Oder resultierte diese vermeintliche Spaltung nicht vielmehr aus historischen Fehlleistungen, die mit Religion oder Kultur per se nichts zu tun haben, sondern eher mit den politischen, wirtschaftlichen und territorialen Ambitionen derjenigen, die an bestimmten geschichtlichen Wendepunkten die Keule der Macht in der Hand hielten? Und wurden die Wunden, die viele Jahrhunderte lang schwelten, durch diese Differenzen lediglich unüberbrückbar vertieft?

In der Geschichte gab es viele Anlässe für die islamische Welt und den Westen, sich gegenseitig in die Haare zu geraten. Der Streit begann mit den Kreuzzügen, ging während der Kolonialzeit und der imperialen Ausbreitung weiter und erstreckt sich bis auf die heutigen ideologischen Konflikte und Propagandaoffensiven.

Tiefe interreligiöse Gräben

Ehemalige Dynastien und Kolonialmächte beider Seiten haben Invasionskriege geführt und auf der imperialen Suche nach wirtschaftlichen Ressourcen und politischer Dominanz ihre Expansionspolitik vorangetrieben. Dies führte zu aggressiven militärischen Zusammenstößen und gegenseitigem Hass. So wurde die tiefe kulturelle und ideologische Spaltung immer mehr gefestigt.

Doch trotz der Gemeinsamkeiten, die Judentum, Christentum und Islam miteinander teilen, haben die Streitigkeiten, die aus solch fragwürdigen Gründen entstanden sind, zu dem Mythos beigetragen, der Islam gehöre zum Osten und die jüdisch-christliche Tradition zum Westen. Dies fand ungeachtet der Tatsache statt, dass nicht nur der Islam, sondern auch das Christentum und das Judentum, im Osten entstanden sind – genauer gesagt im Nahen Osten.

Dabei hat der Islam als Religion, trotz seiner Herkunft aus dem Nahen Osten, als Religion oder Lebensstil nie die charakteristischen Merkmale irgendeiner bestimmten geografischen Lage gezeigt. Wie räumlich anpassungsfähig, kulturell flexibel und politisch dynamisch der Islam ist, wird dadurch verdeutlicht, wie unterschiedlich diese Religion in den verschiedenen Ländern und Gebieten, in denen sie sich als Zivilisation etabliert hat, betrachtet, gelebt und erfahren wurde.

Das Narrativ vom kulturellen Konflikt beschränkte sich darauf, die kulturellen Besonderheiten zu erforschen und zu schützen sowie das gegenseitige Misstrauen zu vertiefen. Die Gelegenheiten, die sich boten, um Gemeinsamkeiten und geteilte Werte zu finden und diese für mögliche Verbindungen zu nutzen, wurden dabei vernachlässigt.

Historisch gewachsene Feindschaft zwischen Ost und West

Man hätte sich darauf konzentrieren können, was Islam und Christentum vereint – auf die Gemeinsamkeiten der islamischen Werte mit dem Geist der wissenschaftlichen Forschung und des Humanismus, der im Westen über die letzten fünf Jahrhunderte aufgeblüht ist. Stattdessen wurde in politischer, kultureller, wirtschaftlicher und intellektueller Hinsicht eher darauf gesetzt, den gegenseitigen Argwohn in schwindelerregende Höhen der Feindschaft, des Hasses und der Kriegstreiberei hochzuschrauben.

Diese Feindschaft setzte sich schließlich fest, und der entsprechende Mythos wurde über Jahrzehnte hinweg durch dicke Stapel kolonialer und postkolonialer Literatur, Theorien und Gegentheorien immer mehr historisiert. Dies führte dazu, dass die historische Tatsache, dass sich Ost und West bei der Gründung ihrer Kulturen und Zivilisationen gegenseitig ergänzten, zur Bedeutungslosigkeit verdammt wurde. Sogar die Revolutionierung im Rahmen der Globalisierung und der modernen Technologien konnte – trotz ihrer immensen Möglichkeiten, die Welt zu vereinen – das krankhafte gegenseitige Misstrauen und die zahlreichen Verdächtigungen nicht einhegen.

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