Westafrikanische Griot-Musik

Der erste Griot – ein Gefolgsmann Mohammeds?

In der Kultur Westafrikas vermischen sich islamische und vorislamische Traditionen. Das gilt auch für die Griot-Musik. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Rolle der Griots als singende Historiker indessen gewandelt. Max Annas berichtet

In der Kultur Westafrikas vermischen sich islamische und vorislamische Traditionen. Das gilt auch für die Griot-Musik. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Rolle der Griots als singende Historiker indessen gewandelt. Max Annas berichtet

Foto: &copy Coraconnections.com
Toumani Diabaté gilt als Meister der Kora, eines der bekanntesten Saiteninstrumente Westafrikas.

​​"Wenn in Afrika ein Griot stirbt ist das so, als wenn eine Bibliothek niederbrennt." Der Satz hat es so oder so ähnlich in den letzten Jahren selten aber regelmäßig ins deutschsprachige Feuilleton geschafft.

Er erzählt davon, dass Griots eine überragende Bedeutung haben auf unserem südlichen Nachbarkontinent. In Gesellschaften, die ohne Schrift leben, erhält das Singen und Erzählen, das mündliche Weitertragen, eine zentrale Rolle in der Vermittlung von Wissen.

Familienstammbäume, soziale und politische Geschichte, Kultur – wo es nichts zu lesen gibt, funktioniert es auf diese Weise. Der Satz ist ein paar Jahrzehnte alt und stammt von dem malischen Schriftsteller Amadou Hampaté Ba, und er benutzte ihn, um Europäern den Rang darzustellen, den Griots damals besaßen.

Und wenn man nicht behaupten möchte, dass sie heute nicht mehr die Wichtigkeit früherer Tage haben, so muss man auf jeden Fall erkennen, dass sich ihre Rolle verändert hat.

Wichtige Mittlerfunktion der Griots

Allein der Begriff Griot ist ein Kompromiss. Nicht völlig klar, welche Wurzeln er tatsächlich hat, ob er auf einem portugiesischen oder französischen Wort basiert, meint er traditionelle Sänger (selten nur Sängerinnen) im ganzen ehemaligen französisch kolonisierten Westafrika und noch ein bisschen darüber hinaus, etwa im heutigen Gambia und Guinea-Bissau.

Das Wort Griot hat nur zu existieren begonnen, um es den Kolonisatoren einfacher zu machen, einen komplizierten Sachverhalt zu verstehen. Gleich aber ob Djelis im heutigen Mali oder Gewel im heutigen Senegal, die Griots hatten eine Reihe fest umrissener Aufgaben und eine wichtige Mittlerfunktion zwischen oben und unten, reich und arm, Herrschenden und Beherrschten.

Griots waren Hofbarden oder reisende Musikanten, sie hatten einen großen regionalen Wirkungskreis oder waren in einer kleinen Gemeinde verwurzelt.

Ihnen gemeinsam ist, dass sie in Familien hinein geboren worden waren, deren Angehörige ebenfalls als Griots lebten. Schon die kleinen Kinder wurden in dem Bewusstsein erzogen, zu musizieren, meist spielten sie die Kora, die westafrikanische Harfe, und Geschichten dazu zu erzählen.

Niedriger sozialer Stand für die Gebildeten

In einer Gesellschaft, in der der Sohn des Schmieds weiß, dass er Schmied werden wird, und der Nachfahr des Bauern denselben Boden dereinst bearbeiten wird wie die Vorfahren, ist diese ungebrochene Biografie natürlich nichts Besonderes.

Dass den Griots und ihren Familien in den westafrikanischen Gesellschaften ein sehr niedriger sozialer Stand zugewiesen wurde, dürfte ein Kniff der Mächtigen gewesen sein, um die gebildetste Kaste im ganzen Land nicht zu ermutigen, ihr Wissen allzu frech einzusetzen.

Das Erzählen und Singen von Geschichte und Geschichten war natürlich ein schwieriges Terrain. In bayrischen Schulbüchern wird heutzutage deutsche Geschichte schon anders interpretiert als in nordrhein-westfälischen.

Und so war die Vermittlung von Geschichte, von Herkunft und historischen Siegen, das Erzählen über große Herrscher und vergangene Reiche immer auch eine zeitgenössische Interpretation. Zumeist natürlich im Sinne der aktuell Machthabenden.

