Verfolgung der Ahmadiyya in Pakistan

Mehr Gewalt gegen religiöse Minderheiten

In Pakistan wirken fast vier Jahrzehnte der Anti-Ahmadiyya Gesetze zermürbend auf die religiöse Minderheit und hinterlassen Spuren bei einer ganzen Generation. Angst, Flucht und Verfolgung prägen das Leben der Gemeinschaft und es gibt wenig Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage. Hintergründe von Mohammad Luqman

Vor einigen Woche kursierte ein wackeliges Video in den sozialen Netzwerken. Die Aufnahme zeigt Männer, die mit Vorschlaghammern zuerst die Kuppeln und danach die eingemeißelte Schahada, das Glaubenbekenntnis der Muslime (“Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammad ist der Gesandte Allahs”) auf der Frontseite eines Gebäudes zerstören.

Man könnte vermuten, es handele sich dabei um einen Vorfall aus Indien, wo radikale Hindu-Mobs in jüngster Vergangenheit mehrfach Moscheen angegriffen und zerstört haben. Doch das Video entstand nicht in Indien, sondern in der Islamischen Republik Pakistan. Der Vorfall geschah im März dieses Jahres in dem Dorf Gharmulan Virkan im Nordosten des Landes.

Anfang 2021 hatte sich ein Bewohner des Dorfes bei der örtlichen Polizeibehörde darüber beschwert, dass die Minderheit der Ahmadis im Dorf eine Schule betreibe. Zudem sei die Moschee der Ahmadis architektonisch anderen muslimischen Gebetsstätten ähnlich, und würde somit gegen das Anti-Ahmadiyya-Gesetz verstoßen.

Die Bewegung von Mirza Ghulam Ahmad (1835-1905), der 1891 im indischen Qadiyan erklärt hatte, er sei der wiedergekehrte Jesus sowie der Mahdi, eine endzeitlich islamische Figur, wird von vielen Muslimen als unislamisch abgelehnt.

Dem Mob und der Polizei ausgeliefert

In dem Dorf Gharmulan Virkan bekam der Beschwerdeführer Unterstützung von einer Gruppe von Barelwis, einer orthodox-sunnitischen islamischen Bewegung, die sich in den letzten Jahren radikalisiert hat und seit geraumer Zeit gegen die lokalen Ahmadis agitiert.

Schwarz-Weiß-Fotos von religiösen Führern der Ahmadi. Die Ahmadiyya glauben, dass der Gründer ihrer Bewegung, Mirza Ghulam Ahmad (Mitte), ein Messias war. (Foto: Luisa von Richthofen/DW)
Obwohl Mirza Ghulam Ahmad von Ahmadi-Muslimen als der verheißene Messias und Imam Mahdi verehrt wird, bleibt Mohammad dennoch die zentrale Figur im Ahmadiyya-Islam. Ghulam Ahmads Anspruch, ein untergeordneter Prophet innerhalb des Islam (ummati) zu sein, ist ein zentraler Punkt der Kontroverse zwischen seinen Anhängern und den Mainstream-Muslimen geblieben. Denn die meisten Muslime sind überzeugt: Nach Mohammed könne es keinen anderen Propheten mehr geben.

Am 17. März schritt die Polizei dann ohne irgendeinen Gerichtsbeschluss selbst zur Tat. Sie schloss die Schule und zerstörte mithilfe von Mitarbeitern der lokalen Verwaltung sowie eines sunnitischen Mobs eigenständig die Kuppeln und die Schahada an der Außenmauer der Moschee. Am Ende der Aktion skandierte der religiöse Mob auf Arabisch: “man sabba nabiyyan faqtuluh” (“Wer einen Propheten beleidigt, den tötet”).

Auf Anfrage behauptete der zuständige Polizeibeamte, ein pakistanisches Gesetz verbiete den Ahmadis, ihre Gebetsstätten im Stil von Moscheen zu errichten. Zudem habe er gehandelt, um den örtlichen Frieden zu wahren.

Dass er für seine Handlung von keinem Gericht oder einer sonstigen staatlichen Stelle ermächtigt worden war, interessierte ihn nicht. Auch nicht, dass kein Gesetz den Ahmadis verbietet, Kuppeln oder Minarette auf ihre Gebetsstätten zu bauen. Schließlich haben auch Hindu-Tempel und die Gurdwaras (Gebets- und Schulstätten) der Sikhs auf dem Subkontinent Kuppeln und Minarette.

