das markiert die syrische Tragödie.

Passend zum Umstand, dass sich Assad an der Macht gehalten hat, befriedigt eine mit Schicksalhaftem aufgepumpte Kinder-Erzählung die bürgerliche und ziemlich weiße Lust, an der bösen Welt zu leiden, ohne Folgen, ohne Verantwortung. Schlimm alles da draußen!

Auf den Einzelnen fokussieren, Komplexität abschneiden

Das sind anti-aufklärerische Dramaturgien, und gerade sie sind schwer in Mode. Auf den Einzelnen fokussieren, Komplexität abschneiden, Gefühle mobilisieren, wenig Denken verlangen. Das Urmodell dafür: die deutsche Austeritätspolitik mit einem Merkel-Porträt erklären.

Distanz ist als Haltung, als Betrachterposition, zunehmend delegitimiert worden, zugunsten einer rhetorischen Unmittelbarkeit – dem vermeintlichen Blick von innen, wie Relotius ihn hochtalentiert herbei fabulieren konnte. Gibt es womöglich eine Verbindung zu den neoliberalen Individualismus-Exzessen, dem alltäglichen Ich-Ich-Ich-Gejapse, wenn personalisierte Erzählstrukturen nun dem hochkomplexen Rest der Welt übergeworfen werden? Und wo beginnt da die Fälschung?

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