Verfolgung der Muslimbrüder in Ägypten

Demütigung auch nach dem Tod

Hunderte Mursi-Anhänger wurden in der vergangenen Woche getötet. Ihre Familien werden von den Behörden schikaniert, die Ausstellung von Totenscheinen wird hinausgezögert und Leichen werden tagelang nicht an die Angehörigen übergeben, wie Markus Symanks Besuch in einem Kairoer Leichenschauhaus zeigt.

Vor Kairos zentralem Leichenschauhaus Seinhom stehen fünf Kühllaster. Die Fahrzeuge haben Leichen geladen. Dutzende, vielleicht Hunderte. Einige der Toten warten bereits seit sechs Tagen darauf, von Angehörigen abgeholt zu werden. Im Gebäude selbst ist für die Toten kein Platz. Seit dem Massaker der Polizei und der Armee an Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi am Mittwoch (14.08.2013) ist das Leichenschauhaus hoffnungslos überfüllt.

Alle paar Minuten, wenn ein Mitarbeiter den Laderaum eines Lastwagens öffnet, strömt ein stechender Verwesungsgeruch durch die enge Gasse, den weder der Gestank der meterhohen Müllberge, noch Räucherstäbchen und Duftkerzen, die Anwohner des Quartiers angezündet haben, überdecken können. "Selbst im Tod erniedrigt uns die Regierung", schimpft der Vater eines Opfers.

"Ich habe ihn kaum erkannt"

Ibrahim ist einer von fünf Jugendlichen, die am frühen Morgen aus Gizeh angereist sind, um die Leiche eines Freundes zu identifizieren. Von diesem hatte seit vergangenem Mittwoch zunächst niemand mehr etwas gehört. Freunde und Familie wussten nur, dass er an diesem Tag gemeinsam mit anderen Anhängern der Muslimbruderschaft vor der Universität in Gizeh gegen Mursis Entmachtung durch das Militär demonstriert hatte. Am Freitag bekamen die Eltern einen Anruf von der Polizei. Ihr Sohn sei festgenommen worden und werde verhört. Am Montagabend klingelte das Telefon erneut. Diesmal war ein Mitarbeiter des Leichenschauhauses am Apparat.

Anwohner zünden Räucherstäbchen an (Foto: DW/Markus Symank)
Das Leichenschauhaus im Kairoer Stadtteil Sayyida Zainab ist heillos überfüllt. Um den stechenden Verwesungsgeruch zu übertünchen, zünden Anwohner Räucherstäbchen an.

"Sein Körper ist durch die lange Verwesung völlig entstellt. Ich habe ihn kaum erkannt", sagt einer der Jugendlichen mit blassem Gesicht. Angeblich hätten die Mediziner die Leiche aufgeschnitten und das Herz sowie andere Organe entfernt. Zur Erklärung habe es geheißen, die Körperteile würden der medizinischen Fakultät zu "Lehrzwecken" überstellt. Die Familie des Toten sei nicht um ihre Zustimmung gebeten worden.

Staatliche Medien schweigen

Glaubt man den Berichten anderer Opferangehörigen, ist dies kein Einzelfall. Viele Familien seien erst nach Tagen über den Tod ihrer Angehörigen in Kenntnis gesetzt worden. Einige Leichen seien dermaßen entstellt, dass eine zweifelsfreie Identifizierung kaum mehr möglich sei.

Während bange Väter, Mütter und Geschwister vor dem Leichenhaus scheinbar endlose Listen mit den Namen Getöteter durchkämmen, läuft im Staatsfernsehen zum wiederholten Mal die Aufzeichnung der Beerdigungszeremonie für 25 ermordete Polizisten. Diese waren am Montag (19.08.2013) von mutmaßlichen Extremisten auf der Sinaihalbinsel erschossen worden. Die Polizisten bekommen ein Staatsbegräbnis: Ihre Särge sind mit der ägyptischen Trikolore bedeckt. Würdenträger der einflussreichen Al-Azhar-Moschee und Regierungsvertreter geben den Getöteten das letzte Geleit. Das Fernsehen spielt patriotische Hymnen dazu. Über die Leichen, die sich in Seinhom stapeln, verlieren die ägyptischen Medien kein Wort. Vergeblich sucht man in den Zeitungen nach Beiträgen über die Identität der toten Zivilisten.

Streit um Totenschein

Getötete Anhänger von Mohammed Mursi werden in Kühllastern aufbewahrt; Foto: DW/Markus Symank
In fünf Kühlwagen werden die von Sicherheitskräften Getöteten zum Teil tagelang aufbewahrt. Das widerspricht der islamischen Tradition, Verstorbene möglichst schnell zu beerdigen.

