Vergewaltigung in Indien

Die Gesetzesreform muss wirksam umgesetzt werden

Eine ganze Serie von Gruppenvergewaltigungen in Indien hat ein weiteres Mal das gravierende Problem der Gewalt gegen Frauen in den Fokus gerückt. Trotz der jüngst beschlossenen Gesetzesänderungen und schärferer Strafen wird von den Behörden wenig getan, um die Frauen vor Verbrechen zu schützen. Von Roma Rajpal Weiss

Am Abend des 27. Mai 2014 verließen in Badaun, einem Ort in Uttar Pradesh im Nordosten Indiens, ein 14- und ein 15-jähriges Mädchen die elterliche Wohnung, um in den Feldern ihre Notdurft zu verrichten, wie es auf dem Land üblich ist. Einige Stunden später, nachdem die Mädchen noch immer nicht zurückgekehrt waren, wandten sich die Familien an die Polizei; die örtlichen Polizeibeamten kümmerten sich jedoch zunächst nicht darum. Am nächsten Tag fand man die beiden Mädchen an einen Baum aufgehängt.

Die Medien des Landes veröffentlichten Bilder von Demonstranten, die sich um den Baum versammelten, Gerechtigkeit forderten und verlangten, dass die Mädchen solange am Baum hängenbleiben, bis die Schuldigen festgenommen worden sind. Alle fünf Verdächtigen, darunter zwei Polizeibeamte, wurden verhaftet. Drei der Männer haben sich der Vergewaltigung schuldig bekannt.

Demonstrantinnen der All India Democratic Women's Association (AIDWA) halten Plakate während eines Protestes gegen den brutalen Vergewaltigungsmord an zwei Mädchen, Neu Delhi, 31. Mai 2014; Foto: REUTERS/Adnan Abidi
Schrei nach Gerechtigkeit: Zwei Teenagerinnen wurden in Nordindien im Mai 2014 vergewaltigt und erhängt. Das Ereignis weckte Erinnerungen an die brutale Gruppenvergewaltigung und Ermordung von Jyoti Singh Pandey, das international Entrüsten und Rufe nach strafrechtlichen Reformen ausgelöst hatte.

Dieser grausame Fall lenkte die Erinnerung der Menschen auf den Fall der 23-jährigen Jyoti Singh, die am 16. Dezember 2012 von mehreren Männern in einem fahrenden Bus in Neu-Delhi vergewaltigt worden war. Nach der Tat war ihr eine Eisenstange in den Unterleib gerammt worden. Trotz medizinischer Hilfe überlebte Jyoti die schweren Verletzungen nicht.

Der Vorfall sorgte überall auf der Welt für Empörung und brachte die damalige, noch von der Kongresspartei geführte Regierung dazu, die Gesetze zur Vergewaltigung zu reformieren. Die Haftzeit wurde verlängert, die Todesstrafe in schweren Fällen möglich gemacht. Schnellgerichte wurden eingerichtet, um die große Zahl von Prozessen bewältigen zu können.

Mehr als 26.000 Fälle im Jahr

Statistiken des National Crime Records Bureau (NCRB) zeigen, dass in Indien alle 20 Minuten eine Frau vergewaltigt wird, was einer Zahl von mehr als 26.000 Vergewaltigungen im Jahr entspricht.

Ruchira Gupta ist Vorsitzende von Apne Aap Worldwide, einer in Neu-Delhi ansässigen NGO, die sich für ein Ende von Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt. Sie glaubt, dass sich ein Wandel abzeichnet. Im Gespräch mit Qantara.de sagt sie: „Das Wichtigste war, dass nach dem Fall von Jyoti viele Menschen auf die Straße gingen, um zu protestieren. Das Schweigen war durchbrochen und die Diskussion über Vergewaltigung und die Gewalt gegen Frauen war kein Tabuthema mehr.“

Sie gibt jedoch zu, dass die Umsetzung der Reformen innerhalb Indiens sehr unterschiedlich ausfällt. „Aber wenn wieder ein Fall in den Fokus gerät und die Empörung der Öffentlichkeit nicht ignoriert werden kann, steigt der Druck auf die Behörden, mehr Verantwortlichkeit unter Beweis zu stellen.“

Gupta ist sich sicher, dass sich die Dinge zum Besseren wenden werden, wenn die Reform der Polizei auf den Weg gebracht ist. Im Fall der Vergewaltigung von Badaun waren Polizisten als Komplizen involviert: Sie waren direkt beteiligt an der Vergewaltigung und schützten danach die anderen Täter.

