Wandel in Pakistans Wirtschaftsmetropole
Flucht unter den Schleier

In Karatschi verhüllen sich immer mehr Frauen aus der Oberschicht. Sie folgen einer islamischen Predigerin, die einen rückwärts gewandten Islam vertritt. Ihre Stiftung Al-Huda ist auch in Großbritannien und den USA vertreten. Von Manuela Kessler

Cover einer CD der Al-Huda-Stiftung über das islamische Gebet
Cover einer CD der Al-Huda-Stiftung über das islamische Gebet

​​Es ist ein Zeichen der Offenheit, und es prägt Karatschi seit langem: Die meisten Frauen tragen einen Shalwar Kamez, eine lange Tunika über weiter Hose, der viel körperbetonter geschnitten ist als selbst in Indien. Die Damen der besseren Gesellschaft stellen ihre Figur auf Partys sogar in ärmellosen Blusen und hautengen Hosen zur Schau.

Die Bewohner der pakistanischen Wirtschaftsmetropole sind stolz, dass sich ihr Lebensstil von dem ihrer Landsleute unterscheidet. Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah wird in seiner Geburtsstadt nicht zuletzt deshalb verehrt, weil er ein modernes Land schaffen wollte für die Muslime des Subkontinents.

Dem Politiker, der zu Lebzeiten "der große Ungläubige" genannt wurde, weil er Whisky trank und Schweinefleisch aß, war ein Gottesstaat ein Gräuel.

Seitdem Militärdiktator Zia ul-Haq, der Pakistan von 1977 bis 1988 regierte, dem Volk eine Islamisierung verordnete, gibt es zwar auch in Karatschi keinen Alkohol mehr, weder Casinos, Bars noch Billardsalons. Lebenslust und Gastfreundschaft aber sind geblieben.

Die 14-Millionen-Stadt schläft nie; Einladungen beginnen um 21 Uhr und enden weit nach Mitternacht. Und wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder zum Studium in den Westen, Jungen wie Mädchen.

Stiftung zur Verbreitung islamischer Moral

Doch nun ist ein gegenteiliger Trend zu beobachten: Gebildete Frauen aus bestem Haus, die üblicherweise emanzipiert sind und in Opposition zu den Islamisten stehen, legen sich in Scharen freiwillig das Kopftuch oder sogar die alles verhüllende Burka an. Verantwortlich dafür ist die Predigerin Farhat Hashmi.

Hunderte Frauen hängen an den Lippen der in Glasgow ausgebildeten Akademikerin, wenn sie in einem Fünf-Sterne-Hotel zu ihren Koran-Unterweisungen ansetzt. Die selbst ernannte Geistliche ist ein Star. Ihre 1994 gegründete Stiftung Al-Huda, die sich der Verbreitung "rein islamischer Moral und Gesinnung" verschrieben hat, ist bereits in acht Ländern vertreten, auch in den USA und Großbritannien.

Aber nirgendwo ist Farhat Hashmi derart erfolgreich, wie in Karatschi. Die Organisation hat ihren Sitz gerade erst in eine herrschaftliche Villa verlegt, die von der Familie eines Mitglieds gespendet worden war.

"Madam", wie ihre Anhängerinnen Farhat Hashmi nennen, vermittelt den Islam auf moderne Art. Sie bringt den Frauen ihre Interpretation des Glaubens auf Englisch und mit Hilfe von Powerpoint-Präsentationen nahe. Ihre Stiftung gibt CDs mit dem Koran samt religiöser Anleitungen in Übersetzungen heraus, welche die Anhängerinnen verstehen - anders als die arabischen Originale.

Das Ziel sei eine ganz persönliche, spirituelle Erfahrung, sagt Farhat Hashmi. "Der Wandel", so predigt sie, "beginnt bei uns selber." Sie motiviert ihre Anhängerinnen, die über reichlich Geld und Zeit verfügen, aber nicht ernsthaft zu gesellschaftlichem Engagement.

Kritiker in Pakistan sehen in Al-Huda daher eine Rebellion gegen das wilde Partyleben, andere tun die Gruppe gar als New-Age-Phänomen ab.

Rückwärts gewandter Islam

Dass Farhat Hashmi in jenen Gesellschaftskreisen, die in Karatschi den Ton angeben, auf solch großes Echo trifft, führt sie darauf zurück, dass es in Pakistan an Alternativen fehle: "Die Erwartungen des muslimischen Volkes wurden in den 58 Jahren seit der Unabhängigkeit enttäuscht", sagt sie. "Viele Leute fühlen sich verraten und verzweifelt. Nicht einmal die islamistischen Parteien sprechen die Ängste der Bevölkerung ehrlich an. Die Leute hungern regelrecht nach spiritueller Führung."

Doch dass gebildete Pakistanerinnen in ihrer Orientierungslosigkeit unter die Burka flüchten, wertet der bekannte Journalist Kamal Siddiqi von der englischsprachigen Zeitung The News als beängstigend.

Farhat Hashmi dagegen hält es für den einzig richtigen Weg. Sie fordert ihre Anhängerinnen auf, "sich vor bösen Augen zu schützen und all ihre Schönheit gemäß der islamischen Lehren zu bedecken."

Al-Huda, was übersetzt Führung bedeutet, steht nach Ansicht unabhängiger Beobachter für einen rückwärts gerichteten Islam, auch wenn er in modernen Unterrichtsmethoden daherkomme und Anfeindungen fundamentalistischer Prediger ausgesetzt sei, die ein männliches Monopol auf die Koraninterpretation beanspruchten.

Farhat Hashmi stellt ihnen nicht etwa eine weibliche Auslegung entgegen. Sie fordert ihre Anhängerinnen sogar auf, ihre Männer ein zweites Mal heiraten zu lassen, "damit auch andere Schwestern profitieren können".

Manuela Kessler

© Süddeutsche Zeitung 2005

Qantara.de

Pakistan
Kampf zweier mutiger Schwestern
Die beiden Schwestern Asma Jahangir und Hina Jilani setzen sich seit 25 Jahren für die Einhaltung von Menschenrechten, insbesondere der Rechte der Frauen, in Pakistan ein. Ihre Anwaltskanzlei in Lahore ist heute eine der bekanntesten im Land. Bernard Imhasly informiert

Literatur in Pakistan
Aufbruch und Stagnation zugleich
In den Augen pakistanischer Schriftsteller reflektiert ihre Literatur die gesellschaftliche Transition des Landes – politische Entfremdung des Individuums, Verlust von Tradition und der beginnende Zusammenbruch des Familiensystems. Claudia Kramatschek berichtet

Briefwechsel
Charlotte Wiedemann, freie Autorin aus Berlin, lernte in Pakistan die Philosophie-Professorin Ghazala Irfan kennen. Auf Bitten von Qantara.de sind die beiden in einen Briefwechsel getreten.

www

Website der Stiftung Al-Huda (engl.)

Verwandte Themen