Warnung vor zivilem Ungehorsam

Nicht nur nebenbei waren Griots auch Verkünder der Politik des Hofes und kompromisslos darin, abweichendes Verhalten zu geißeln. Sie waren eine wirkungsvolle Waffe der Höfe, weil sie in ihren Gesängen Gegner des Regimes wirkungsvoll auseinandernehmen konnten.

Auf der anderen Seite waren sie Auge und Ohr der Herrschenden an der Basis, potentielle Spione also, vor denen man sich durchaus hüten musste. Die Rolle des Tadelnden hat sich bis in die moderne Popmusik erhalten.

Ndiouga Dieng von Orchestre Baobab aus Dakar warnt zum Beispiel in "Werente Serigne", einem der schönsten Tanzstücke der Combo, das Publikum davor, sich den religiösen Führern zu widersetzen.

Apropos Religion: Schwierig wird es, wenn die Rede auf die Rolle des Islam kommt. Orthodoxe Meinungen verweisen darauf, dass der Griot eindeutig vorislamisch ist.

Der Beweis natürlich, er fehlt. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die Institution Griot schon lange vor der Begründung des Islam ihre Berechtigung gehabt hat.

Der erste Griot – ein Gefolgsmann Mohammeds?

Foday Musa Suso aus Gambia, der in den 70ern und 80ern mit Fusioncombos in den USA großen Erfolg hatte, beschwört eine alternative Erklärungslinie. Danach bewegte sich der Koraspieler Sourakata im Gefolge des Propheten Mohammed und war der erste Griot überhaupt.

Von ihm stamme auch jeder weitere Griot ab. Wer die Herrschaftsnähe der Geschichtsdarstellungen von Griots als gegeben akzeptiert, wird Foday Musa Susos Version wahrscheinlich in dieses Modell einordnen.

Trotz eines immer noch weit verbreiteten Analphabetismus haben sich Rolle und Aufgaben von Griots deutlich gewandelt. Auch wer nicht lesen kann, hört heute Radio, schaut TV, hat Zugang zu Tonträgern. Aber ihren Einfluss bis ins Heute darf man trotzdem nicht unterschätzen.

Die Ebene ihrer Aktion hat sich geändert, aber selbst jahrhundertealte Songs haben überlebt. "Sunjata" ist ein Song über Sunjata Keita, der im 13. Jahrhundert das gewaltig große malische Reich gegründet hat, dessen Grenzen einen großen Teil Westafrikas umschlossen haben.

Die Rail Band aus Mali mit Salif Keita und Mory Kante an den Mikrofonen machte daraus ein elektrisch verstärktes Epos, das die Tradition in die popmusikalische Moderne rettete, ohne sie zu verraten.

Bis heute sind allerdings auch klassische Interpretationen des Tracks zugänglich: Die Aufnahmen von Batrou Sékou Kouyaté und Sidiki Diabaté, dem Vater des Kora-Zauberers Toumani Diabaté, liegen mittlerweile auch auf CD vor. Wer von der Kraft klassischer Griots erfahren will, kann sich auf diese letzten großen Künstler vor der Erfindung der E-Gitarre beziehen.

In den 90ern schließlich arbeiteten die Promo-Abteilungen der Plattenfirmen gern mit dem Griot-Begriff. Noch mancher westafrikanische Sänger, der seinen ersten Tonträger in einem Pariser Studio hergestellt hatte, wurde in Pressetexten und Linernotes zum Abkömmling einer Griot-Familie gemacht.

Dabei konnte es einem europäischen Publikum eher egal sein, ob eine Hi-Tech-Produktion in Sachen Afro-Pop so oder anders beworben wurde. Bis heute spielt es für europäische wie afrikanische Käufer von Tonträgern keine überragend wichtige Rolle, ob Mory Kante (ja!) oder Salif Keita (nein!) auf eine Griot-Tradition zurückblicken können.

Der Markt hat die alten Traditionen gehörig durcheinandergebracht. Und wenn Bibliotheken bis heute in Westafrika auch rar sind, Internetanschlüsse gibt es zuhauf.

Max Annas

© Qantara.de 2005

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