Differenzierung zwischen arabischer Kultur und Islam

Zwischen den 1950er und 1970er Jahren war das intellektuelle Umfeld des Nahen Ostens vom Säkularismus dominiert. Endlich beteiligten sich die Araber, insbesondere diejenigen aus der Levante, an einem globalen Diskurs, der die menschliche Identität von der religiösen Zugehörigkeit unterschied.

Nach dem 11. September 2001, als der damalige US-Präsident Bush den sogenannten "Krieg gegen den Terror" ausrief, wurde es allerdings fast unmöglich, die arabische Identität vom Islam zu trennen. Eine Mitschuld hieran tragen gewiss auch westliche Journalisten und Politiker, die kaum zwischen diesen beiden Identitäten differenzieren. Meist wurden sie von ihnen über einen Kamm geschoren. Entweder weigerten sich die politischen Hardliner schlichtweg, die (nicht-)religiöse Vielfalt der Araber anzuerkennen, oder, schlimmer noch, sie verfolgten das politische Ziel, die arabische Bevölkerung zu verteufeln, um den Nahen Osten oder Nordafrika militärisch angreifen zu können.

Verantwortlich für das Problem ist aber auch die Neigung der Gesellschaft, bereitwillig überkommene Klischees zu bedienen und komplexe Sachverhalte stark zu vereinfachen. Arabische und muslimische Identitäten wurden insbesondere in Konfliktlagen durch die westliche Berichterstattung in den Massenmedien zumeist verwässert und unauflöslich miteinander verschmolzen. So ist es heute für Araber wie mich, die keiner Religion anhängen, kaum mehr möglich, eine eigene, unabhängige Identität zu entwickeln bzw. diese zu behaupten.

Die Unausweichlichkeit der Religion

Diejenigen, die sich als Araber betrachten, sind mit der Religion und speziell mit dem Islam unausweichlich in Kontakt gekommen. Das erste Mal, dass ich dies erkennen musste, war im Jahr 2011, als ich 16 Jahre alt war und mein Vater plötzlich starb. Er war irakischer Schiit, aber nur auf dem Papier. Er widersetzte sich den monotheistischen Dogmen und interessierte sich stattdessen vielmehr für die Lehren östlicher Philosophen wie Konfuzius und Lao Tse.

Aber weil er das Unglück hatte, im Nahen Osten zu sterben, waren die Umstände seines Begräbnisses laut islamischer Rechtsprechung eben nicht verhandelbar. Er konnte nur im Rahmen der Religion begraben werden, die ihm von Staats wegen zugeschrieben war. Dies bedeutete, dass er innerhalb von 24 Stunden nach seinem Tod unter die Erde musste – was für mich, meine Mutter und meine zwei Schwestern, die wir damals nicht im Libanon lebten, ein Schlag ins Gesicht bedeutete. Als seien die Umstände seines plötzlichen Todes nicht aufwühlend genug gewesen, mussten wir uns nun mit einem winzigen Zeitfenster zufrieden geben – in dem wir in einen anderen Kontinent reisen, unsere Trauer bewältigen und Abschied nehmen mussten.

Als Familie bestehend aus vier Frauen (mein Vater war der einzige Mann) war es uns verboten, an der Beerdigung teilzunehmen. Stattdessen mussten wir seinen Tod während der drei Tage dauernden sogenannten Aza beweinen. Diese Tradition reicht bis in die vorislamische Zeit zurück, die von Muslimen als Jahiliyah oder die Zeit der Unwissenheit bezeichnet wird. Seit damals gehört es sich für trauernde Frauen, während der Prozession und der anschließenden Beerdigung Klagelieder anzustimmen.

Darüber, dass meiner Familie, deren Mitglieder nie praktizierende Muslime waren, religiöse Konventionen aufgezwungen wurden, war ich sehr wütend. Und noch heute bin ich empört darüber, dass mir  ein richtiger Abschied von meinem Vater verweigert wurde – nur aufgrund grotesker Vorschriften einer Religion, der weder ich noch die anderen Angehörigen meiner Familie angehören.

Jenseits von "Framing" und Kulturkampf

Gegenwärtig erlebe ich, dass meine Erfahrung als Araberin von vielen Menschen auf ein paar religiöse Dogmen reduziert wird. Dass ich diese strikt ablehne, hat sicher auch persönliche Gründe. Doch Fakt ist, dass sich meine progressiven Kollegen in ihrer Ignoranz genauso verhalten wie die politische Rechte – deren Absicht es ist, einen Kulturkampf zu führen, der gegen arabische und muslimische Gemeinschaften inner- oder außerhalb der Vereinigten Staaten gerichtet ist.

Ich möchte meine amerikanischen Kollegen deshalb dazu einladen, gemeinsam mit mir zu versuchen, sich arabische Menschen jenseits des islamischen oder religiösen Deutungsrahmens vorzustellen. So können wir die stark vereinfachenden Wahrnehmungsmuster beseitigen, die dazu beigetragen haben, die arabische und muslimische Bevölkerung in Misskredit zu bringen und zu verleumden. Zwar wurden die Araber bereits in der Zeit vor der Trump-Regierung angefeindet, aber nach der Wahl von 2016 ist das gesellschaftspolitische Klima noch viel niederträchtiger geworden. Und deshalb steht heute wohl mehr auf dem Spiel als jemals zuvor.

Myra Al-Rahim

© Raseef22

Myra Al-Rahim lebt in New York und ist Schriftstellerin, Aktivistin und Radioproduzentin.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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