Arabische Fans feiern vor dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Doha. "Wir sind als Araberinnen stolz darauf, dass Katar das größte Sportereignis der Welt auf Weltniveau ausrichtet. Die Atmosphäre hier ist super", sagt Rajaa, die nur ihren Vornamen nennen will. 

Was die WM in Katar für die arabische Welt bedeutet 
"Es ist unsere Weltmeisterschaft“ 

In Doha kommen Araber aus Marokko, Tunesien, Ägypten und Algerien zusammen - und feiern die erste WM auf arabischem Boden. Die Kritik aus Europa? Halten sie für überzogen. Aus Doha informiert Dunja Ramadan. 

Die Ägypter sitzen im kleinen Café in der Mitte des Souk Waqif in Doha, des auf alt gemachten Marktplatzes. Es hat auch abends noch dreißig Grad hier, die Männer trinken ihren Karak, den Schwarztee, unter freiem Himmel, er duftet nach Kardamom, die Stimmung ist ausgelassen. Woran man die Ägypter erkennt? Ein Pharaonen-Kopfschmuck wird weitergereicht, an den in der Runde, der gerade etwas zu sagen hat.

"Ägypten ist zwar nicht dabei, aber deshalb bin ich hier, um die anderen arabischen Nationen anzufeuern", sagt der 65-jährige Ahmed Hussein, der am Dienstag aus Kairo hergeflogen ist. 

Marokko, Tunesien, Katar und Saudi-Arabien haben es in die WM geschafft, und eins dieser Länder soll den WM-Titel holen, wenn es nach den arabischen Fans hier geht. "Katar hat viele Kompromisse gemacht: Alkohol ist erlaubt, Unverheiratete können in Hotels übernachten, und auch Schwule sind herzlich willkommen. Was will man mehr?", fragt Hussein, der schon 2018 in Russland mit dabei war.

Dann zieht jemand an seinem Pharaonen-Kopfschmuck, Mohammed Sabri will auch was loswerden: "Katar ist hundertprozentig auf diese WM vorbereitet. Die erste WM auf arabischem Boden, wir freuen uns sehr mit Katar, wir sind alle Brüder", sagt der 48-jährige Ägypter, der seit 15 Jahren in Katar lebt. 

Arabische Fans in Doha vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2022; Foto: Dunja Ramadan
Arabische Fans in Doha freuen sich auf die WM: Und die Kritik aus Europa, die Rechte der Gastarbeiter, die Aussagen zur Homosexualität? "En général haben die Europäer immer was an uns Arabern auszusetzen. Es fällt ihnen schwer, den Fortschritt bei uns zu sehen,“ sagt Rajaa, eine Marokkanerin aus Casablanca, die in der Finanzbranche arbeitet und zur WM nach Doha gekommen ist. "Das, was Katar auf die Beine gestellt hat, ist Weltklasseniveau, aber die Europäer wollen uns immer klein halten."

Ein paar in der Runde müssen grinsen bei dieser Lobesrede. Noch vor wenigen Jahren war Katar bei Ägyptern alles andere als beliebt. Ägypten verhängte 2017 gemeinsam mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain eine Wirtschaftsblockade gegen das Emirat. Man warf Doha eine zu große Nähe zu den Muslimbrüdern, zur Türkei und zu Iran vor. Sowieso zog man oft über die Golfaraber her, viel Geld, aber keine Geschichte, wie Ägypter, Iraker oder Syrer gern sagen. 

"Die Atmosphäre hier ist super" 

Ein paar Meter weiter schlendern die 24-jährige Rajaa und die 25-jährige Amina durch die Gassen. Die beiden Marokkanerinnen aus Casablanca arbeiten in der Finanzbranche und sind zum ersten Mal in Doha, drei Wochen lang. "Wir sind als Araberinnen stolz darauf, dass Katar das größte Sportereignis der Welt auf Weltniveau ausrichtet. Die Atmosphäre hier ist super", sagt Rajaa, die nur ihren Vornamen nennen will. 

Und die Kritik aus Europa, die Rechte der Gastarbeiter, die Aussagen zur Homosexualität? Rajaa wechselt vom Arabischen ins Französische: "En général haben die Europäer immer was an uns Arabern auszusetzen. Es fällt ihnen schwer, den Fortschritt bei uns zu sehen. Das, was Katar auf die Beine gestellt hat, ist Weltklasseniveau, aber die Europäer wollen uns immer klein halten." Beide Frauen waren schon mal in Frankreich und wollen lieber über den Rassismus gegen Araber sprechen. 

