Doch trotz alledem gab es – und gibt es bis heute – jenseits dieses verzerrten und verworrenen Narrativs aus Konfrontation und gegenseitiger Feindschaft einen riesigen und weitgehend unerschlossenen Bereich gegenseitiger Zusammenarbeit, kultureller Harmonie und Symbiose, die den Islam mit der westlichen Gesellschaft verbindet.

Verbindendes zwischen islamischer und westlicher Welt

Die islamische Zivilisation hat sich keineswegs, separat von anderen Teilen der Welt, ausschließlich in der arabischen Welt entwickelt. Viele der gefeierten islamischen Denker und Philosophen des Mittelalters – also einer Zeit, in der die islamische Zivilisation ihren Höhepunkt erreichte – waren keine Araber, und einige von ihnen waren von den antiken griechischen Philosophen beeinflusst. Dieser "Mündungspunkt", ein weder östlicher noch westlicher Zusammenstrom aller Einflüsse, diente als Urquelle, aus der Denker wie Roger Bacon ihre Inspiration für die Renaissance schöpften.

Der Journalist Mohammed Nafih Wafy; Foto: privat
TDer Journalist und Schriftsteller Muhammed Nafih Wafy hat u.a. "The book of aphorisms: Being a translation of Kitab al-Hikam" verfasst. Er lebt heute in Muskat, Oman.

Da der Islam als Zivilisation oder Lebensweise weder speziell östlich noch westlich ausgeprägt ist, kann er per definitionem nicht auf die Eigenschaften muslimischer Kulturen beschränkt werden, die entweder in der Vergangenheit existiert haben, gegenwärtig existieren oder zukünftig existieren werden. Anstatt als Bruch mit allen vorherigen Propheten und Zivilisationen stellt der Koran die prophetische Mission Mohammeds vielmehr so dar, dass sie die Vergangenheit bestätigen und fortführen will.

Da muslimische Gemeinschaften vom Koran als "potenziell beste menschliche Gesellschaft" definiert werden, darf sich die islamische Zivilisation nicht mit geringerer Qualität oder einem mittelmäßigen Ideal zufriedengeben. Also entwickelt sich die islamische Zivilisation – mit ihrer geografischen Anpassungsfähigkeit, kulturellen Flexibilität und politischen Dynamik – von Natur aus immer weiter, und daher ist sie mit jeder fortgeschrittenen Gesellschaftsform vereinbar.

Es ist höchste Zeit, dass sich die Welt von den konfrontativen und spaltenden Konstrukten verabschiedet, die von der Überlegenheit einer Zivilisation oder Tradition gegenüber der anderen ausgehen. Die Zukunft besteht nicht darin, die Spaltungen noch weiter zu vertiefen, sondern darin, die Gemeinsamkeiten zu entdecken und mit den Unterschieden zu leben.

Auf der einen Seite steht der messianische Eifer muslimischer Extremisten, die versuchen, der ganzen Welt ihre radikale Version des Glaubens und ihre starren Rituale aufzudrücken. Auf der anderen steht die Hybris der Neokonservativen, die behaupten, die westlichen Ideale seien unumstößlich, universal gültig, allen anderen Kulturen überlegen und letztlich für alle Völker und Kulturen verbindlich. Beide Ideologie-Schulen haben der weltweiten Förderung von Frieden und Harmonie zwischen den Kulturen und Zivilisationen einen schlechten Dienst erwiesen.

Muhammed Nafih Wafy

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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