Vorgehen gegen Schiiten in Marokko
Die Angst vor dem Verlust der Legitimität

Damit hatte wohl niemand gerechnet, dass das Königreich Marokko Anfang März den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Islamischen Republik Iran verkündete. Über die Hintergründe informiert Alfred Hackensberger aus Rabat.

König Mohammad VI. von Marokko; Foto: AP
Gemeinsamer politischer Schulterschluss mit der Führung in Bahrain gegen Teheran: König Mohammad VI. von Marokko

​​ In Teheran hatte Ali Akbar Nateq-Nouri, ehemaliger Parlamentssprecher und heutiger Berater von Ayatollah Khamenei, in einer Rede zum 30-jährigen Jubiläum der Islamischen Revolution darauf hingewiesen, dass der Golfstaat Bahrain bis 1970 "die 14. Provinz des Iran" gewesen sei.

Es sei die Schuld des damals herrschenden Schahs Reza Pahlavi gewesen, der die regionalen Ansprüche Irans einfach aufgegeben habe.

Obwohl Ali Akbar Nateq-Nouri kurz darauf betonte, nur von historischen Fakten gesprochen und keineswegs die Souveränität oder die Unabhängigkeit Bahrains infrage gestellt zu haben, war die Entrüstung groß.

König Abdullah von Jordanien und der ägyptische Präsident Hosni Mubarak statteten Solidaritätsbesuche beim Regenten Al-Khalifa in Manama ab. Saudi-Arabien bezeichnete die Erklärungen Irans als "feindlich und unverantwortlich".

Marokkos König Mohammed VI. sprach in einen Brief an die Führung in Bahrain von einem "verachtenswerten" Statement und beteuerte, das Land gegen die "Drohungen" aus Teheran zu unterstützen. Wenig später wurde der diplomatische Vertreter Marokkos aus Teheran abgezogen und der iranische Botschafter aus der Hauptstadt Rabat heimgeschickt.

Furcht vor "schiitischem Aktivismus"

Allerdings war die "Bahrain-Affäre" nur ein Vorwand. Der marokkanische Außenminister Taleb Fassi-Fihri erklärte, dass seine Behörden "schiitischen Aktivismus" festgestellt hätten, insbesondere die diplomatischen Vertretungen in Rabat, die sich angeblich gegen die "fundamentalen religiösen Werte Marokkos" richteten und den "sunnitischen Maliki-Glauben" bedrohten.

Auch Innenminister Chakib Benmoussa bestätigte diese Ansicht: Iraner missionierten seit 2004 im Königreich über kulturelle Zentren und durch die Verbreitung von Publikationen. Ein weiteres Indiz: Viele junge Marokkaner studierten im Iran – alles auf Staatskosten der Islamischen Republik. Auf die Warnrufe der Politik ließen Marokkos Behörden kürzlich Taten folgen.

Nach Informationen der arabischen Zeitung "Al-Jarida Al-Aoula" wurden in der nordmarokkanischen Hafenstadt Tanger, im südlichen Essaouira und in Ouyazze, 120 Kilometer nördlich von Rabat, Dutzende Menschen verhaftet, die mit dem schiitischen Islam sympathisierten. Bücher und Zeitschriften, die meisten im Libanon produziert, sollen beschlagnahmt worden sein.

Außerdem schloss man die "Irakische Bagdad Schule". Offizielle Begründung: Das Erziehungssystem richte sich gegen die Bestimmungen von Privatschulen. Diese Entscheidung basierte auf der Beschwerde eines Irakers gegen die Direktorin der Schule, die drei Kinder aus "konfessionellen Gründen" ausgeschlossen und "bestimmte religiöse Praktiken propagiert hatte".

Paranoia vor schiitischer Weltrevolution

Montage Scheich Qaradawi neben Al Jazeera Logo; Foto: DW/dpa
Kassandra-Rufe vor schiitisch-iranischer Missionierung und Dominanz in den sunnitisch-arabischen Welt: TV-Prediger Yusuf Al-Qaradawi

​​ Auf den ersten Blick decken sich die Vorkommnisse nur zu gut mit den Aussagen Scheich Yusuf Al-Qaradawis, der bereits 2008 vor der schiitischen Weltrevolution durch den Iran gewarnt hatte. Der von "Al-Jazeera" und dessen Sendung "Scharia und Leben" bekannte ägyptische Islam-Gelehrte will in den vergangenen beiden Jahre beobachtet haben, dass die sunnitischen Gesellschaften angeblich von einer organisierten schiitischen Missionarsarbeit heimgesucht werden.

In Ägypten habe es, so der politisch höchst umstrittene Geistliche, noch vor 20 Jahren keinen einzigen Schiiten gegeben, doch diese hätten es inzwischen geschafft, das ganze Land zu infiltrieren. "Sie haben Leute, die in der Presse schreiben, Bücher publizieren und sie haben ein Publikum", orakelte der Scheich. Das Gleiche sei im Sudan, in Tunesien, Algerien, Marokko und auch in nicht-arabischen Ländern wie Malaysia, Indonesien, Nigeria und dem Senegal der Fall.

Reaktionen der Medien

Völliges Unverständnis zeigte dagegen die unabhängige marokkanische Presse für das Vorgehen ihrer Regierung. "Wie wir unsere diplomatischen Beziehungen ohne ernsthaften Grund abgebrochen haben, beweist, wie weit uns strategisches Denken fehlt", schrieb etwa Ahmed R. Benchemsi, Herausgeber der marokkanischen Wochenzeitung "Telquel".

