Weibliche Imame in Deutschland

Der Ruf der Muezzinin

Sie leiten Gebete, geben Koranstunden und leisten viel im seelsorgerischen Bereich: Weibliche Imame sind derzeit sehr gefragt – ob in New York, Kairo oder Istanbul. Auch in Deutschland kommen diese Predigerinnen zum Einsatz – wenn auch in geringer Zahl. Ulrike Hummel informiert.

Professorin Amina Wadud leitet ein Freitagsgebet; Foto: AP
Gelebte Religiösität - in Staaten wie den USA, wo Amina Wadud bereits seit Jahren erfolgreich Freitagsgebete leitet, sind weibliche Imame inzwischen eine Selbstverständlichkeit.

​​Zwar ist die Leitung der Freitagsgebete vor Männern und Frauen in der islamischen Welt noch immer ein Tabu – dennoch will man die Arbeit der Predigerinnen seitens der Moscheegemeinden nicht missen.

Zeynep Cesen ist 50 Jahre alt und eine der ganz wenigen weiblichen Imame, die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, um speziell Frauen innerhalb der Gemeinden zu betreuen.

Eine von 13 in Deutschland

Als die muslimische Predigerin Amina Wadud im März 2005 ein Freitagsgebet vor weiblichen und männlichen Gläubigen in New York leitete, war die Empörung unter konservativen Muslimen im In- und Ausland damals groß. Eher unspektakulär verläuft hingegen der Einsatz von Predigerinnen in Deutschland und in der Türkei.

Zeynep Cesen ist eine von insgesamt 13 weiblichen Imamen, die derzeit in türkischen Moscheegemeinden in Deutschland beschäftigt sind. An der "Fakultät für Islamische Theologie" in Izmir hat sie ihr Studium absolviert und insgesamt 18 Jahre als Predigerin in der Türkei gearbeitet, bevor sie 1994 nach Deutschland gekommen ist.

Hier hat sie anfangs bis zu 51 Moscheegemeinden in Köln und Umgebung betreut. Inzwischen arbeitet sie ausschließlich für den Dachverband der "Türkisch-islamischen Union" (DITIB).

Hilfe bei der Integration

Auch wenn die Leitung der Freitagsgebete in den Gemeinden den männlichen Kollegen vorbehalten bleibt, ist das Aufgabenspektrum für Zeynep Cesen breit gefächert. Dabei hilft sie vor allem Frauen in Not: "Es sind im Allgemeinen junge Frauen, die aus der Türkei gekommen sind. Wir hören uns ihre Probleme an und versuchen Lösungen zu finden", sagt Zeynep Cesen.

Auch Jugendlichen wird geholfen. Beispielsweise, wenn Schülerinnen Probleme in der Schule haben, können sie ihre Sorgen mitteilen und werden dann an die Abteilung für Bildung und Kultur weitergeleitet.

Von Frau zu Frau

Als sie Anfang der 90er Jahre nach Deutschland kam, war ihre Stelle zunächst auf sechs Jahre begrenzt. Heute betreut Zeynep Cesen bis zu 100 Frauen am Tag. Neben den seelsorgerischen Aufgaben hat sie ihre eigene Form der Predigt entwickelt: "Nicht von der Kanzel herab", sondern in Gesprächskreisen mit verschiedenen Frauengruppen, gibt sie Antworten auf religiöse Fragen. Alltägliche Probleme werden dabei nicht ausgeklammert.

Durch ihren engen Kontakt zu Frauen jeden Alters erreicht Zeynep Cesen Kreise, die ein männlicher Imam in Deutschland nie erreichen würde – mit ein Grund dafür, dass die "Türkisch-islamische Union" weibliche Imame beschäftigt, betont DITIB-Sprecherin Ayse Aydin: "Religiöse Dienste oder menschliche Bedürfnisse kann man nicht immer voneinander trennen."

Das Ziel sei, die Bedürfnisse der Gemeinde zu bedienen. Dazu gehöre auch, bewusst an Frauen heranzutreten, ihre Fragen zu beantworten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich aufgehoben zu fühlen, erklärt Aydin.

Dialog mit Christen

Bei der Auswahl der Theologinnen für die DITIB-Gemeinden hilft die "Diyanet", das staatliche Amt für Religionsangelegenheiten in der Türkei. Seit 2002 gibt es eine intensivere Vorbereitung für weibliche und männliche Imame, die in Deutschland eingesetzt werden.

Mit Deutschkursen und Landeskundeunterricht am Goethe-Institut in Ankara werden sie auf ihre neue Tätigkeit vorbereitet. Schließlich sollen sie ihren Landsleuten bei der Integration in Deutschland helfen.

Zeynep Cesen sieht ihren Beitrag dazu im Dialog mit der Nachbarschaft: "Wir brauchen einander in guten wie in schlechten Zeiten, daher müssen wir einen guten Dialog mit unseren deutschen Freunden führen."

Sie müsse daher ein gutes Vorbild sein und die Gemeinde dahingehend inspirieren, so Cesen. Dazu gehöre zum Beispiel, dass sich Muslime und Christen gegenseitig ein frohes Fest wünschen, ob an Weihnachten oder am Ramadanfest, erklärt sie. Oder wenn Nachbarn krank werden, dann gehe man sie besuchen, sagt Zeynep Cesen.

Wichtige Stütze im Bildungsbereichung

Durch die intensive seelsorgerische Arbeit für die Frauen der Gemeinde erreicht Zeynep Cesen viele türkische Familien. Denen will sie mögliche Wege in die deutsche Gesellschaft aufzeigen. Frauen jeden Alters, in unterschiedlichen gesellschaftlichen und persönlichen Problemlagen wenden sich an sie.

Gegenüber einem männlichen Imam würden sich dagegen viele Frauen nicht öffnen: "Es gibt viele Sachen, die Frauen nur mit Frauen teilen wollen", sagt Cesen. Man brauche eine warme und freundschaftliche Atmosphäre, um einige Probleme und Themen teilen zu können.

Integrationsprobleme ihrer Landsleute sieht die Seelsorgerin vor allem bei den Jugendlichen in Schulen und in Ausbildungsstätten. Hier müsse dringend gehandelt werden, so Cesen.

Ihren Appell richtet sie dabei sowohl an türkische Geschäftsleute, als auch an deutsche Unternehmer, mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche zu schaffen. Zudem müsse viel mehr für türkischstämmige Frauen getan werden, damit die Integration besser gelingen kann, sagt Cesen.

Wenn Zeynep Cesen spricht, schenken ihr viele Menschen in der Gemeinde ein offenes Ohr – auch Nicht-Muslime und Deutsche. "Sie wird auch von außerhalb konsultiert", sagt Ayse Aydin. "Wir sind schon stolz auf die Arbeit, die unsere Imamin hier leistet."

Bisher gibt es noch sehr wenige weibliche Imame. Das hat auch damit zu tun, dass es in Deutschland derzeit keine theologische Ausbildung für Imame gibt. Die "Türkisch-islamische Union" hätte gern Theologen, die in Deutschland ausgebildet werden und die vor allem auch gut Deutsch sprechen können.

Ob die "Türkisch-islamische Union" die Anzahl von derzeit 13 Predigerinnen für ganz Deutschland erhöhen wird, ist unklar. Viele türkische Moscheen in Deutschland hätten gern eine Predigerin. Eine Maßnahme, die zumindest Zeynep Cesen und ihre Kolleginnen entlasten würde.

Ulrike Hummel

© DEUTSCHE WELLE 2008

Qantara.de

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