Virus und Terror

Wie die Ähnlichkeiten der Epochenschwellen uns zum Umdenken zwingen

Am 11. September sich die Terroranschläge in New York und Washington zum neunzehnten Mal gejährt. Was sie seit 2001 angerichtet haben, sehen wir erst heute in aller Klarheit. Selbst in der Coronakrise wirken die politischen Muster aus der Zeit des Terrors fort. Ein Essay von Stefan Weidner

Als im Frühjahr die Coronakrise einschlug, fühlten sich viele Menschen, besonders in den USA, an die Zeit nach 9/11 erinnert. Gab es jenseits des schockartigen Einschnitts, den die Jahre 2001 und 2020 gleichermaßen darstellen, vielleicht tiefere Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge? Vieles deutet darauf hin: die Unterbrechung des Flugverkehrs, der autoritäre Auftritt des Staates, die Schließung der Grenzen, die neue Intoleranz und neue Verschwörungserzählungen.

Die Einschränkungen, die uns auferlegt werden, werfen die brisante Frage auf, welche Aspekte unserer bisherigen Lebensweise auf Dauer unverzichtbar und „systemrelevant“ sind. Oder anders gesagt: Wieviel Ausnahmezustand sind wir bereit hinzunehmen, und für wie lange?

Die neue Normalität

In Ägypten gab es nach der Revolution jahrelang keine Fußballspiele, weil die Machthaber Angst vor den hochpolitisierten Fans hatten, die gewalttätige Auseinandersetzungen nicht scheuten. In Afghanistan ist das öffentliche Kulturleben wegen der Gefahr von Anschlägen schon seit langem zum Erliegen gekommen. Bei uns ist das Kulturleben wegen Corona in den virtuellen Raum abgewandert. Im Vergleich mit Corona wirkt die Epoche des Terrorismus fast wie ein Vorspiel nach dem Motto: Schlimmer geht immer.

Umso bedauerlicher ist, dass viele westliche Politiker auf das Virus mit derselben Rhetorik reagiert haben wie auf den Terror: Mit der Sprache des Krieges und der Konfrontation. Interessanterweise bildet Deutschland wie bei der Ausrufung des Irakkrieges 2003 auch in der Coronakrise eine Ausnahme, vermutlich aufgrund seiner Vergangenheit: Auf Kriegsrhetorik verzichten unsere Politiker. Zurecht. Denn mit einer Logik der Konfrontation kommt man dem Virus noch viel weniger bei als dem Terror.

Virus und Terroristen haben noch etwas gemein: die Unsichtbarkeit. So wie jeder Muslim einst als potenzieller Terrorist galt, gilt heute jeder Bürger als ein potenzieller Virusträger. So greift allmählich eine Kultur des Verdachts um sich. Nach 9/11 waren davon nur Muslime betroffen. Heute kann jeder jeden anstecken, ohne es zu merken.

Lateinamerika schottet sich ab: Fieberkontrolle an der Grenze zwischen Paraguay und Argentinien; Foto: AFP/D.Duarte
Kultur des Verdachts: So wie jeder Muslim einst als potenzieller Terrorist galt, gilt heute jeder Bürger als ein potenzieller Virusträger. Nach 9/11 waren davon nur Muslime betroffen. Heute kann jeder jeden anstecken, ohne es zu merken.

Viele wehren sich dagegen, pauschal verdächtigt zu werden, was die Proteste gegen die Coronamaßnahmen befeuert. Das ist auch eine Folge davon, dass der Sündenbockmechanismus nicht mehr funktioniert. Statt sich aber davon zu verabschieden, denkt man sich Verschwörungstheorien aus, um doch wieder irgendwen beschuldigen zu können.

Misstrauen überall

Die um sich greifende Kultur des Generalverdachts und die allgemeine Verunsicherung stellen eine häufig unterschätzte psychische Belastung dar – die Muslime können davon ein Lied singen. Die Politik versucht, darauf mit Maßnahmen zu reagieren, die Kontrolle suggerieren. Welche von diesen Maßnahmen aber wirklich sinnvoll und angemessen sind, weiß aktuell niemand.

Der nach 9/11 und im Zusammenhang mit der Islam- und Einwanderungsfrage aufgekommene Rechtspopulismus gefährdet mit seinem Misstrauen gegen den Staat die effektive Eindämmung des Virus und hat zu einer Protestbewegung geführt, die in vieler Hinsicht an die rechtspopulistische und islamfeindliche Pegida-Bewegung erinnert.

Dabei ist es grundsätzlich nicht schlecht, dass die Coronamaßnahmen gründlich hinterfragt werden. Nur sollte man dies mit Argumenten tun, die auf Fakten basieren; und aus einer werte-orientierten, ethischen Grundhaltung heraus, nicht aus Ressentiment, Wut, Frust oder Hass.

Betrachten wir das, was gerade passiert, aus einer höheren, weltgeschichtlichen Perspektive, so fällt auf, dass Virus und Terror gleichermaßen eine unerwünschte Nebenfolge der Globalisierung sind. Nach 9/11 war die Antwort ein trotziges ‚Jetzt erst recht!‘: Eine weitere Beschleunigung des Wachstums, der internationalen Vernetzung und der neoliberalen wirtschaftlichen Entfesselung.

Rechtspopulistische Pegida-Demo in Dresden; Foto: picture-alliance/dpa/A.Burgi
Die hässliche Fratze des Rechtsextremismus: Der nach 9/11 und im Zusammenhang mit der Islam- und Einwanderungsfrage aufgekommene Rechtspopulismus gefährdet mit seinem Misstrauen gegen den Staat die effektive Eindämmung des Virus und hat zu einer Protestbewegung geführt, die in vieler Hinsicht an die rechtspopulistische und islamfeindliche Pegida-Bewegung erinnert.

„Für die Ideologen des freien Marktes und für die Unternehmen, deren Interessen sie dienten, hatte sich nur eines verändert: Es war nun deutlich leichter für sie geworden, ihre ehrgeizigen Ziele umzusetzen“, schreibt Naomi Klein in ihrem Buch „Die Schock-Strategie“.

Globalisierung und Kolonialismus

Das Virus hat die nach 9/11 verschärfte, neoliberale Globalisierung abrupt ausgebremst. Die Chance zum Umdenken sollte diesmal genutzt werden, wenn wir weitere ähnliche Krisen vermeiden wollen. Dafür brauchen wir aber eine genaue Analyse dessen, was bei der Globalisierung falsch lief: gewiss nicht alles, aber ebenso gewiss viel zu viel.

Bei dieser Analyse kommt auch dem Kolonialismus als Vorläufer der Globalisierung eine Schlüsselrolle zu. Der Terrorismus ist ein entgleister Nachfahre der einstigen anti-kolonialen Befreiungsbewegungen, das heißt der Versuche des globalen Südens, sich von der Beeinflussung aus dem globalen Westen zu emanzipieren.

Die Redaktion empfiehlt