Ein Christbaum auf dem An-Nour Platz, neben dem großen, hell beleuchteten "Allah"-Schriftzug in der Mitte des Kreisverkehrs, das wäre letztes Jahr noch undenkbar gewesen. Zu groß war die Angst, dass der Christbaum als Ketzerei gegen den sunnitischen Glauben gesehen würde. Abdel Rahman meint jedoch dazu: "Allah ist ja schließlich nicht nur für die Muslime, er ist für die Christen und für alle."

Der An-Nour Platz - Zentrum der Revolution

Tripoli hatte bis vor kurzem noch einen schlechten Ruf. In der internationalen, aber auch in der libanesischen Presse war die Stadt bekannt für konfessionelle Konflikte und Extremismus. Viele Beiruter waren deshalb noch nie in der zweitgrößten Metropole ihres Landes. Doch seit dem 17. Oktober, dem Beginn der Proteste, sorgt Tripoli für positive Schlagzeilen.

Es ist vor allem ein 30 sekündiges Video, das der Welt zeigt, dass Tripoli anders ist als sein Ruf. In der dritten Nacht der regierungskritischen Massenproteste im Oktober verwandelte sich der An-Nour Platz, angefeuert von einem DJ vom Balkon einer Ruine aus, in einen Rave. Das Video geht viral. Tripoli wird zum Herzen der Revolution, ein Symbol für die Wut gegen die herrschende Politik der Hariri-Regierung, dessen Stammwähler für gewöhnlich die Tripolitaner sind.

Weihnachtsbaum auf dem Hauptplatz Sahat an-Nour in der nördlich gelegenen libanesischen Stadt Tripoli; Foto: Hanna Resch
Zeichen der friedlichen religiösen Koexistenz – jenseits politischer Grabenkämpfe: Ein Christbaum auf dem An-Nour Platz, neben dem großen, hell beleuchteten "Allah"-Schriftzug in der Mitte des Kreisverkehrs, das wäre letztes Jahr noch undenkbar gewesen. Doch die jüngsten Anti-Regierungsproteste im Libanon einen Menschen aller Glaubensrichtungen.

Der zumeist stark befahrene An-Nour Platz bleibt bis auf weiteres für den Verkehr gesperrt. Die umliegenden Gebäude wurden in den Farben der libanesischen Flagge angestrichen. Zugleich bewährt sich Tripoli in den letzten Wochen als die friedlichste Stadt der Proteste im Libanon. Und das, obwohl die Menschen nirgendwo anders im Libanon so stark unter der Regierung und der wirtschaftlichen Situation leiden wie hier. "Wir haben nichts zu verlieren. Wir haben keine Krankenhäuser, kein Geld, keine Jobs, keinen Staat", meint Abdel Rahman.

Wir sind alle Libanesen

"Jesus ist ein Prophet, er ist sehr wichtig für uns Muslime. Wenn du Muslim bist und nicht an Jesus glaubst, bist du kein Muslim. Wir lieben den Weihnachtsbaum", sagt Najah, eine junge Demonstrantin, bevor sie, Arm in Arm mit anderen Protestierenden ein Protestlied anstimmt: "Von wo kommst du?" - "Ich bin von hier", antworten ihre Mitstreiter. Und darum geht es den meisten bei den Protesten. Sie wollen sich nicht mehr in Schubladen stecken lassen.

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