Anti-Ahmadiyya-Gesetze schränken Religionsfreiheit ein

Im pakistanischen Gesetz schränken die sogenannten Anti-Ahmadiyya Gesetzen, die Anordnung XX, die Religionsfreiheit der Ahmadis massiv ein. Sie wurden 1984 unter der Herrschaft von Zia-ul-Haq erlassen.

So heißt es im Paragrafen 298-B der Anordnung XX, dass es den Ahmadis bei Strafe untersagt ist, ihre religiöse Persönlichkeiten mit islamischen Lobpreisungen zu würdigen, ihre Moscheen als Moscheen zu bezeichnen und den islamischen Gebetsruf “Adhan” auszurufen.

Im Paragrafen 298-C heißt es weiter, dass es den Ahmadis untersagt ist, sich wie ein Muslim zu verhalten, den eigenen Glauben Islam zu nennen, den eigenen Glauben zu propagieren oder in irgendeiner Art und Weise die Gefühle der Muslime zu verletzten. Bei Zuwiderhandlung droht ihnen Gefängnisstrafe.

Das Gesetz macht damit praktisch jede religiöse Handlung eines Ahmadis strafbar, weil diese als das Verhalten eines Muslims ausgelegt werden könnte. Schließlich verstehen sich die Ahmadis durchaus als Muslime und praktizieren die islamischen Gebote wie das Gebet oder die Rezitation des Koran.

Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde beim Gebet in Lahore, Pakistan. (Foto: Getty Images)
Anordnung XX – "die Anti-Ahmadiyya-Gesetze": So heißt es im Paragrafen 298-B, dass es den Ahmadis untersagt ist, ihre religiösen Persönlichkeiten mit islamischen Lobpreisungen zu würdigen, ihre Moscheen als Moscheen zu bezeichnen und den islamischen Gebetsruf “Adhan” auszurufen. Im Paragrafen 298-C heißt es weiter, dass es den Ahmadis untersagt ist, sich wie ein Muslim zu verhalten, den eigenen Glauben Islam zu nennen, den eigenen Glauben zu propagieren oder in irgendeiner Art und Weise die Gefühle der Muslime zu verletzten. Bei Zuwiderhandlung droht ihnen Gefängnisstrafe. Was genau unter dieser “Verletzung der Gefühle” zu verstehen ist, wird nirgends definiert.

Besonders die Formulierung, dass jede Handlung zu unterlassen sei, welche “die religiösen Gefühle der Muslime verletzt”,  wird breit ausgelegt. Was genau unter dieser “Verletzung der Gefühle” zu verstehen ist, wird nirgends definiert. Da viele die bloße Existenz der Ahmadis bereits als eine Verletzung ihrer religiösen Gefühle empfinden, werden alltägliche Beleidigungen, Diskriminierungen und Angriffe auf die Ahmadis fast nie geahndet.

Ahmadi-Eltern schärfen ihren Kindern in Pakistan schon sehr früh ein, jegliche Diskussionen über Religion in der Schule, an der Universität oder mit den Nachbarn zu vermeiden. Fragen zum eigenen Glauben sollte möglichst ausgewichen werden, da eine Antwort eine Verletzung der Paragrafen 298 B und C darstellen könnte. Selbst Kinder sind nicht vor den drakonischen Gesetzen sicher. Mehrmals sind Ahmadi-Kinder wegen angeblicher Beleidigung des Islam verhaftet worden.

Neben Studenten sind Ahmadi-Professoren in höheren Bildungsinstitutionen dem religiösen Fanatismus willkürlich ausgeliefert. Selbst den Toten gewährt man keinen Frieden. Schon öfters wurden Grabstätten der Ahmadis geschändet oder Beerdigungen auf städtischen Friedhöfen untersagt. Die Minderheit der Ahmadis lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in der ständigen Angst, Opfer der Anordnung XX zu werden.

Rabwah gleicht einer Festung

Vielen Bedrängten bleibt nichts anderes übrig als die Flucht nach Rabwah. Dort hatten die Ahmadis nach der Gründung des Staates Pakistan ihren Hauptsitz. Doch auch dort sind sie nicht sicher. Die Stadt gleicht einer Festung, mit Panzersperren und strengen Sicherheitsvorkehrungen. In der Hauptmoschee ist seit Jahren kein Freitagsgebet mehr abgehalten worden.

