Vergewaltigungsvorwürfe gegen Tariq Ramadan

Unter Verdacht

Nach Vergewaltigungsvorwürfen hat die französische Polizei den renommierten Islamwissenschaftler Tariq Ramadan am vergangenen Mittwoch in Gewahrsam genommen. Zwei Frauen beschuldigen ihn der Vergewaltigung. Einzelheiten von Bachir Amroune

Es ist ein tiefer Fall für den berühmtesten islamischen Intellektuellen Europas. Denn mit seinen Auftritten sorgt Tariq Ramadan seit 20 Jahren für gefüllte Hallen und hunderttausende Bewunderer feiern ihn wie ein Popstar. Seine Gegner werden nicht müde, vor ihm zu warnen.

Im vergangenen Oktober haben zwei Frauen den Professor der britischen Universität Oxford beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Ermutigt wurden sie offenbar von der #MeToo-Kampagne. Eine der Frauen war einst Salafistin und twitterte, es sei "eine sehr schwere Entscheidung" gewesen, aber sie habe entschieden, öffentlich zu machen, dass Ramadan die vergewaltigt habe.

Kurz darauf sagte eine zweite Frau bei der Polizei aus. Im November war der Wissenschaftler daraufhin von der Hochschule beurlaubt worden. Ramadan bestreitet die Vorwürfe - für ihn sind sie eine Verleumdungskampagne seiner Feinde. Denn Ramadan ist so beliebt wie umstritten.

Wer ist Tariq Ramadan?

Mehrere Dutzend Bücher haben sich seit 2003 mit dieser Frage befasst. Viele von ihnen lesen sich wie Pamphlete. Sie werfen Ramadan vor, ein doppelzüngiger, gefährlicher Islamist zu sein. Nur die wenigsten haben den Anspruch, ein nuanciertes Bild zu zeichnen, seine Netzwerke und Strategie offenzulegen.

Tariq Ramadan spricht in einer Moschee in Nantes; Foto: AFP/Getty Images
Eloquent, charismatisch und gefeiert wie ein Popstar: Der mediengewandte und streitbare Autor und Wissenschaftler zählt zu den bekanntesten Professoren in Oxford, wo er den Lehrstuhl für Zeitgenössische Islamstudien innehat. Ramadan ist auch publizistisch tätig, regelmäßig tritt er im Fernsehen auf. Seine konservative Auslegung des Islam hat dem charismatischen Gelehrten viele Bewunderer, aber auch scharfe Gegner eingehandelt.

Entsprechend polarisiert ist die Wahrnehmung Ramadans in der westeuropäischen Öffentlichkeit: Ein islamischer Erneuerer für die einen, der einen großen Beitrag zur Emanzipation der Muslime in Europa und zur Modernisierung ihres Denkens leiste. Der vielen von ihnen, die unter Ausgrenzung, Islamophobie und Rassismus leiden, durch seine Auftritte und seine 30 Veröffentlichungen, mehr Selbstvertrauen gebe und sie dazu ermutige, sich in ihre Gesellschaften zu integrieren und wertvolle, vollwertige Bürger zu sein. Für die anderen ist er ein verkappter Muslimbruder, wie schon zuvor sein Vater und Großvater.

Familie von Muslimbrüdern

Immer wieder werfen Politiker und Publizisten Tariq Ramadan die Verwandtschaft zu seinem Großvater mütterlicherseits, Hassan al-Banna vor, der die Muslimbruderschaft 1928 in Ägypten gegründet hatte. Sein Vater, Said Ramadan, war dessen persönlicher Sekretär und floh vor der Verfolgung der Bruderschaft durch das Regime von Gamal Abdel Nasser in den 1950er Jahren nach Europa und gründete mehrere islamische Organisationen in der Schweiz und in Deutschland.

Der junge Tariq wuchs in der Schweiz staatenlos auf, machte seinen Abschluss in Philosophie über Nietzsche und engagierte sich in der Dritten-Welt-Bewegung. Später absolvierte er ein Studium der islamischen Religionswissenschaften bei einem Scheich und arbeitete als Gymnasiallehrer. Er gründete eine muslimische Organisation, die unbedeutend blieb. Ihr wurde vorgeworfen, dass viele Mitstreiter der algerischen Islamischen Heilsfront (FIS) nahe stehen. In Frankreich schaltete Ramadan sich in die dortige Kopftuch-Kontroverse ein.

Redegewandter Talk-Gast

1995 geht in Frankreich die Angst vor islamistischen Attentaten um. Zwischen Juli und Oktober gibt es eine Serie von Anschlägen mit acht Toten und rund 200 Verletzten, die den algerischen „Bewaffneten Islamistischen Gruppen“ (GIA) zugeschrieben werden. Tariq Ramadan, der sich in der Zeit unter den Muslimen der französischen Vororte bereits einen Namen gemacht hat, wird vom französischen Staat mit einem Einreiseverbot belegt. Der Vorwurf: Er unterstütze die Islamisten. Zum Leidwesen der Politiker kann er sich erfolgreich dagegen wehren und darf später wieder einreisen.

Einem breiteren Publikum wird er erst 2003 bekannt. In einem unter seinen Anhängern legendären Auftritt in der Talksendung "100 minutes pour convaincre" ("100 Minuten zum Überzeugen") redet er sehr eloquent den damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy an die Wand. Sarkozys Versuch, ihn durch seine Verwandtschaft zu diskreditieren, bezeichnet Tariq Ramadan als Sippenhaft und wirft ihm vor, den Namen seines Großvaters nur als Moralkeule zu benutzen, ohne tatsächlich etwas über ihn zu wissen.

Viel beachtet wird Ramadans Vorschlag, ein Moratorium für körperliche Strafen im islamischen Recht zu erreichen: für seine Anhänger ein mutiger Reformvorschlag, während Sarkozy und seine Gegner einen Skandal darin sehen, dass er sich nicht zu einer direkten Abschaffung dieser Strafen bekennt. Sie werfen ihm Doppelzüngigkeit vor.

Weitere Auftritte machen Ramadan zum Star der muslimischen Community im frankophonen Europa, seine Eloquenz und geschickte Argumentation flößen ihm auch bei seinen Gegnern Respekt ein.

Ein international umstrittener Intellektueller

Ramadan gehörte als Experte mehreren Kommissionen des Europaparlaments an. Sein akademischer Ritterschlag hätte 2004 seine Berufung an die katholische Universität von Notre Dame in Indiana, USA, werden sollen. Das unter Präsident George W. Bush eingesetzte Ministerium für Innere Sicherheit verweigerte ihm jedoch die Einreise - weil er angeblich den Terror finanziere.

Dafür erhielt er 2009 einen Ruf als Professor für zeitgenössische Islamstudien an der Oxford University in Großbritannien. Nach Bekanntwerden der Vergewaltigungsvorwürfe hatte die Universität Ramadan jedoch beurlaubt, damit er sich um seine Verteidigung kümmern könne. Tariq Ramadan selbst bestreitet die Vorwürfe gegen ihn nicht nur - seine Anwälte haben beide Klägerinnen inzwischen wegen Verleumdung angezeigt.

Bachir Amroune

© Deutsche Welle 2018

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