Frauen wird Mitschuld gegeben

March 2014: Police escort one of four men convicted of the gang-rape of a photojournalist in Mumbai in 2013. Photo: REUTERS/Mansi Thapliyal
Ruf nach Reformen im Polizeiapparat: Statistiken zeigen, dass in Indien alle 20 Minuten eine Frau vergewaltigt wird. Jedes Jahr gibt es mehr als 26.000 Vergewaltigungsfälle. Im Fall von Badaun waren Polizisten an der Tat beteiligt.

Kritiker aber bleiben skeptisch, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Äußerungen eines Ministers aus der inzwischen regierenden rechtskonservativen, hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP). Babulal Gaur, Innenminister des zentralindischen Bundesstaates Madhya Pradesh, sagte gegenüber Reportern: „Dies ist ein soziales Verbrechen, das von Männern und Frauen abhängt. Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch." Seine Äußerungen haben die Wut der Aktivisten weiter angefacht.

Kavita Krishnan, Sekretärin der All India Progressive Women's Association, meint, solche Sätze zeigten, dass die Regierung nicht wirklich daran interessiert sei, den Forderungen der Frauenbewegung Gehör zu schenken.

„Von rechten Gruppen, die die jetzige Regierung unterstützen, werden den Frauen Kleidungsregeln auferlegt, und das im Namen der indischen Kultur, die von ihnen mit einer bestimmten Form der traditionellen hinduistischen Kultur gleichgesetzt wird“, sagt sie. „Diese Gruppen haben Ehrenmorde angestiftet, westlich gekleidete Frauen angegriffen und Leute attackiert, die den Valentinstag feierten oder eine Kneipe besuchten.“

Krishan glaubt, dass Indien eine harte Auseinandersetzung bevorsteht, da die neue BJP-Regierung erzkonservative Gruppen unterstützt, die den Frauen ihre Selbstständigkeit noch weiter beschneiden wollen.

Patriarchale Normen herausgefordert

In den letzten zwei Jahren haben Frauengruppen die patriarchalen Normen, die so tief in der indischen Gesellschaft verankert sind, vehement herausgefordert. Ruchira Gupta sagt dazu: „Ab dem Zeitpunkt, wo sie empfangen werden, sind Frauen in Indien in Gefahr. Weibliche Föten werden abgetrieben. Einmal zur Welt gekommen, sind Mädchen unterernährt und hungrig, weil die männlichen Familienmitglieder immer die größeren Portionen beim Essen bekommen; später werden sie Opfer von Zwangsheiraten, Prostitution, Müttersterblichkeit, Mitgiftregeln, häuslicher Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe und von Ehrenmorden.“

Experten weisen darauf hin, dass der Schlüssel zu einem Wandel in der Bildung liegt. Nur diese sei in der Lage, die noch immer sehr diskriminierende Denkweise der indischen Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Immer mehr Frauen entziehen sich den traditionellen Rollen und sind berufstätig; die klassische Rollenverteilung, in der der Mann der Alleinverdiener zu sein hatte, ändert sich – Entwicklungen, mit denen ein Großteil der indischen Männer nicht umgehen kann.

Gupta glaubt, dass eine vollkommen neue Sicht auf die Frau in der indischen Gesellschaft vonnöten ist: „Jungen und Mädchen müssen schon sehr früh lernen, sich gegenseitig zu respektieren. Wir müssen dafür sorgen, dass ihnen klar wird, dass sie selbst für das verantwortlich sind, was sie tun. Sie müssen verstehen lernen, wie Frauen sich fühlen, wenn sie gestalkt und vergewaltigt werden.“

Roma Rajpal Weiss

© Qantara.de 2014

Übersetzung aus dem Englischen: Daniel Kiecol

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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