Aus Erlebtem, Gesagtem und Gedachtem einen Text zu komponieren, das heißt immer, die Dinge in eine neue, reduzierte Ordnung bringen. Denn "Wirklichkeit", Myriaden von Gleichzeitigkeiten, ist nicht darstellbar. Deshalb ist es so kindisch zu behaupten, der Slogan "Sagen, was ist" sei der Gegenpol zur Fälschung. Das Verbrechen, also die gezielte Fälschung, hat einen weiten Vorhof der legalen kleinen Gaunereien. In diesem Vorhof wird frisiert, geschnippelt, geföhnt, bis der Text einen tauglichen Trend hat, und je ferner und fremder die Kultur, um dies es geht, desto stiller die Skrupel.

Anfällig für Hybris

Die junge Generation von Reportern ist in vielem besser gerüstet, als meine es war: mehrsprachig, weltläufig, reiseerfahren, bewundernswert mutig - aber vielleicht gerade deswegen auch anfällig für Hybris. Und wer selbst nicht anfällig ist, wird hineingedrängt, in diesen Mythos eines geradezu übermenschlichen Vermögens, alles verstehen, alles erzählen zu können, aus jedwedem kulturellen Kontext.

Die Hybris anzustacheln ist kostengünstig, ist viel billiger als ein Korrespondenten-Büro oder als dauerhaft einheimisches Personal im Krisengebiet XY zu honorieren, Übersetzer und Fixer, wie sie auf den alljährlichen Totenlisten von "Reporter ohne Grenzen" stehen, Märtyrer für westliche Medien.

Soldaten der Bundeswehr in Koulikoro, Mali, bei der Ausbildung von Armee-Einheiten Malis; Foto: picture-alliance/dpa
Vom Wechselspiel zwischen den medial eingeübten Gewohnheiten, die Bewohner eines Landes auf eine bestimmte Weise zu sehen, und den politischen und militärischen Strategien, die für dieses Land ersonnen werden: Über Mali wird fast ausschließlich aus der Perspektive der Bundeswehr berichtet.

Als ich mein Buch "Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben" sechs Jahre nach seinem Erscheinen für eine Neuausgabe überarbeitet habe, war ich erstaunt, wie wenig sich in der Zwischenzeit verändert hatte. Gewiss, Fake News und ständig neue Formate, aber unverändert blüht im westlichen Journalismus die kulturelle Anmaßung.

Vom Framing zur Fälschung

Bescheidenheit wird selten honoriert, höchstens als inszenierte Bescheidenheit wie bei Relotius, aber nicht indem Brüche, Lücken, Unzulänglichkeiten benannt würden. Stattdessen eine Einfühlungsästhetik, die manchmal koloniale Züge hat.

Können wir wirklich die Welt aus der Sicht einer jemenitischen Hausfrau, einer Hirtin in Bhutan oder eines alten senegalesischen Fischers erzählen? Als säßen wir in deren Hirn und Herzen, all wüssten wir genug, um uns hinein versetzen zu können in jemand so anderen. Die Jemenitin, die Hirtin, der alte Fischer, sie kämen nicht auf diese Idee. Sie respektieren Grenzen. Wir respektieren sie nicht, und das ist typisch für weißes Schreiben.

Und dann das Wechselspiel zwischen den medial eingeübten Gewohnheiten, die Bewohner eines Landes auf eine bestimmte Weise zu sehen, und den politischen und militärischen Strategien, die für dieses Land ersonnen werden. Über Mali wird fast ausschließlich aus der Perspektive der Bundeswehr berichtet. Wann geht dieses Framing in Fälschung über?

Niemand entschuldigt sich dafür bei den Maliern. So wie der SPIEGEL sich nie bei hiesigen Muslimen für seine islamophoben Titelbilder entschuldigt hat. Die Islamisierung Deutschlands war titelfähig, Jahre bevor die AfD gegründet wurde.

In diesen Tagen ist oft von einer postkolonialen Globalisierung die Rede. Museen und Ethnologen beginnen einzusehen, dass sie Kontrolle abgeben müssen und nicht mehr die Zentralperspektive beanspruchen können. Was gibt der weiße Journalismus ab? Nichts. Auf die Zukunft ist er schlecht vorbereitet.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2019

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