US-Militäreinsatz in Afghanistan

Krieg ohne Strategie

Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat schon vor Wochen eine neue Afghanistan-Strategie angekündigt. Für Amerikas längsten Krieg fehlt jedoch von Anfang an eine politische Vision. Eine Analyse von Sandra Petersmann.

Jim Mattis reichte ein einziger, schnörkelloser Satz, um den längsten Krieg der Vereinigten Staaten zusammenzufassen. "Wir gewinnen in Afghanistan im Augenblick nicht", sagte der US-Verteidigungsminister am 13. Juni 2017 vor dem Senatsausschuss, der für die parlamentarische Kontrolle des Militärs zuständig ist. "Wir werden das so schnell wie möglich korrigieren", kündigte Mattis an. Die Korrektur lässt bis heute auf sich warten.

"Wir sind dort seit fast 17 Jahren. Und ich möchte erst herausfinden, warum wir dort seit 17 Jahren sind, wie es läuft und was wir darüber hinaus tun sollten", sagte Präsident Donald Trump rund einen Monat später, als er sich in Washington mit vier Afghanistan-Veteranen traf. Er ist nach George W. Bush und Barack Obama der dritte US-Präsident, der Soldaten in dieses Land schickt.

Am 19. Juli 2017, nur einen Tag nach seiner Begegnung mit den Veteranen, versammelte Trump dann seine Top-Sicherheitsberater im "Situation Room" des Weißen Hauses. Nach Informationen des amerikanischen Fernsehsenders NBC äußerte er in diesem Treffen seine wachsende Frustration über die Lage in Afghanistan. Trump soll unter anderem vorgeschlagen haben, den amtierenden US-Befehlshaber in Kabul, General John Nicholson, zu entlassen. Er soll wortreich zu erkennen gegeben haben, dass er sich militärisch falsch beraten fühlt.

Schutztruppe wird Kampftruppe

Nach dem 11. September 2001 liefen zwei parallele Missionen an: der Anti-Terror-Einsatz Operation "Enduring Freedom" und ISAF, die internationale Schutztruppe für Afghanistan mit UNO-Mandat. Rund 5000 ISAF-Soldaten sollten am Anfang in Kabul dafür sorgen, dass die neue Regierung von Präsident Hamid Karzai ein sicheres Umfeld hat. Außerhalb Kabuls schoss und bombardierte das „Enduring-Freedom“-Kontingent. 

Ab 2003 wurde der ISAF-Einsatz auf das ganze Land ausgeweitet, die Grenzen zwischen Operation "Enduring Freedom" und ISAF verschwammen. Die Schutztruppe wurde zur Kampftruppe. Doch in Deutschland weigerte sich die Politik bis April 2010 beharrlich, von einem Krieg zu sprechen.

Taliban auf dem Vormarsch in Afghanistan. Grafik: DW
Rückkehr des Terrors: Die wiedererstarkten Taliban und andere Terrorgruppen wie der "Islamische Staat" nehmen verstärkt urbane Zentren ins Visier. 19 Prozent aller zivilen Opfer in diesem Jahr entfallen nach UN-Angaben auf die afghanische Hauptstadt.

Es war US-Präsident Barack Obama, der mit einer massiven Truppenerhöhung versuchte, das Ruder in Afghanistan herumzureißen. In der Spitze waren im Jahr 2011 schließlich fast 140.000 internationale Soldaten im Land stationiert. Gleichzeitig verfolgte die Obama-Administration die Strategie, den Kampfeinsatz Ende 2014 zu beenden. Doch das ist bis heute nur auf dem Papier gelungen.

Keine Exit-Strategie

Zurzeit sind noch rund 13.000 ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert - für zwei Missionen: Aus der NATO-Schutztruppe ISAF ist die Beratungs- und Trainingsmission "Resolute Support" geworden, die afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und beraten soll. Der Anti-Terror-Einsatz "Enduring Freedom" trägt heute den Namen "Freedom's Sentinel". Hier sind vor allem US-Spezialkräfte im Einsatz, unterstützt von Kampfdrohnen und Luftangriffen. Erneut drohen die auf dem Papier getrennten Missionen zu verschmelzen.

Seit 2009 dokumentieren die Vereinten Nationen die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan, die seitdem kontinuierlich gestiegen ist. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres tötete der Krieg in Afghanistan mindestens 1662 Zivilisten. Die wiedererstarkten Taliban und andere Terrorgruppen wie der "Islamische Staat"  nehmen verstärkt urbane Zentren ins Visier. 19 Prozent aller zivilen Opfer in diesem Jahr entfallen nach UN-Angaben auf die afghanische Hauptstadt.

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