Eingesperrt im eigenen Land

Im vergangenen Frühjahr waren die meisten seiner Freunde festgenommen worden, weil sie demonstriert hatten. Karim fühlte sich damals besonders hilflos. "Um mich frei auszudrücken, blieb mir nur noch Facebook", sagt er. Doch auch die sozialen Medien werden überwacht. Und während unter Husni Mubarak allein der verhasste Polizeiapparat Jagd auf vermeintliche Gegner des Regimes machte, mischt heute auch die Armee im großen Stil mit. In eineinhalb Jahren wurden laut "Human Rights Watch" mehr als 7.000 Zivilisten vor ein Militärgericht gestellt. Karim sagt: "Ich fühle mich, als würde ich ersticken. Ich bin eingesperrt in meinem eigenen Land."

Auch die wirtschaftliche Lage nimmt sich düster aus: Die Einnahmen aus dem Suezkanal schrumpfen trotz des Ausbaus, Touristen bleiben spätestens seit dem Absturz eines russischen Urlaubsfliegers aus, der ägyptische Pfund verliert weiter an Wert, die Steuern steigen und fast jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. "Es wird wieder eine Revolution geben – aber diesmal wird der Hunger die Menschen auf die Straßen treiben", ist sich Karim sicher.

Der britische Nahost-Korrespondent Tim Marshall sieht derzeit die zweite Phase der arabischen Erhebungen im Gange: "Es handelt sich hierbei um einen komplexen internen Kampf innerhalb der Gesellschaft, bei dem Religion, gesellschaftlicher Sittenkodex, Stammesverbindungen und Gewehre weit mächtigere Kräfte sein werden als 'westliche' Ideale wie Gleichheit, Meinungsfreiheit und allgemeines Wahlrecht", schreibt er in seinem Buch "Die Macht der Geographie". Die Liberalen hätten in diesem Kampf wohl keine Chance: "Wenn man Hunger und Angst hat und man sich zwischen Brot und Sicherheit und dem Konzept Demokratie entscheiden soll, fällt die Wahl nicht schwer."

Proteste gegen die Übergabe von zwei Inseln an Saudi-Arabien; Foto: Reuters/A. Dalsh
Widerstand gegen nationalen Ausverkauf: Die Proteste am 25. April 2016 hatten sich an der Abtretung der beiden strategisch wichtigen Inseln Tiran und Sanafir an Saudi-Arabien entzündet. Sie wendeten sich dann aber auch gegen Präsident Abdel Fattah al-Sisi und seine Politik der harten Hand. Es waren die größten Proteste gegen die ägyptische Regierung seit rund zwei Jahren. Aufgerufen dazu hatten laizistische und linksgerichtete Gruppen.

Ägyptens Salafisten - die zweite Macht im Staat

Während die Humanisten verlieren, profitieren die Islamisten, die dort tatkräftig auftreten, wo der Staat versagt. In Ägypten wurde die nach der Macht strebende Muslimbruderschaft von der Sisi-Regierung längst verboten, doch duldet sie die Salafisten, die in Ägypten traditionell unpolitisch sind. Denn sie leben nach der Regel, dass man dem Führer eines Landes folgen muss, wenn er Muslim ist und dem Islam nicht schadet. So verteilen Salafisten in Ägypten vor allem Essen, ermahnen die Menschen zu einem gottesfürchtigen Leben und versprechen das ewige Glück im Paradies. Sie sind heute neben dem Militär die einzige gut organisierte Gruppe – die zweite Macht im Staat.

Ähnlich sieht es auch in anderen Ländern der Region aus. Doch was die Vergessenen der arabischen Welt weitermachen lässt, sind die kleinen Siege, die es manchmal doch noch gibt, wie ein Beispiel aus Ägypten zeigt: Als der Präsident im vergangenen April Saudi-Arabien zwei Inseln im Roten Meer versprach, gingen zum ersten Mal seit langem wieder Menschen auf die Straße. Jedoch griffen Militär und Polizei auch hier hart durch, lösten die Proteste schon nach wenigen Minuten auf.

Ein Gericht verurteilte später 47 Demonstranten zu Geldstrafen von je 100.000 ägyptischen Pfund (umgerechnet gut 10.000 Euro). Insgesamt mussten die jungen Aktivisten somit fast eine halbe Million Euro aufbringen. Die Wut vieler Ägypter war damals aber so groß, dass die Gruppe ungeahnte Unterstützung bekam. "Unser Land ist das einzige, was wir noch haben. Und die Armee, die immer versprochen hat, unser Land zu schützen, gibt es jetzt billig her", fasst Karim die Stimmungslage zusammen.

Als die Aktivisten über Facebook und per Mundpropaganda einen Spendenaufruf starteten, war die Resonanz verblüffend. "Sehr viele Menschen kamen und spendeten was sie konnten. Oft waren es nur kleine Summen, häufig mühsam erspartes Geld", sagt Karim. Doch schon nach zehn Tagen war das Spendenziel erreicht. "Der Geist der Revolution war für kurze Zeit wieder da."

Mey Dudin

© Qantara.de 2016

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