Aus Sicherheitsgründen ist den Frauen und Kindern der Besuch in den lokalen Moscheen untersagt. Jahresversammlungen und Jugendtreffen der Ahmadis sind ohnehin von der Regierung verboten. Die einzige Buchhandlung der Stadt wurde geschlossen, nachdem dessen 80-jähriger Besitzer wegen des Verkaufs “verbotener” Schriften und des Verstoßes gegen die Anordnung XX verhaftet worden war.

 

Daneben sind Bücher von Ahmadi-Gründer Mirza Ghulam Ahmad oder seiner Kalifen nirgends in der Stadt zu finden, weil sie allesamt verboten sind. Nach einer Polizeirazzia im Jahr 2016 gegen die zentrale Publikationsabteilung der Gemeinde, weil sie angeblich “islamische Terminologie” und verbotene Schriften veröffentlichte, sind auch die lokale Zeitung und andere Magazine nicht mehr erschienen.

Webseiten der Gemeinde sind in Pakistan blockiert und 2021 versuchte die pakistanische Medienaufsicht eine Ahmadi-Website in USA zu schließen. Religiöse Unterweisung und Auseinandersetzung mit eigenen Glaubensinhalten wird zunehmends schwerer, weil staatliche Stellen den Zugriff auf die Schriften erschweren.

Schon mehrfach gab es in Rabwah tödliche Anschläge auf Ahmadis. Die Angst vor einem nächsten Anschlag und Angriff ist allgegenwärtig. Jedes Jahr im September ziehen tausende Mullahs mit ihren Anhängern durch die Straßen der Kleinstadt und skandieren Parolen und Beleidigungen gegen die Minderheit und ihre religiösen Führer, um so den “historischen Sieg” von 1974 zu feiern. 1974 hatte das Parlament auf Drängen radikaler Kräfte die Ahmadis zu Nicht-Muslimen erklärt.

Besonderes dann herrscht eine gespenstische Stimmung in der Stadt. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Die Ahmadis verbarrikadieren sich in ihren Häusern, bis der Mob wieder abgezogen ist. Polizei und Staatsgewalt verbieten einen solchen provokanten Aufmarsch nicht und lassen die Mullahs frei gewähren. Obwohl die Ahmadis die Stadt Rabwah selbst aufgebaut haben, sind sie auch hier den täglichen Beleidigungen und Diskriminierungen hilflos ausgeliefert.

Obwohl 95 Prozent der Bewohner Ahmadis sind, ist kein einziger Ahmadi in der Stadtverwaltung von Rabwah vertreten. Die Bewohner haben kein Recht auf Mitsprache bei allgemeinen Belangen der Stadt. Sie durften auch dann nicht mitentscheiden, als die Stadt auf Drängen eines Mullah plötzlich in Chenab Nagar umbenannt wurde, weil das Wort Rabwah im Koran vorkomme.

 

 

Die Regierung streitet alles ab

Indes herrscht in dem Dorf Gharmulan Virkan eine trügerische Ruhe. Die Kuppeln der Ahmadi-Moschee sind immer noch ein Politikum. Werden demnächst Tempel der Hindus und Gurdwaras der Sikhs wegen ihrer Kuppeln und Minarette ähnliches erleiden? Niemand kann das vorhersagen. Fest steht, dass die Lage für die religiösen Minderheiten zusehends gefährlicher wird.

Dass der pakistanische Außenminister bei seinem Deutschlandbesuch, auf die Fragen eines Journalisten jegliche Verfolgung von Minderheiten in seinem Land als Propaganda abtat, zeigt die wie die Regierung vor dem Problem die Augen verschließt. Oder es zeigt ihre Ohnmacht, wenn es darum geht, den religiösen Fanatismus in der pakistanischen Gesellschaft zu bekämpfen.

Just zu dem Zeitpunkt, als der pakistanische Außenminister in Berlin dementierte, dass Minderheiten verfolgt werden, wurde ein weiteres Gotteshaus der Ahmadis in Pakistan von einem Mob gemeinsam mit der Polizei angegriffen und die Minarette sowie der Mihrab, die nach Mekka weisende Gebetsnische, niedergerissen.

Mohammad Luqman

© Qantara.de 2021

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