Auch Samah aus Tunesien, die seit 14 Jahren in Doha lebt, hält nicht viel von der Kritik an Katar. Die Sportlehrerin trägt einen roten Fes und knabbert an einem Chapati. "Die Westler sollten herkommen und sich ein eigenes Bild machen, statt an ihren Klischees festzuhalten."

Ihre Freunde Slouma und Safwan pflichten ihr bei: "Endlich kommen wir Araber mal zusammen und können feiern. Wir haben genug Probleme, das weiß Gott am besten, also gönnt uns mal ein paar schöne Tage", sagt Slouma, der als Security-Mann in Doha arbeitet und bei seinen Worten feuchte Augen bekommt, sodass Safwan, der in einem Gym arbeitet, übernimmt: "Endlich können wir unser wahres Gesicht zeigen: Das wird die beste WM, die es je gegeben hat."

Dann zitiert Samah ein arabisches Sprichwort: "Sie kritisierten die Rose, sie sagten, ihre Wange wäre zu rot." Im Deutschen würde man sagen: Die finden in jeder Suppe ein Haar.

Eröffnungsfeierlichkeiten zur WM 2022; Foto: Ken Satomi/Yomiuri Shimbun/picture-alliance
Eine Eröffnung der Superlative: In den Cafés von Erbil bis Istanbul, von Gaza bis Algier haben Menschen aus der ganzen arabischen Welt die Eröffnungsfeierlichkeiten zur Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar an den TV-Bildschirmen verfolgt.

Aber, come on, Katar als Rose? Mohamed Elhendawy lebt seit acht Jahren in Doha und sieht die Lobeshymnen von der pragmatischen Seite: "Die Menschen hier freuen sich vor allem, dass endlich mal Leben in dieser Geisterstadt herrscht." Der Ägypter zeigt auf die vollen Gassen, auf singende und tanzende Fans, das bunte Flaggenmeer. "Das gab's vorher einfach nicht, hier war tote Hose. Dieses fehlende Lebensgefühl hat auf die Seele gedrückt", sagt der 31-Jährige, der das Gespräch mehrmals unterbrechen muss, um Bekannte zu begrüßen. 

"Die WM ist für dieses Land ein historisches Ereignis" 

Und dann all die Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, der reine Wahnsinn, findet Elhendawy. Wie er das meint? "Doha war eine Autostadt, heute springen viele Menschen in den Bus, nehmen die Metro oder gehen einfach spazieren. Das ist ein ganz anderes Lebensgefühl", sagt der Bankangestellte.

Die Debatte darüber, ob Doha so viel Infrastruktur überhaupt braucht, findet er schwierig. "Jede moderne Stadt hat eine U-Bahn, ob Doha das braucht, entscheiden immer noch die Menschen hier." Die meisten Katarer, so Elhendawy, sehen die Fußballweltmeisterschaft als Investition in die Zukunft ihres Landes. 

Er selbst erhofft sich von dem Sportereignis eine Umwälzung. "Die WM ist für dieses Land ein historisches Ereignis wie für andere Länder eine Revolution. Man könnte auch sagen: ein zivilisatorischer Schock", sagt Elhendawy.

Weltoffener, toleranter und lebensfroher solle Katar durch die WM werden, allerdings stünden viele, vor allem ältere Katarer der neuen Atmosphäre skeptisch gegenüber. Während die Tunesier und Marokkaner arabische Volkslieder singen, sich rote Perücken aufsetzen und mit den Hüften wackeln, einige Frauen sogar in kurzen Röcken vorbeischlendern, schauen sie nur kurz von ihren Smartphones auf.

Die Polizisten stehen derweil vor ihrer Wache im Herzen des Souk. Als die Stimmung zu kippen droht, eilen sie sofort mit ernsten Mienen herbei. Ein Streit unter Tunesiern, eine kleine Traube hat sich gebildet. Jetzt bloß kein Drama, so kurz vor der WM. Man will positive Bilder in die Welt schicken. Die Polizisten bitten die Streithähne auf die Seite, ganz brüderlich, versteht sich. 

Dunja Ramadan 

© Süddeutsche Zeitung 2022 

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