Der Kolonialismus ist hingegen der Vorläufer des heutigen Rassismus, von Antisemitismus, Islamfeindschaft und der faulen Ideologie der „Weißen Überlegenheit“. Wir müssen lernen, die Globalisierung aus dem Geist der Gleichberechtigung und Fairness zu denken. Der Export von Müll sollte ebenso ein No-Go sein wie der nie problematisierte Import hochqualifizierter Arbeitskräfte, was zu einem Brain-Drain des globalen Südens geführt hat.

Erinnern wir uns, dass die echte, biologische Viralität zugleich Motor und Hemmnis der kolonialen Eroberungen war: Einerseits fielen ihr durch ansteckende, von den Europäern eingeschleppte Krankheiten die Ureinwohner Amerikas zum Opfer, und zwar in einer Größenordnung, die man als genozidal bezeichnen kann; andererseits starben die Europäer im neu eroberten globalen Süden ihrerseits häufig an Tropenkrankheiten. Die überraschende Pointe: Diese Gefahren haben sie nicht abgehalten. Die Kolonisatoren haben das persönliche Risiko in Kauf genommen.

Aber genau hier liegt der Unterschied zu heute: Das Risiko der Globalisierung trifft in Form von Umweltkatastrophen und der Pandemie uns alle. Für die Risikobereitschaft weniger Menschen, die in der Regel reich genug sind, das Risiko abzufedern, werden alle haftbar gemacht.

Die Balance zwischen politischem Distancing und Abschottung

Virus und Terror haben noch eine weitere, unheimliche Gemeinsamkeit. Mangelhafte Partizipation und Demokratie haben den Terror in der islamischen Welt begünstigt. Bin Laden kommt aus dem Umfeld der saudischen Sahwa-(„Erweckung“-) Reformbewegung. Zum Terroristen wurde er erst, nachdem die Saudis ihn ausgebürgert hatten.

Chinas Präsident Xi Jinping besucht Corona-Hotspot Wuhan seit dem erstmaligen Ausbruch des Virus in China; Foto: picture-alliance/Xinhua
Zwischen Autoritarismus und desolater, intransparenter Informationspolitik: Der Umgang mit dem Virus in China – erst Zensur und Verleugnung, dann rabiate Gegenmaßnahmen – ist ebenfalls das Ergebnis eines mangelhaft legitimierten Systems, das um seine Akzeptanz fürchtet. Durch die Angst des Staates und die Zensur wurde das Virus zu lange verleugnet und seine globale Verbreitung erst ermöglicht.

Der Umgang mit dem Virus in China – erst Zensur und Verleugnung, dann rabiate Gegenmaßnahmen – ist ebenfalls das Ergebnis eines mangelhaft legitimierten Systems, das um seine Akzeptanz fürchtet. Durch die Angst des Staates und die Zensur wurde das Virus zu lange verleugnet und seine globale Verbreitung erst ermöglicht.

Das hat aufgrund der harten Maßnahmen, die nun überall auf der Welt getroffen werden, zur Legitimationskrise auch in demokratischen Gesellschaften geführt. Sie müssen nun plötzlich genauso rabiat und autoritär reagieren wie China: Mit Lockdowns, mit Strafen für ‚Virussünder‘, mit Grenzschließungen, Reisewarnungen und Verboten.

Um diese ‚Ansteckung‘ durch falsche Politik in Zukunft zu verhindern, empfiehlt sich im Umgang mit mangelhaft legitimierten politischen Systemen eine Art zwischenstaatliches ‚social distancing‘. Das heißt wie im echten, zwischenmenschlichen social-distancing nicht, jeden Kontakt mit solchen Regimen einzustellen, sondern sich nicht von ihnen abhängig zu machen.

Kollektives Brainstorming

Es gilt vorsichtig zu sein und wirtschaftliche Verflechtungen zu vermeiden, die zur Falle werden können. Konkret: Zwar dürfen wir arabisches Öl, russisches Gas und chinesische Technik kaufen – aber nur in engen Grenzen, das heißt immer nur so, dass dieser Import nicht systemrelevant wird.

Schließlich ist auffällig, dass der Nationalismus, dessen Wiedererstarken mit 9/11 und dem dadurch befeuerten islamfeindlichen Populismus begonnen hat, in der Coronakrise zur Leitgröße staatlichen Handelns wird: Zu Beginn der Pandemie wurden alle Grenzen geschlossen. Gegenwärtig werden viele andere Länder, und seien es die europäischen Nachbarstaaten, zu Risikogebieten erklärt.

Brennendes Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos; Foto: picture-alliance/AP/P.Balaskas
Zu wenig internationale Solidarität und Absprachen: Die Flüchtlingskrise findet keine Aufmerksamkeit mehr. Oder nur, wenn die Lager abbrennen – aber kann man den Geflüchteten diesen Hilfeschrei verübeln? Die Bewältigung der Pandemie wird nach wie vor als nationale Aufgabe begriffen. Das Coronavirus droht, ein noch schlimmeres Virus zu gebären: das der Abschottung.

Es gab und gibt viel zu wenig internationale Solidarität und Absprachen. Die Flüchtlingskrise findet keine Aufmerksamkeit mehr. Oder nur, wenn sie die Lager abbrennen – aber kann man ihnen diesen Hilfeschrei verübeln? Die Bewältigung der Pandemie wird nach wie vor als nationale Aufgabe begriffen. Das Coronavirus droht, ein noch schlimmeres Virus zu gebären: das der Abschottung.

Virus und Terror sind ein Prisma. Sie zerlegen unsere Gesellschaften in ihre Spektralfarben und zeigen uns, wer wir sind. Aus welchen Elementen wir bestehen. Wie die Hardware unter unseren schönen, aber trügerischen Benutzeroberflächen wirklich funktioniert. Welche Prioritäten wir setzen, wenn die Zeit von Rhetorik und Wunschdenken vorbei ist.

Es ist ein wenig zu einfach und zu billig, den Regierungen vorzuwerfen, dass sie von der Pandemie überrumpelt und überfordert waren. Aber mehr als ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie brauchen wir dringend ein kollektives Brainstorming. Keine Demonstrationen von Leuten, die beleidigt, sind, weil sie Masken tragen müssen, sondern viel mehr Gespräche, Debatten, Vertiefungen. Nur so, mit Hilfe intensiver Kommunikation, können wir die Komplexität und die Herausforderungen unserer Zeit wirklich erfassen, vermitteln, verständlich machen. Und nur, wenn wir verstehen, was dazu führte, und wenn wir unsere bisherigen Weltanschauungen hinterfragen, werden wir bereit sein, uns auf das Kommende einzulassen. Das wird nicht leicht sein.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2020

Stefan Weidner ist Autor und Islamwissenschaftler. Im Januar 2021 erscheint sein Buch „Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart“ (Hanser Verlag). Weitere Überlegungen zu Virus und Terror gibt es auch als Podcast.

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