Abdellah Rami, Islam-Experte am "Zentrum für Soziale Studien" in Rabat, hält die schiitische Präsenz für gewaltig übertrieben. "Es gibt einige Gruppen in den großen Städten, vor allen in Tanger und Meknes, aber es handelt sich dabei in keinem Fall um eine strukturierte, organisierte Bewegung", meint Rami.

Ganz anders sieht das hingegen der Universitätsprofessor und Islamismus-Experte Mohamed Darif. Das Image des Staates stehe auf dem Spiel, so Darif: "Die Behörden versuchen zu demonstrieren, dass sie immer noch für die religiösen und moralischen Werte garantieren." Doch alleine mittels einer Machtdemonstration des Staates könne die Legitimität auf Dauer nicht aufrechterhalten werden.

Islamistische Horrorszenarien

Zerschossenes Wandbild des früheren Hisbollah-Führers Abbas Mussawi im Libanon; Foto: AP
Unter Verdacht: Einige der vermeintlichen Terroristen der Anschläge in Marokko sollen in Ausbildungslagern der schiitischen Hisbollah im Libanon trainiert worden sein.

​​ Im Februar 2008 wurde in Marokko das so genannte "Belliraj"-Terrornetzwerk enttarnt, wobei insgesamt 35 Verdächtige verhaftet wurden.

Ihnen wurde vorgeworfen, die Anschläge geplant zu haben, darunter auch der Korrespondent des Hisbollah-TV-Senders "Al-Manar" aus dem Libanon sowie ein Mitglied der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), die im marokkanischen Parlament vertreten ist. Einige der vermeintlichen Terroristen sollen in Ausbildungslagern der schiitischen Hisbollah im Libanon trainiert worden sein.

Ob sich die Vorwürfe bestätigen oder nicht, das Ganze gleicht einem nebulösen Horrorszenarium für Marokko und dürfte wohl einer der Haupthintergründe sein, der schließlich zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Iran geführt hat:

Sunnitische Gruppierungen paktierten mit militanten schiitischen Organisationen, erhielten finanzielle Hilfe, militärische Ausrüstung und Training, um im eigenen Land die Monarchie zu stürzen, so die Anschuldigung.

In Zukunft will man jede kulturelle Aktivität, jede Publikation, jede Organisation unter Kontrolle haben, die ein derartiges unheiliges Bündnis propagieren.

Sunnitische Einheitsfront

Marokkos Politiker stehen mit ihren Befürchtungen nicht alleine da. Im November 2008 trafen sich Vertreter Saudi-Arabiens, der Vereinigten Emirate, Jordaniens, Ägyptens und Marokkos in Sharm el-Sheikh, um über die Bedrohung durch den Iran zu sprechen.

Alle Staaten haben die gleichen moralischen Legitimationsprobleme: Sie sind keine demokratischen Staaten, auch würde man sie nicht als ideale islamische Gesellschaften betrachten. Sie stehen politisch auf Seiten der USA und tun wenig, wenn es etwa um die Durchsetzungen von zivilen Grundrechten oder um den Schutz der Palästinenser geht.

Während des letzten Gazakriegs richteten sich die anti-israelische Demonstrationen in den islamischen Staaten auch gegen die eigenen Regierungen, die nichts für die Öffnung der Grenzen im Gazastreifen taten – ein Nährboden für radikal-islamistische Gruppen, von denen viele verboten sind und gerne Hilfe aus dem Ausland annehmen.

"Wir sind immer noch erstaunt über die marokkanische Reaktion", erklärte der ausgewiesene iranische Botschafter Wahid Ahmadi.

Dabei sollte es ihn eigentlich nicht verwundern, dass Marokko und andere sunnitisch-arabische Staaten Angst vor dem Export der iranischen Revolutionsideale haben. Denn gerade Mahmoud Ahmadinedschad hatte die Staatsoberhäupter Jordaniens, Saudi-Arabiens, Ägyptens oder auch Marokkos in der Vergangenheit immer wieder öffentlich düpiert.

Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2009

Qantara.de

Schiiten in Saudi-Arabien
Aufstand der Ausgegrenzten
Nach Ansicht der saudischen Politologin Mai Yamani ist die Unterdrückung der Schiiten Teil der Strategie Saudi-Arabiens, die Ansprüche des Irans auf eine regionale Vorherrschaft zu parieren.

Islamistische Parteien im Maghreb
Zähmung durch politische Einbindung
In Algerien und Marokko können sich islamistische Parteien seit mehreren Jahren am politischen Prozess beteiligen. Sie sind dadurch pragmatischer und kompromissbereiter geworden. Umgekehrt hat die Nulltoleranz-Strategie gegenüber Islamisten in Tunesien den autoritären Charakter des Staats in erheblichem Ausmaß verstärkt. Von Isabelle Werenfels

Interview Nadia Yassine:
"Die Gesellschaft zur Zeit des Propheten kommt meinen Vorstellungen sehr nahe"
Nadia Yassine ist die Sprecherin von "Gerechtigkeit und Spiritualität" ("al-Adl wa-l-Ihsan"), einer marokkanischen islamistischen Gruppierung, der politisches Engagement verboten ist, die aber unzählige soziale Projekte unterhält. Alfred Hackensberger besuchte sie in Casablanca.

Verwandte Themen