Auch die Demütigung der Angehörigen blenden die Staatsmedien aus: Die Freunde aus Gizeh warten seit zwei Stunden darauf, den Totenschein für ihren Freund ausgestellt zu bekommen. Die Zeit drängt, der Tote müsste nach islamischem Brauch längst bestattet sein. Doch die Beamten wollen "Selbstmord" als Todesursache in den Schein eintragen - eine "dreiste Lüge", so die Freunde, die sie nicht akzeptieren wollen. Der zuständige Beamte des Leichenschauhauses möchte gegenüber der Deutschen Welle keine Stellung zu dem Vorgehen beziehen. Berichte anderer Angehöriger legen jedoch nahe, dass hinter diesem Vorgehen System steckt. Möglicherweise sollen so die offiziellen Opferzahlen niedrig gehalten werden. Menschenrechtler gehen davon aus, dass seit vergangenem Mittwoch weit mehr als die von der Regierung bestätigten Personen ums Leben gekommen sind.

Anwohner zeigen sich solidarisch

Dagegen zeigen die Anwohner des historischen, aber völlig heruntergekommenen Quartiers Saida Seinab, in dem das Leichenschauhaus liegt, Mitgefühl mit den Opferangehörigen. Der Imam einer nahen Moschee hat Freiwillige zusammengetrommelt, um die Wartenden mit Atemschutzmasken gegen den Gestank sowie mit eisgekühltem Wasser zu versorgen. Junge Männer helfen beim Transport der Särge. Andere kommen vorbei, um Trost zu spenden.

Bei einigen hat das Leid der Opferfamilien ein politisches Umdenken bewirkt. "Am 30. Juni habe ich wie so viele andere Ägypter auf dem Tahrir-Platz nach einer Rückkehr des Militärs gerufen", sagt ein älterer Mann nachdenklich: "Jetzt schäme ich mich dafür."

Markus Symank

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Christina Ruta/DW.de

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Leserkommentare zum Artikel: Demütigung auch nach dem Tod

Vermutlich ist der junge Demonstrant bei seinem Verhör zu Tode gefoltert worden, und dann hat man seinen Körper ausgeschlachtet und sein Herz und andere Organe verkauft. Den Muslimbrüdern war es nicht gelungen, während ihrer kurzen Regierungszeit die Macht der im Hintergrund wirkenden, mafiösen Oligarchie zu brechen, die Wirtschaft und Militär beherrscht. Die Masse des einfachen Volkes hatte von der neuen Regierung Wunder erwartet, die diese nicht vollbringen konnte, da die Zeit zu kurz war und sie von Mubaraks Oligarchen daran gehindert wurde. Hinzu kam die Unterstützung der Putschisten durch gleichgesinnte Unterdrückungsregime im Ausland (z. B. Saudi Arabien u. VAE), die mit den korrupten und verlogenen ägyptischen Medien eine Hetzkampagne gegen die Regierung Mursi führten. Zweifellos machte diese neue Regierung Fehler (welche Regierung macht keine Fehler?), doch waren sie nicht so groß, um einen Militärputsch gegen eine demokratisch gewählte Regierung zu rechtfertigen.
Hatten wir bei der Revolution vor zwei Jahren noch das ägyptische Volk für diesen weitgehend unblutigen Aufstand des „Arabischen Frühlings“ bewundert, so ist diese Achtung nun in Verachtung und Abscheu umgeschlagen angesichts der Brutalität und Unmenschlichkeit, mit der die Militärführung und auch die einfachen Soldaten und die zivilen Gegner der Muslimbrüder gegen Mursis Anhänger vorgehen und diese gnadenlos verfolgen. Es mag sein, daß einige von Mursis Anhängern bei den Demonstrationen tatsächlich bewaffnet waren, es mag sein, daß vom Geheimdienst in deren Reihen eingeschleuste Provokateure für die Schüsse auf Militär und Polizei verantwortlich sind, keinesfalls zu rechtfertigen ist jedenfalls die von letzten ausgehende, völlig übermäßige Gewalt, insbesondere mit scharfer Munition und gezielten Kopfschüssen auf unbewaffnete Demonstranten.
Allein das Umdenken und die Scham einiger Putsch-Befürworter auf Grund ihrer Erkenntis, getäuscht worden zu sein, und die Folgen ihres Tuns zu sehen, geben Anlaß zur Hoffnung, daß mit dem ägyptischen Volk doch nicht alles verloren ist. Die wahre Prüfung steht den Ägyptern aber noch bevor, nämlich das zu vollbringen, was der Regierung Mursi nicht gelungen ist: Ägypten vom Krebsgeschwür dieser korrupten Oligarchen zu befreien, das unter Mubarak herangewachsen ist, und eine demokratische Ordnung zu errichten.

Frank Walter23.08.2013 | 00:55 Uhr

Sehr guter Kommentar, Frank Walter. Meiner Meinung nach war der Putsch sowieso von langer Hand geplant. Mursi selbst wollte gar nicht Präsident werden. Die stärkeren Kandidaten wie z.B. Hazem Abo Ismail wurden mit lächerlichen Begründungen von der Wahl ausgeschlossen. Mursi war leider zu sanft und kam nicht sehr selbstbewusst rüber. Deshalb hatten die Medien und das Militär mit ihrer Propaganda leichtes Spiel.

G24.08.2013 | 09:29 Uhr