"Wenn ich sage, dass ich aus Tripoli bin, denken alle sofort, dass ich eine Hariri-Unterstützerin und Sunnitin bin. Und eine Person aus dem Süden des Libanon wird sofort in die schiitische Hisbollah-Schublade gesteckt. Das muss aufhören. Vor der Revolution gehörten wir zu den Sunniten, Schiiten, Christen und zu Parteien. Jetzt sind wir eins. Wir kommen alle von hier."

Wenn man die junge Truppe um Abdel Rahman und Najah nach ihren Hoffnungen fragt, sagen sie "das Ende von Korruption und ein säkularer Staat." Sie finden, dass die Sheikhs und religiösen Oberhäupter "fitna", Zwietracht, säen.

Religion als Tarnung für politische Machtspiele

Sheikh Mohammad Shaaban, Vorbeter in einer benachbarten Moschee, ist jeden Tag vor Ort "um bei den Leuten zu sein und Fragen zu beantworten, wenn sie Hilfe brauchen". In einem kleinen Zelt sitzt er in seiner grauen Robe auf einem Plastikstuhl und wartet auf Gesprächspartner. In Hinblick auf die grassierende Korruption stimmt er mit den jungen Protestierenden überein:  "Es gibt keine Sicherheit, keine Gerechtigkeit, nur korrupte Politiker." Und er erhofft sich von der Zukunft Einheit von der libanesischen Nation und Gerechtigkeit - unabhängig von Religionen.

Über den Weihnachtbaum sagt er: "Ahlan wa Sahlan" - Herzlich Willkommen! Die Leute rücken durch die Revolution zusammen, auch über Religionsgrenzen hinweg. Es gibt ein neues "Wir-Gefühl". Nur, dass die Religion an der Situation die Mitschuld trage, das sieht er anders.

Sarrouj, Leiter der berühmten Maktabat al-Sa’eh; Foto: Hanna Resch
Sarrouj ist dankbar, dass Muslime den Weihnachtsbaum aufgestellt haben. Er kennt die beiden Seiten Tripolis gut. Als Leiter der berühmten Maktabat al-Sa’eh, der "Bücherei des Pilgers", in einem verfallenen Gebäude, in dem Bücher bis an die Decke gestapelt liegen, hat er Kunden aller Glaubensrichtungen. Das Zusammenleben verschiedener Konfessionen auf engem Raum, das macht den Libanon aus.

"Bei der Korruption und den Kriegen der vergangenen Jahrzehnte ging es nie um Religion. Es ging immer um raffgierige Politiker. Junge Leute, die gegen die Sheikhs sind, verstehen noch nicht, dass die Religion nicht das Problem ist. Die Politiker verwenden die Religion als Tarnmantel, um Hass zu schüren. Doch die Religion lehrt uns, nicht zu töten, sie lehrt uns Frieden."

Gemeinsam den Geburtstag des Propheten feiern

Genau aus demselben Grund hat der griechisch-orthodoxe Priester Ibrahim Sarrouj aus Tripoli an der Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten Mohammed während der ersten Tage der Proteste in Tripoli teilgenommen. Am 10. November stand er gemeinsam mit einigen Sheikhs auf demselben Balkon, auf dem einen Monat zuvor der DJ die Masse angefeuert hatte.

Dass er wohlwollende Worte über den muslimischen Propheten verliert, verstehen nicht alle. Viele fragten ihn, warum er als Nicht-Muslim Mohammed lobe. "Ich habe ihnen gesagt: Wie könnt ihr sowas fragen? Soll ich ihn beleidigen? Ich respektiere Eure Religion und Euren Propheten."

Sarrouj ist dankbar, dass Muslime den Weihnachtsbaum aufgestellt haben. Er kennt die beiden Seiten Tripolis gut. Als Leiter der berühmten Maktabat al-Sa’eh, der "Bücherei des Pilgers", in einem verfallenen Gebäude, in dem Bücher bis an die Decke gestapelt liegen, hat er Kunden aller Glaubensrichtungen. Das Zusammenleben verschiedener Konfessionen auf engem Raum, das macht den Libanon aus.

Wenn Muslime Weihnachten feiern, ist das also eigentlich normal. Eigentlich. Denn auch wenn sie nur eine Minderheit darstellen - radikale Personen schaffen es immer wieder, die friedlichen Stimmen zu torpedieren.

Auch in Tripoli: In der Nacht auf den 18. Dezember brannten Unbekannte einen weiteren Weihnachtsbaum, der auf dem Kreisverkehr nahe dem Al-Nini-Krankenhaus in Tripoli stand, ab. Außerdem wurde das Büro des Sheikhs Malik Al-Shaar, Tripolis Mufti aufgebrochen und auf den Kopf gestellt. Ob beide Taten in Zusammenhang stehen, ist bisher noch ungeklärt.

Doch der abgebrannte Christbaum ist inzwischen schon wiederaufgebaut. Und laut Aussage einiger Tripolitaner soll er jetzt sogar noch schöner als zuvor sein.

Hanna Resch

© Qantara.de 2019

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